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08.11.2011

12:58 Uhr

Geld zurück holen

Teldafax-Gläubiger werden enttäuscht

VonJürgen Flauger, Sönke Iwersen

Es ist die Mutter aller Gläubigerversammlungen: Eine Dreiviertelmillion Menschen waren eingeladen, um sich ihr Geld von Teldafax zurückzuholen. Und was sie auf der Veranstaltung heute zu hören bekamen, war nichts Gutes.

Vorsicht geht vor - aber so verärgert waren die Teldafax-Gläubiger dann doch nicht heute. dapd

Vorsicht geht vor - aber so verärgert waren die Teldafax-Gläubiger dann doch nicht heute.

KölnEs sollte die größte Gläubigerversammlung der deutschen Wirtschaftsgeschichte werden. 750.000 Einladungen hatte Biner Bähr, der Insolvenzverwalter des Billigstromanbieters Teldafax verschickt – zehnmal so viel wie etwa im Insolvenzfall von Arcandor.

In Erwartung eines Massenandrangs mietete Bähr eigens das Staatenhaus auf dem Kölner Messegelände, das 12.000 Besucher fassen kann. Am Dienstagmorgen warteten Dutzende von Sicherheitsleuten, Garderobendamen und Helfer aller Art auf die vermeintlichen Besucherströme. Doch als der Insolvenzverwalter um 10 Uhr seine Rede begann, sprach er vor einem fast leeren Saal. Die wenigen versprengten Zuhörer vor ihm hörten nichts Gutes.

Chronologie der Teldafax-Pleite

1998: "Telefon, Daten, Fax"

Mit der Liberalisierung des Telekommunikationsmarktes 1998 bietet der Marburger Dienstleister Teldafax ("Telefon, Daten, Fax") über die Billigvorwahl 01030 günstige Telefongespräche an. Nur wenige Jahre später gerät das Unternehmen in finanzielle Schwierigkeiten. Rund 90 Millionen Mark schuldet Teldafax damals dem Bonner Telekom-Konzern, dessen Leitungen die Marburger mieten mussten. Es folgt die Abschaltung der Billigvorwahl durch die Telekom und die darauf folgende Abwanderung von Kunden ist das Aus: Wegen drohender Zahlungsunfähigkeit stellt das Unternehmen im April 2001 einen Insolvenzantrag. Im Zuge des Insolvenzverfahrens kauft dann eine Schweizer Investorengruppe das Unternehmen.

2002: Die Teldafax GmbH entsteht

Im Jahr 2002 wird das Unternehmen mit dem Firmennamen "oneVoice Communication" gegründet, das ein Jahr später den Markennamen "Teldafax" des Vorgängers übernimmt, ohne dessen Rechtsnachfolger zu werden. Es resultiert die "Teldafax GmbH".

2007: Das Geschäft mit dem Strom

Nach vielen Umstrukturierungen entsteht 2006 schließlich unter der "Teldafax Holding AG", die inzwischen mehrere Tochtergesellschaften umfasst, die "Teldafax Energy GmbH", die ab 2007 aktiv im bundesweiten Stromgeschäft tätig ist. Ab Juni 2008 bietet das Unternehmen auch Erdgas an.

2008: Risse in der Fassade

Der Billiganbieter wird von Kunden geradezu überrannt. Kein Wunder: Teldafax liegt mit seinen Angeboten teils 40 Prozent unter den Preisen des örtlichen Platzhirschs. So macht der Anbieter den großen vier - RWE, Eon, Vattenfall und EnBW - heftige Konkurrenz. Doch schon ein Jahr nach dem Markteintritt zeigen sich bedrohliche Risse in der Fassade von Teldafax. Bei den Verbraucherschutzzentralen häuen sich die Beschwerden über fehlerhafte Abrechnungen, wahllose Abbuchungen und stures Abblocken von Reklamationen. Das Unternehmen reagiert gelassen. Die Probleme seien Einzelfälle, die allermeisten Kunden von Teldafax seien hochzufrieden.

2010: Schneeballsystem führt zur Überschuldung

Teldafax verwaltet nach eigenen Angaben im 1. Quartal 2008 bereits 400.000 Aufträge. Ende 2009 sollen es knapp 500.000 Kunden sein. Doch die Verluste wachsen ebenfalls. Nur dank immer neuer Kunden, denen eine Vorauszahlung von bis zu 1.000 Euro abverlangt wird, kann Teldafax einen halbwegs geordneten Geschäftsbetrieb aufrechterhalten. Ende Oktober 2010 berichtet das Handelsblatt, dass der Stromanbieter überschuldet ist. Grund für die schwere Schieflage ist offenbar das Geschäftsmodell der Firma.

2010: Chaotische Zustände & Investoren

Doch die Beschwerden rissen nicht ab, immer wieder gab es Berichte über geprellte Teldafax-Kunden. Das Unternehmen wies 2010 alle Vorwürfe von sich und verbreitete trotz offensichtlicher Schieflage weiter Erfolgsmeldungen. So gelang es, im November 2010 russische Investoren zu gewinnen, die rund 50 Millionen Euro in das Unternehmen pumpten. Im März 2011 gab das Unternehmen die mehrheitliche Übernahme durch die beiden Investoren CPA Invest AG und Sigma Citation Capital Strategies bekannt.

2011: Höptner schmeißt hin

Im Mai 2011 meldet Teldafax einen Wechsel an der Spitze. Der Sanierer Hans-Gerd Höptner, erst seit März im Amt, schmeißt hin. Allein in den vergangenen vier Monaten hat das Unternehmen zwischen 150.000 und 200.000 Kunden verloren, weil es seine Rechnungen bei den Netzbetreibern nicht mehr bezahlen konnte. Der 69-jährige Höptner hatte Anfang März das Ruder übernommen, um das Unternehmen aus der dramatischen Schieflage zu bringen und eine drohende Insolvenz abzuwenden. Seine Strategie: Neue Kunden werben - mit höheren Preisen. "Discounter-Tarife, die nicht kostendeckend sind, wird es von uns in Zukunft nicht mehr geben", kündigte Höptner damals an. Seither aber schrumpft Teldafax dramatisch.

2011: Teldafax kappt die Stromleitungen

Teldafax meldet am 14. Juni Insolvenz an und setzt darauf die Belieferung der Kunden mit Strom und Gas aus.

2011: Razzia in Troisdorf

Erst kam der Insolvenzverwalter, dann die Kriminalbeamten. Mit einem Großaufgebot hat die Staatsanwaltschaft Bonn Ende Juni die Geschäftsräume von Teldafax durchsucht. Die Vorwürfe wiegen schwer. „Es besteht der Verdacht, dass Teldafax eine Vielzahl von Neukunden warb, um mit deren Vorauszahlungen bestehende Liquiditätslücken zu decken“, sagt die Staatsanwaltschaft Bonn. Umgangssprachlich nennt man ein solches Modell ein Schneeballsystem.

2011: Das Insolvenzverfahren beginnt

Für den zahlungsunfähigen Energie-Billiganbieter Teldafax beginnt am 01. September 2011 das Insolvenzverfahren: Nach Angaben des Bonner Amtsgerichts wäre es mit bis zu 750.000 Gläubigern wahrscheinlich das größte Verfahren dieser Art in Deutschland.

„Als ich in das Unternehmen kam, war sofort klar, dass Teldafax hoch defizitär arbeitete und seinen Geschäftsbetrieb unmöglich aufrecht erhalten konnte“, sagte Bähr. „Zudem stand ich als Insolvenzverwalter vor dem Problem, dass sehr viele Kunden ihren Strom schon im Voraus gezahlt hatten und ich kein Geld mehr von ihnen erwarten konnte. Gleichzeitig war aber auf den Konten einfach kein Geld da.“ Und dann berichtete Bähr von dem Chaos.

Die Teldafax-Masche

Video: Die Teldafax-Masche

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"Der Grund für die Insolvenz ist einfach. Es ging nicht darum Gewinn zu machen, sondern möglichst schnell viele Kunden zu gewinnen." Den alten Gesellschaftern war Ende 2008, Anfang 2009 klar, dass Teldafax die Verbindlichkeiten nicht würden bezahlen können. "Sie brauchten einen neuen Gesellschafter - und machten alles, um die Braut aufzuhübschen. Da mit jedem Kunden der Kaufpreis höher sein würde, war alles darauf ausgerichtet, möglichst viele Kunden zu gewinnen", so Bähr.

Kommentare (14)

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dieterelvis

08.11.2011, 10:42 Uhr

...schade, wo ich doch immer sofort bezahlt habe.lach.
hauptsache der RA bekommt sein geld.lach.

XYZ

08.11.2011, 11:11 Uhr

in einer im bundesanzeiger Bilanz von TF entdeckte ich auf der Aktivseite eine Position "Ausleihungen an Gesellschafter" in Höhe von über 11 Millionen. Von TF kam in der Reclabox der Hinweis, dass es sich um Ausleihungen an andere Firmen handelt.

Hier sind einwandfrei nachweislich die Anzahlungen der geschädigten Kunden geblieben. Ausleihungen an Gesellschafter = Selbstbedienungladen

Wer solche Positionen in der Bilanz ausweist, sollte mit Zuchthaus bestraft werden und solange in Zwangsarbeit gesteckt werden bis der letzte Cent wieder hereingeholt wird. In der Vetternwirtschaft wird solch einer Ausleihung natürlich nicht nachgegangen. Aus Erfahrungen werden unter Ausleihungen an Gesellschafter auch Entnahmen der Gesellschafter gebucht (=Selbstbedienung)

Mit tun nur die Geschädigten leid.



dvh

08.11.2011, 11:38 Uhr

na, wie stehn die wetten: kriegen die verantwortlichen 'ne bewährungsstrafe oder doch 'ne geldstrafe ??

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