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05.08.2015

12:00 Uhr

Germanwings-Absturz

„Das Restrisiko kann man nicht eliminieren“

VonChristoph Schlautmann

Seit vier Monaten beraten Experten über Konsequenzen aus dem Absturz von Germanwings-Flug 4U9525. Doch die Taskforce hat bisher wenig Greifbares geliefert. Lufthansa-Chef Spohr zieht jetzt eine ernüchternde Bilanz.

„Wer seine Krankheit mit so hoher Energie verheimlichen will, hat kaum Chancen, erkannt zu werden.“ dpa

Lufthansa-Chef Carsten Spohr

„Wer seine Krankheit mit so hoher Energie verheimlichen will, hat kaum Chancen, erkannt zu werden.“

FrankfurtVier Monate nach Gründung der mit Experten besetzten Taskforce, die Konsequenzen aus dem Absturz des Germanwings-Flugs 4U9525 ziehen soll, kommt Lufthansa-Chef Carsten Spohr zu ernüchternden Schlussfolgerungen. „Hier handelte es sich um ein Restrisiko, das man nicht eliminieren kann“, sagte er am Dienstagabend im Internationalen Club Frankfurter Wirtschaftsjournalisten.

Konkrete Handlungsanweisungen, wie künftig depressive Piloten vom Steuerknüppel ferngehalten werden können, gibt es bis heute nicht. „Wer seine Krankheit mit so hoher Energie verheimlichen will“, sagte Spohr, „hat kaum Chancen, erkannt zu werden.“

Germanwings-Absturz: Abschied nehmen am Ort der Katastrophe

Germanwings-Absturz

Abschied nehmen am Ort der Katastrophe

Es ist der Tag der Trauer, des letzten Abschiednehmens. Die Angehörigen der Opfer der Germanwings-Katastrophe versammeln sich am Absturzort in den Alpen. Es ist ein Gang, der in „absoluter Intimität“ stattfinden soll.

Am 24. März war ein Airbus A320 der Lufthansa-Tochter Germanwings, der sich auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf befand, in den französischen Alpen zerschellt. Die Untersuchungsbehörden in Marseille fanden schon nach wenigen Tagen heraus, dass der 27 Jahre alte Co-Pilot gezielt den tödlichen Sinkflug eingeleitet hatte, nachdem er den Piloten aus dem Cockpit ausgesperrt hatte. Alle 150 Insassen an Bord kamen ums Leben, darunter 72 Deutsche und 50 Spanier. Der Co-Pilot litt den Ermittlungen zufolge unter psychischen Problemen.

Zwei Wochen nach dem Absturz einigte sich Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) mit der Luftfahrtwirtschaft auf eine Taskforce, die helfen sollte, ähnliche Vorfälle künftig als Absturzursache auszuschließen. Im Mittelpunkt stand dabei zum einen die Frage, die gepanzerte Cockpit-Tür mit einem veränderten Sicherheitsmechanismus zu versehen. Zum anderen sollte die Flugtauglichkeit von Piloten genauer überprüft werden.

Doch die Expertenrunde unter dem Dach des Bundesverbands der Luftverkehrswirtschaft (BDL), an der Vertreter mehrerer Airlines, der Flugindustrie, Gewerkschaften und psychiatrische wie psychologische Sachverständige teilnahmen, fand bislang wenig Greifbares. „Für diese Art von Krankheiten gibt es kein Check-System“, gab Spohr nun eines der vorläufigen Ergebnisse wieder. Ein Krankheitsbild, wie es den 27-jährigen Co-Piloten prägte, ließe sich weder mit Tests noch mit gezielten Arztgesprächen entdecken. „Nur durch immerwährende Begegnungen findet man so etwas heraus“, sagte der Lufthansa-Chef. Da in Deutschland aber die freie Arztwahl garantiert sei, erlaube dies den Patienten, sich einer solchen Beobachtung zu entziehen.

Fakten und Fragen zum Germanwings-Absturz

Der Ablauf

Der Airbus der Lufthansa-Tochter Germanwings hebt am 24. März in Barcelona ab, Flug 4U9525, Ziel ist Düsseldorf. Die übliche Route. Der Kapitän verlässt kurz nach Erreichen der Reisehöhe das Cockpit, vermutlich, um auf die Toilette zu gehen. Nun übernimmt der Copilot Kommando und Steuer - und versperrt die Türe. Andreas L. leitet ohne Notsignal den Sinkflug ein, um 10.53 Uhr verschwindet der Airbus vom Radar. Er sinkt schnell und gleichmäßig, kein Sturzflug, und zerschellt.

Die Flugschreiber

Datenschreiber und Voicerekorder bringen Licht ins Dunkel der Katastrophe an Bord des Airbus A320, weil sie relevante Daten wie Kurs, Geschwindigkeit, Flughöhe oder Neigungswinkel der Maschine ebenso aufzeichnen wie die Kommunikation. Auf der einen Blackbox sind unter anderem das ruhige Atmen des Copiloten zu hören und die verzweifelten Versuche der Crew, die Tür zum Cockpit aufzuschlagen. Die andere Box belegt, dass L. beim Sinkflug sowohl die Höhe als auch die Geschwindigkeit des Flugzeugs nachsteuerte und aktiv das Steuer betätigte.

Das Wrack

An der Unglücksstelle in den Alpen ist die Bergung der Opfer und der Unglücksmaschine vom Typ Airbus A320 abgeschlossen. Alle großen Wrackteile des Flugzeugs sind geborgen. Der Boden muss noch von möglichen Schadstoffen gesäubert werden. Die Überreste des Flugzeugs lagern vorerst in einem Hangar in der nahe gelegenen 1400-Einwohner-Gemeinde Seyne-les-Alpes.

Der Täter

Ein Alleintäter, da sind sich die Ermittler sicher. Aufgewachsen in der Westerwald-Kommune Montabaur wohnte L. bis zuletzt dort, ebenso in Düsseldorf. Seit September 2013 arbeitete er als Copilot bei Germanwings, vorher war er nach Lufthansa-Angaben während einer Wartezeit Flugbegleiter. Als Absolvent kam L. frisch von der Verkehrsflieger-Schule der Lufthansa in Bremen zum Kölner Unternehmen.

Das Motiv

Kein Abschiedsbrief, kein Bekennerschreiben, aber deutliche Hinweise: Der Copilot litt 2009 unter einer schweren Depression, er war nach Ermittlerangaben damals suizidgefährdet. Die unterbrochene Pilotenausbildung setzte er fort, nachdem die Depression als abgeklungen galt. Volle Flugtauglichkeit wurde ihm damals mehrfach attestiert. Dennoch: Am Absturztag war der 27-Jährige krankgeschrieben - nur wusste das niemand. Zudem informierte er sich im Internet über Arten von Suizid, über Behandlungsmethoden und die Sicherheitsmechanismen von Cockpittüren. Bereits auf dem Hinflug von Düsseldorf nach Barcelona soll er den Absturz „geprobt“ haben und grundlos einen Sinkflug eingeleitet haben, wie die „Bild“-Zeitung berichtet. Handelte es sich letztlich um eine Verzweiflungstat? Und wenn ja, gab es dafür einen aktuellen Auslöser? Das ist ungeklärt.

Die Opfer

Beim Absturz der Maschine kamen alle 144 Passagiere, 2 Piloten und 4 Crew-Mitglieder ums Leben. Darunter waren nach Angaben des Auswärtigen Amts 72 Deutsche und 51 Spanier, aber auch Menschen aus den USA, aus Argentinien und der Elfenbeinküste. Allein 65 Opfer stammten aus Nordrhein-Westfalen, darunter 16 Schüler und 2 Lehrerinnen eines Gymnasiums in Haltern. Sie waren auf einem Austausch in Spanien gewesen.

Die technischen Folgen

Verkehrsexperten haben nach der Germanwings-Katastrophe zahlreiche Forderungen gestellt, einige wurden verworfen, mindestens eine dagegen umgesetzt: So haben sich alle deutschen und viele internationalen Fluglinien darauf verständigt, dass nun ein Cockpit zu jedem Zeitpunkt immer mit zwei Crewmitgliedern besetzt sein muss. Piloten warnten indes vor weiteren voreiligen Schlüssen aus dem Absturz.

Die finanziellen Folgen

Das Unternehmen sagte den Hinterbliebenen eine Soforthilfe von jeweils bis zu 50.000 Euro zu. Hart dürften die Verhandlungen der Anwälte mit der Lufthansa um Schmerzensgeld werden. Die Airline hatte hier zunächst 25.000Euro für die Hinterbliebenen eines jeden Opfers angeboten. Ein Versicherungskonsortium hat 278 Millionen Euro bereitgestellt, die Summe ist für die Entschädigungszahlungen an die Hinterbliebenen und die Arbeit der Betreuungsteams sowie für den zerstörten Airbus A320 gedacht.

Verstärkte Drogen- oder Alkoholtest könnten seiner Ansicht nach die Sicherheit zusätzlich verstärken. „Proben aber dürfen wir nicht selbst nehmen“, erklärte Spohr, „sondern nur die Polizei.“ Auf die Ermittlungen der französischen Staatsanwaltschaft zur Mitschuld der Fluggesellschaft angesprochen, erwiderte der Lufthansa-Vorstandschef deshalb: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie etwas findet, das zur Anklage führt.“

Kommentare (4)

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Herr Max Nolte

05.08.2015, 12:11 Uhr

Man kann nichts komplett ausschließen...das geht einfach nicht...man kann auch nie einen Geiselnehmer oder Sprengstoffattentäter 100% ausschließen oder erkennen.

Man sollte das Betreuungsangebot für Personal mit seelischen Problemem erhöhen, ohne dass diesen direkt gekündigt bzw. die Fluglizenz entzogen wird...oberflächlich betrachtet natürlich, ich bin kein Seelenforscher und auch kein Personalberater...

Aber was soll Spohr sonst noch machen?

Herr Vitto Queri

05.08.2015, 12:16 Uhr

>> Konkrete Handlungsanweisungen, wie künftig depressive Piloten vom Steuerknüppel ferngehalten werden können, gibt es bis heute nicht. >>

Wie einfach es doch ist, an der fabrizierten Lüge mit dem suizidgefährdeten Co-Piloten, für die es KEINERLEI Beweise gibt ( genau so hätte es auch der Pilot sein können ) , herumzureiten und sich dabei noch zu profilieren.

Herr Marc Schmutz

05.08.2015, 12:45 Uhr

Der Umgang von Winkelmann und hauptsächlich Spohr mit den Absturzereignissen sind ein Bilderbuch Beispiel für ein desaströses Krisenmanagement. Und zwar vom ersten Auftritt bis heutzutage. Was Spohr machen kann? Restrisiko ist nicht auszuschliessen, aber eine ausserordentlich kulante Entschädigung ist längst überfällig (7stellig!)

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