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27.03.2016

17:33 Uhr

Gier und Maßlosigkeit haben dem Rotwein geschadet

Bordeaux erwartet die Renaissance

VonThomas Hanke

Auf dem Bordeaux-Jahrgang 2015 ruht die Hoffnung einer ganzen Region. Nach den deutlichen Rückschlägen in der Vergangenheit ist ein Erfolg bitter nötig – Erzeuger und Händler müssen sich vor neuem Übermut in Acht nehmen.

Auf dem Bordeaux-Jahrgang 2015 ruhen die Hoffnungen einer ganzen Region. AFP; Files; Francois Guillot

Zurück zu Ruhm und Qualität

Auf dem Bordeaux-Jahrgang 2015 ruhen die Hoffnungen einer ganzen Region.

BordeauxDie Weinbranche und die Freunde des Bordeaux richten ihre Augen auf den Jahrgang 2015: Er soll Erzeuger und Händler aus dem Trend rückläufiger Verkäufe und bescheidener Qualitäten herausreißen. Die Kunden hoffen auf einen besonderen Wein zu fairen Preisen. 2015 wird als exzellenter Bordeaux-Jahrgang geschätzt, der außerdem wieder ordentliche Mengen bietet.

Zugleich hofft man an der Gironde, die Folgen der eigenen Dummheiten zu überwinden, die Gier und Maßlosigkeit in den Jahren 2009 und 2010 verursacht haben. Die Preise der Spitzenweine aus Frankreichs berühmtestem und wichtigstem Anbaugebiet stiegen in astronomische Höhen. Der Rebensaft wurde vom Genussmittel zum Spekulationsobjekt, mit der Folge, dass viele traditionelle Kunden sich angewidert abgewendet haben. Vor allem China stieg aus. Ganz Bordeaux hatte unter dem Image zu leiden, überteuert zu sein.

10 Weine, die einen Weinsnob beeindrucken

Weine, die einen Weinsnob beindrucken 1

Rossmann, Beauchoisy brut intense, Saumur, Frankreich, Schaumwein. Wird ganz bestimmt serviert beim Pferderennen von Deauville! Die salzige Atlantikbrise weht sanft über die Bahn und die Pariser Haute Volée schlürft Austern aus silbernen Schalen. Ein Sommer, der in Erinnerung bleibt. 12,99 Euro. Quelle: SuperShoppenSchopper

Weine, die einen Weinsnob beindrucken 2

Lidl, Waldenhoff, Pinot Chardonnay, Vino Spumante brut 2013, Italien, Schaumwein. Ein Spumante wie der FC Barcelona: lauter Weltstars in der Spitze, aber kein einziger Spanier dabei. Ist Waldenhoff ein deutscher Club? Oder ein italienischer? Egal, es stürmen die Stars der Schaumweine. Und dann noch mild und überraschend subtil. 3,79 Euro.

Weine, die einen Weinsnob beindrucken 3

Rossmann, Enate Tempranillo Merlot, Somontano 2013, Spanien, Rotwein. Was für eine Sensation ist es, wenn man die Gelegenheit bekommt, Robbie Williams zu küssen?! (Oder aber Paris Hilton … je nach Geschlecht …) Und man stelle sich vor, er (sie) küsst leidenschaftlich zurück! Dafür nimmt man doch wirklich ein bisschen Mundgeruch in Kauf! Den hat man schnell vergessen. Der Glamour bleibt länger hängen. Und schmecken tut's herrlich! 5,99 Euro.

Weine, die einen Weinsnob beeindrucken 4

Rewe, Roodeberg 2013, Südafrika, Rotwein. Ein klassischer Blend, der sich problemlos unerkannt in eine Bordeauxverkostung einreihen könnte. Ein Wein für Zigarrenraucher, für Leute, die gerne im Schwarz-Weiß-Fotoalbum blättern und für Präsident Zuma, sobald die Diskussion um sein Schwimmbad beendet ist. Dunkle Beeren, die mit Lorbeer gewürzt sind. 5,99 Euro.

Weine, die einen Weinsnob beeindrucken 5

Netto, August Kessler S, Spätburgunder 2013, Pfalz, Rotwein. Es steht schon fast auf dem Etikett: S wie Super, wie das Super von Super Schoppen! :-) Eine Wucht an wilden Walderdbeeren. Schmeckt nach mehr! 7,99 Euro

Weine, die einen Weinsnob beeindrucken 6

Kaufland, Zonin Ripasso Valpolicella Superiore 2013, Italien, Rotwein. Casanova unter den Weinen: verführerisch und sanft, aber kräftig und charaktervoll. Der Liebhaber unter den Liebhabern. Vollreife Kirschen mit einem Anklang cremiger Schokolade. 8,49 Euro.

Weine, die einen Weinsnob beeindrucken 7

Rewe, Weinmanufaktur Krems, Grüner Veltliner trocken 2014, Österreich, Weißwein. So erfrischend wie ein Gletscherbach im Frühling. Man hört förmlich die Vögel vor lauter Freude singen. Kernig wird er durch die charmante Prise Pfeffer, die so typisch für den Grünen Veltliner ist. Das Wiener Schnitzel, das man hierzu essen will, formt sich im Geiste schon auf dem Teller. 5,99 Euro.

Weine, die einen Weinsnob beeindrucken 8

Aldi Nord, Colombard Sauvignon, Comté Tolosan 2014, Frankreich, Weißwein. Französischer Star mit internationaler Allùre, wie Isabelle Huppert zum Beispiel. Echt französischer Charakter, aber beliebt in aller Welt und zu Hause auf internationalem Parkett. Man merkt, dass Madame weit gereist ist: sie bringt die grasigen Aromen aus Neuseeland mit, verführt mit exotischen süß-sauer Noten aus Asien und erquickt mit der Frische des Atlantiks. 2,89 Euro.

Weine, die einen Weinsnob beeindrucken 9

Edeka, Schneider, Kaitui 2014, Pfalz, Weißwein. In diesem Jahr zeigt sich der Sauvignon Blanc trotz seines neuseeländischen Namens ganz international. Zu den "neue Welt" Aromen gesellen sich ein paar alte Klassiker aus Frankreich: Buchsbaum lässt grüßen. Der junge Wilde bekommt einen gediegenen Anstrich. Der Sauvignon Blanc aus der Pfalz wird erwachsen. 10,99 Euro.

Weine, die einen Weinsnob beeindrucken 10

Rewe Steitz & Beck, Silvaner 2014, Rheinhessen, Weißwein. Früher stand Silvaner auf der regionalen Bühne, jetzt macht er großes Kino! Ein echter Star mit allem Drum und Dran und Weltallre! Winnetou und Old Shatterhand, Don Camillo und Peppone, Steitz und Beck! Typischer Silvaner mit erfrischend herben Apfel- und Birnennoten. 4,99 Euro.

Der angesehene Kritiker Robert Parker, der viel zum preislichen Aufstieg der Bordeaux-Weine beigetragen hat, kritisierte das System der Terminverkäufe von Bordeaux-Weinen („vente en primeur“) als völlig aus dem Ruder gelaufen: Weine der teuren Jahrgänge, die als Primeur gekauft wurden, sanken später kräftig im Preis. Eine nachträgliche Korrektur, die das komplexe und wenig transparente System gerade durch das Finden eines angemessenen Preises vermeiden sollte. Wer also auf das legendäre Modell aus Erzeugern, Händlern und Maklern vertraute, war der Dumme. Ist es damit am Ende?

Patrick Bernard, Chef von Millesima, glaubt das nicht. Wir sitzen in seinem Depot am Quai de Paludate in Bordeaux, ganz nahe an der Garonne. Es ist kalt, 12 bis 13 Grad, ideale Temperatur für den Wein, nicht für den Menschen. Aber Bernard redet sich warm: „Das System funktioniert, wenn alle ihren gerechten Anteil an der Wertschöpfung haben: Erzeuger, Händler, Grossisten, Exporteure, Importeure, Einzelhandel und Kunde“, doch sei seit dem Jahrgang 2010 „neben dem Anteil der Châteaux nicht mehr viel für die anderen übrig geblieben“, sagt er dem Handelsblatt im Interview und schließt sich damit indirekt der Kritik an. Parker, der seit dem vergangenen Jahr keine Weine mehr benotet und an Neil Martin übergeben hat, habe dazu beigetragen, dass sich die Nachfrage auf Weine mit Spitzenbewertung von 95 oder mehr Punkten konzentriert habe und sich Preisblasen bildeten.

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Bernard hat Millesima zum größten Internet-Händler für Spitzenweine gemacht. Nun übergibt er an seinen Sohn Fabrice. Doch vorher startet er noch einen weiteren Anlauf, seine Kundschaft auszweiten: „Wir beginnen, besonders guten Riesling aus Deutschland zu listen.“ Die Produkte exzellenter Lagen an der Mosel, im Rheingau und in der Pfalz sollen schon bald auf der Millesima-Preisliste zu finden sein. Sie treten damit neben die Gewächse aus Frankreich, Italien, Portugal, den USA und Australien.

Bernard will damit einen Erfolg wiederholen, den er zuerst in Italien erreicht hat: „Dank unserer Verbindungen und unserer Mitarbeiterin Viviana Vecchione haben wir ausgezeichnete italienische Weine ins Programm bekommen, das hat neue Kunden beeindruckt.“ Millesima habe damit seine Professionalität bei neuen Liebhabern unter Beweis gestellt, „die aber dann ganz andere Weine kaufen, vor allem französische.“ Bertrand hofft, dass sich dieser Effekt in Deutschland wiederholt: Riesling anbieten, um die Neigung der Kunden zu gewinnen und sie dann auch zu anderen Angeboten des Haues zu lotsen. Denn für einen deutschen Riesling braucht niemand ein Handelshaus aus Bordeaux.

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