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25.02.2016

16:04 Uhr

Glyphosat im Bier

Wie Umweltschützer das Bier vergiften

VonChristoph Kapalschinski

Die Aufregung ist groß: Das Umweltinstitut München hat Pflanzenschutzmittel im Bier gefunden. Doch die Organisation nutzt das Lieblingsgetränk der Deutschen bloß, um für ihre politischen Ziele zu streiten. Ein Kommentar.

Wenig überraschend, dass auch Bier geringe Mengen an Pflanzenschutzmitteln enthält. dpa

Gezapftes Bier

Wenig überraschend, dass auch Bier geringe Mengen an Pflanzenschutzmitteln enthält.

Es gibt Studien, deren Ergebnis steht schon fest, bevor überhaupt eine Zeile geschrieben ist. Ein schönes Beispiel ist eine Untersuchung der Kampagnen-Organisation Foodwatch zum Zuckergehalt von Kinderlebensmitteln. Darunter zählten die selbsternannten Verbraucherschützer zahlreiche Sorten von Haribo-Weingummis. Das allzu erwartbare Ergebnis: Die Lebensmittelindustrie verzuckert die Kleinsten. Mission erfüllt: Die spendenfinanzierte Organisation war in den Schlagzeilen – und die Industrie stand dumm da.

Genauso funktioniert die aktuelle Aufregerstudie zum Bier. Wenig überraschend ist, dass auch Bier geringe Mengen an Pflanzenschutzmitteln enthält. Denn, oh Wunder, neben Wasser sind auch pflanzliche Stoffe im Bier enthalten: Hopfen und Malz, Gott erhalt’s.

Christoph Kapalschinski ist Redakteur im Ressort Unternehmen & Märkte. Pablo Castagnola

Der Autor

Christoph Kapalschinski ist Redakteur im Ressort Unternehmen & Märkte.

Es muss also für das Umweltinstitut München von vornherein klar gewesen sein, dass Pflanzenschutzmittel im Bier nachweisbar ist, wenn man nur mit ausreichend empfindlichen Messmethoden sucht – so wie Zucker in Gummibärchen. Ansonsten wäre das Geld für die Studie sinnlos ausgegeben worden: Eine Studie ohne Befund kann keine Lobbyorganisation gebrauchen.

Ganz offensichtlich geht es dem Umweltinstitut gar nicht ums Bier. Die Kampagneros haben schlichtweg das beliebteste Getränk der Deutschen gewählt, um in einem schon länger laufenden Konflikt Munition zu bekommen: dem Streit um Glyphosat. Das hochpotente Unkrautvernichtungsmittel halten etliche Wissenschaftler und noch mehr Umweltschützer für krebserregend und gefährlich.

Rangliste 2: Hier steckt viel Unkrautvernichter im Bier

Grenzwert

Der Trinkwasser-Grenzwert in Deutschland beträgt 0,1 Mikrogramm pro Liter (μg/l)

Köpi

König Pilsener, Bitburger Braugruppe, 3,35 μg/l

Oettinger

Oettinger Pils, Oettinger Brauerei, 3,86 μg/l

Veltins

Veltins Pilsener, Veltins, 5,78 μg/l

Radeberger

Radeberger Pilsner, Radeberger Gruppe, 12,01 μg/l

Warsteiner

Warsteiner Pils, Warsteiner Gruppe, 20,73 μg/l

Jever

Jever Pils, Radeberger Gruppe, 23,04 μg/l

Hasseröder

Hasseröder Pils, Anheuser-Busch InBev, 29,74 μg/l

Doch bislang können sie sich bei den Regulierern in der EU nicht durchsetzen: Die Behörden wollen den Einsatz in der Landwirtschaft weiter erlauben. So lange das so ist, finden sich in den meisten Agrarprodukten Rückstände davon. Das kann man für bedenklich halten – oder wie das Bundesinstitut für Risikobewertung eben nicht. Am Donnerstag hat sich zumindest der Bundestag für eine baldige Neuzulassung des umstrittenen Pflanzenschutzmittels in der EU ausgesprochen.

In diesem Streit will das Umweltinstitut Rückenwind für das Anti-Glyphosat-Lager bekommen – und nutzt dafür die Bierliebe der Deutschen aus. Als Kollateralschaden trifft die Empörung nun die Bierbrauer, die für die Belastung ihrer Produkte gar nichts können. Das Umweltinstitut nimmt das für sein höheres Ziel in Kauf.

Rangliste 1: Hier steckt wenig Unkrautvernichter im Bier

Grenzwert

Der Trinkwasser-Grenzwert in Deutschland beträgt 0,1 Mikrogramm pro Liter (μg/l)

Augustiner

Augustiner Helles, Augustiner Bräu, 0,46 μg/l

Franziskaner

Franziskaner Weißbier, Anheuser-Busch InBev, 0,49 μg/l

Beck's

Beck‘s Pils, Anheuser-Busch InBev, 0,50 μg/l

Bitburger

Bitburger Pils, Bitburger Braugruppe, 0,55 μg/l

Paulaner

Paulaner Weißbier, Paulaner Brauereigruppe, 0,66 μg/l

Erdinger

Erdinger Weißbier, Erdinger Weißbräu, 2,92 μg/l

Krombacher

Krombacher Pils, Krombacher Brauerei, 2,99 μg/l

Fair ist das nicht. Auch nicht gegenüber den Verbrauchern, die – wieder einmal – verunsichert werden. Denn wer kann schon als Laie einschätzen, welche Menge Glyphosat nun gefährlich ist. Die meisten Journalisten ebenso wenig wie Verbraucher – das erklärt Schlagzeilen und Interesse. Die Menge in einem Glas Bier jedenfalls ist wohl nicht wirklich schädlich.

Bei der Gesamtbelastung in der Umwelt kann man nicht so sicher sein. Aber das ist ein ganz anderes Kapitel.

Glyphosat im Bier: Testergebnisse für wichtige Marken

Was ist Glyphosat?

Glyphosat ist der weltweit am meisten eingesetzte Pestizidwirkstoff. Die vom Agrarkonzern
Monsanto in den 1970er Jahren entwickelte chemische Verbindung tötet alle Pflanzen, die
damit in Kontakt kommen. Im Jahr 2014 wurden allein in Deutschland rund 5400 Tonnen auf
Äckern und in Gärten verspritzt.
Quelle: Umweltinstitut München e.V.

Ergebnis

Bei allen getesteten Bieren wurde das Institut fündig. Für Bier
existiert zwar kein eigener Grenzwert, der höchste gemessene Wert lag jedoch mit 29,74
Mikrogramm pro Liter (μg/l) fast 300-fach über dem Trinkwasser-Grenzwert (0,1 μg/l).
Selbst der geringste gemessene Wert lag noch um das Fünffache über dem Grenzwert für Trinkwasser.

Wie wurde getestet?

Die Proben wurden im Zeitraum Dezember 2015 bis Januar 2016 in Supermärkten erworben. Zur Untersuchung der Proben wurde die sogenannte ELISA-Methode benutzt. Diese Methode ist die sensibelste, die es derzeit gibt.

Wie viele wurden getestet?

14 deutsche Biere wurden getestet, jeweils das absatzstärkste Produkt der im Jahr 2015 beliebtesten Biermarken in Deutschland. Ausschlaggebend war nicht die Größe der Brauerei, sondern die Absatzmenge der Biermarke.

Prognose

Alle getesteten Biere enthielten Rückstände von Glyphosat. Dies lässt vermuten, dass auch andere Biersorten und Biermarken bzw. Brauereien von einer Belastung mit Glyphosat betroffen sein können.

Forderung

Nun sind die Brauereien am Zug, ihre Produkte und Zutaten genau zu überprüfen. Sie müssen klären, wie Glyphosat in das Bier gelangen konnte und in Zukunft sicherstellen, dass ihre Produkte frei von Pestizidrückständen sind.

Problem

Durch die hohen Einsatzmengen in der Landwirtschaft finden sich Glyphosatrückstände inzwischen fast überall. Das Pestizid stellt eine Gefahr für Mensch und Umwelt dar. "Wir fordern die Bundesregierung dazu auf, sich auf europäischer Ebene gegen eine erneute Zulassung von Glyphosat einzusetzen", fordert das Umweltinstitut. Über die Neuzulassung wird voraussichtlich im März entschieden Unternehmen

Getestete Marken (1)

Oettinger Pils, Bitburger Pils, Krombacher Pils, Beck‘s Pils, Paulaner Weißbier, Veltins Pilsener, Hasseröder Pils

Getestete Marken (2)

Radeberger Pilsner, Warsteiner Pils, Hasseröder Pils, Radeberger Pilsner, Erdinger Weißbier, Augustiner Helles, Franziskaner Weißbier

Kommentare (58)

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Herr Franz Paul

25.02.2016, 16:11 Uhr

Wer hat die Studie bezahlt? Anhaeuser-Busch? Und who the fuck ist foodwatch? Nach dem Angriff auf den deutschen Dieselmotor ist jetzt deutsches Bier dran?

Herr Josef Schmidt

25.02.2016, 16:16 Uhr

Was soll diese Monsantopropaganda hier ? Werden jetzt Artikel von Monsansto bezahlt als unabhängiges Journalismus verkauft ?

Glyphosat hat in keinem Lebensmittel was zu suchen.

Frau Annette Bollmohr

25.02.2016, 16:24 Uhr

Tja, da sieht man's mal wieder: Das ganze Leben ist ungesund.

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