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20.09.2013

16:47 Uhr

Grausamer Vorfall

Aldi-Azubis sollen misshandelt worden sein

In einem Lager des Discounters Aldi soll Grausames passiert sein. Auszubildende sollen von Vorgesetzten mit Folie gefesselt und angemalt worden sein. Die Azubis hatten keine Anzeige erstattet, Aldi ist entsetzt.

Discounter-Filiale: Azubis von Aldi Süd sollen im Zentrallager Mahlberg von Vorgesetzten misshandelt worden. dpa

Discounter-Filiale: Azubis von Aldi Süd sollen im Zentrallager Mahlberg von Vorgesetzten misshandelt worden.

HamburgSkandal bei Deutschlands größtem Discounter: Ein Aldi-Manager soll laut einem „Spiegel“-Bericht zusammen mit anderen Mitarbeitern Auszubildende misshandelt haben. Das Unternehmen bestätigte die Vorwürfe am Freitag auf dpa-Anfrage im Wesentlichen. Demnach wurden missliebige Nachwuchskräfte in einem Zentrallager im baden-württembergischen Mahlberg mit Frischhaltefolie an Pfosten gefesselt und von anderen Mitarbeitern im Gesicht mit Filzstiften beschmiert, wie das Nachrichtenmagazin berichtete.

„Zu unserer Bestürzung hat sich durch interne Recherchen gezeigt, dass das beschriebene Geschehen in seiner Kernaussage der Wahrheit entspricht“, erklärte Aldi. Das Unternehmen habe erst durch eine Anfrage des Magazins von den Vorfällen erfahren und sei darüber „entsetzt“ gewesen, hieß es weiter. Sowohl die leitenden Verantwortlichen als auch die aktiv an der Tat beteiligten Mitarbeiter seien bereits zur Rechenschaft gezogen worden.

Der „Spiegel“ berief sich in seinem Bericht auf das Buch eines ehemaligen Aldi-Managers, in dem eines der Opfer die Vorgänge beschreibt. Die Folie sei so stark gespannt gewesen, dass er kaum mehr habe atmen können, zitierte das Magazin den Auszubildenden. Vorgesetzte hätten diese Schikane verfolgt und gebilligt. Die ganze Prozedur sei von Kollegen auf Foto und Video festgehalten worden, Teile der Misshandlungen seien sogar im Internet zu sehen.

Warum Aldi billig ist

Es ging ums Sattwerden

Es ist eine Gretchenfrage: Wie viele Artikel biete ich meinen Kunden an? 1946 ging es um nichts mehr als ums Sattwerden. Die Aldi-Brüder schauten auf ihren Tages- und Wocheneinkauf. Erst im Laufe der Jahre kamen Non-Food-Artikel hinzu – anfangs waren sie verpönt.

Zahl der Artikel

Mit der Zeit pendelte man sich bei 400 Artikeln ein. Inzwischen – in Zeiten der feiner werdenden Nuancen – ist die Zahl auf 900 Artikel gewachsen. Der Stellplatz in den Filialen hat natürliche Grenzen. Zudem ist Produktpflege ein aufwändiges Geschäft.

Das oberste Gebot

Von Beginn an galt bei den Albrechts das Gebot der Warengleichheit: In allen Filialen sollten die Kunden dieselben Produkte finden. Schnell ging es soweit, dass sie es sogar an derselben Stelle fanden.

Die Revolution

Eine echte Revolution war die Einführung von Kühlware in den 70er-Jahren. Sowohl bei Aldi Nord als auch bei Aldi Süd gingen Grundsatz-Diskussionen voraus. Entgegen der Behauptungen gab es darüber aber keinen brüderlichen Zwist. Allerdings musste der vorpreschende Karl Überzeugungsarbeit leisten beim abwägenden Theo. Doch die Kühltruhe kam, erst im Kleinformat, dann immer mehr.

Markenartikel? Nein, Danke!

Seit Jahren macht andere Discounter wie Netto (vorher Plus) gute Geschäfte mit Markenartikeln. Aldi hat stets eine Aversion gegen sie gehabt. Auf der anderen Seite taten sich die Hersteller von Markenartikeln anfangs auch sehr schwer, bei einer Billigkette zu listen, als die Aldi galt.

Aldis Problem

Vereinfacht gesagt besteht Aldis größtes Problem darin, die erforderlichen Liefermengen von mehreren Anbietern zu beziehen. Bei vergleichenden Qualitätsstandards heißt es immer wieder: Bedarfsdeckung versus Preis. Gerade zu Ostern und Weihnachten ist es eine Sisyphusarbeit in Planung und Organisation, für ausreichend Waren zu sorgen und sie auf die Filialen zu verteilen.

Harte Gespräche mit Lieferanten

Die Preisfindung in diesem „Wettkampf“ ist das eigentliche Erfolgsrezept Aldis. Als Marktführer, ausgestattet mit dem Hebel der Mengemacht, hat man hier natürlich Vorteile. Dabei bündeln Aldi Nord und Aldi Süd ihre Einkaufsstrategie in vielen Sortimenten. Auf der anderen Seite hat Aldi auch kein Interesse, die Lieferanten so sehr zu schröpfen, dass sie in den Ruin gehen. 

Die große Verlockung

Lieferanten unterliegen leicht der großen Verlockung, mit Aldi so zu verhandeln, dass die eigentlichen Kapazitätsgrenzen überschritten werden. Zwar kann man mit Aldi vermögend werden, aber das Risiko, sich zu sehr abhängig zu machen, ist groß. Denn Aldi streicht durchaus schnell einen Lieferanten. Fachleute raten dazu, maximal 50 Prozent seiner Produkte an Aldi zu verkaufen.

Das Preisdiktat

Die Wettbewerber sind dem Preisdiktat ausgesetzt. In den vergangenen Jahres war gut zu beobachten, was passiert, wenn Aldi die Preise für Alltagsprodukte wie Milch senkte: Die Konkurrenz zog innerhalb weniger Stunden nach. Preisvergleich und Preispolitik sind Tagesaufgaben.

Wie preissensibel ist der Kunde

Doch warum agieren die Discounter eigentlich so nah am „gerechten Preis“? Die Frage ist durchaus berechtigt, denn die Durchschnittskunde ist eigentlich sehr wenig mit den Preisen vertraut. Er stellt seinen Warenkorb den Bedürfnissen und Gepflogenheiten zusammen. Die meisten gehen nicht mit offenen Augen durch die Läden. Angebote werden auch bei Aldi sehr deutlich mit andersfarbigen Schildern gekennzeichnet, damit sie überhaupt auffallen. Umso wichtiger ist also, dauerhaft der Preisführer zu sein – und dieses Image zu pflegen.

Der Jugendliche habe sich nicht getraut, Anzeige zu erstatten. „Ich hatte Angst, sofort wieder gekündigt zu werden, da ich noch in der Probezeit war“, wird er zitiert. Ihm sei außerdem angedroht worden, bei weiterem Fehlverhalten ins Tiefkühlabteil bei Temperaturen von minus 20 Grad gesperrt zu werden.

Bei der Gewerkschaft Verdi sorgte der Fall für Empörung. Die Fachbereichsleiterin Handel im Landesbezirk Berlin-Brandenburg, Erika Ritter, sagte der Nachrichtenagentur dpa: „Dass Azubis mitunter nicht gut behandelt werden, ist eine Tatsache. Aber so etwas habe ich noch nie gehört.“ Sie berichtete, vor allem bei Tankstellen komme es häufiger vor, dass die Azubis „bis aufs Blut“ ausgebeutet würden. Auch im Lebensmittelhandel seien viele unbezahlte Überstunden nicht ungewöhnlich. Dabei werde dann auch gern gedroht, dass eine Weigerung die Übernahme nach dem Ende der Ausbildung gefährde.

Von

dpa

Kommentare (9)

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Tom

20.09.2013, 12:58 Uhr

Ein weiterer Beweis dafür, das es mit ALDI Jahr für Jahr bergab geht und die Mitbewerber stetig bedrohlich näher kommen...aber Hochmut kommt bekanntlich IMMER vor dem Fall. ALDI ist beratungsresitent- Schlecker-Syndrom.

Account gelöscht!

20.09.2013, 13:46 Uhr

Kann aber auch die Rache von einem Azubi weil er erwischt wurde als er Lebensmittel klaute und daraufhin vor die Tür gesetzt wurde.

Im Artikel steht auch: "Bei weiterem Fehlverhalten".
(War wohl nicht das erste Mal, dass die Mist gebaut haben).

Wer weiss, wie sich die heutigen Azubis im Allgemeinen so verhalten.
Große Klappe, aber nichts in der Birne.

Sollen froh sein, von Aldi einen Job bekommen zu haben.
Oder hätten sich in der Schule mehr anstrengen sollen, dann müssten sie jetzt nicht Obst in Regale einräumen.


Könnte ich jetzt genauso unreflektiert entgegenhalten.

damervau

20.09.2013, 14:22 Uhr

Da kann ich nur empfehlen:

Vor der einer Lehre im
Lebensmitteleinzelhandel zuerst Ministrant i.d. Kirche
und noch ein freiwilliges Jahr bei der Bundeswehr !
Das härtet schon ´mal ab.

Ich freu´ mich schon auf die langen Bondagefan-Schlangen
am Montag um 8 Uhr (Ladenöffung), die den Artikel im
Spiegel falsch verstanden haben.

J. Damervau

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