Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

22.06.2015

17:00 Uhr

Griechische Woche beim Discounter

Mit dem Aldi-Ouzo die Krise schöntrinken

VonFlorian Kolf, Annkathrin Frind

Purer Zufall oder Ironie? Während in Brüssel über den Verbleib der Griechen in der Eurozone verhandelt wird, bringt sich Aldi mit einer „griechischen Woche“ ins Gespräch. Dabei stammen gar nicht alle Produkte aus Hellas.

Der Discounter hat pünktlich zum Krisengipfel zahlreiche griechische Spezialitäten im Angebot. Screenshot

Griechische Woche bei Aldi Süd

Der Discounter hat pünktlich zum Krisengipfel zahlreiche griechische Spezialitäten im Angebot.

DüsseldorfMit einem Glas kretischem Honig die Euro-Krise versüßen oder sich mit einer Flasche Ouzo den Verhandlungsfrust um die Rettung Griechenlands schöntrinken? Aldi macht's möglich. Mit der Ladenöffnung am Montagmorgen hat die Euro-Krise die Supermarktregale des Discounters erreicht. 

Wenige Stunden, bevor Bundeskanzlerin Angela Merkel und weitere Staats- und Regierungschefs über den möglichen Grexit der Hellenen in der Euro-Zone verhandeln, ruft der Essener Discounter eine „Griechische Woche“ aus. So gibt es Bifteki für 3,99 Euro die Packung oder ein 1600-Gramm-Glas Oliven für 4,29 Euro. Und die Marketing-Abteilung schwärmt: „Griechische Köstlichkeiten – kommen Sie mit auf eine kulinarische Reise.“

Die Meinungen der User in den sozialen Medien sind gespalten. So fragt Andreas Heß ironisch auf der Facebook-Seite von Aldi Süd: „Bekommt man das auf Pump?. Oder zahlt die EZB meinen Einkauf?". Auch ein anderer Facebook-Nutzer nimmt es eher von der witzigen Seite: „Können wir mit Drachme bezahlen?“ Raphael Sanzio Da Urbino dagegen übt deutliche Kritik am Unternehmen: „Lustig, aber wenn man überlegt, was daran alles hängt, eher geschmacklos.“

Schuldenschnitt bis „Grexit“ – wichtige Begriffe in der Schuldenkrise

Griechisches Schuldendrama

Vom Rettungsschirm über den Schuldenschnitt bis zum „Grexit“ – im griechischen Schuldendrama kommen immer wieder schwierige Begriffe vor. Was verbirgt sich dahinter eigentlich?

Hilfsprogramm

Dies bezeichnet aus Sicht der EU-Finanzminister die finanziellen Hilfen plus der von Griechenland versprochenen Sparprogramme und Reformen. Für die Europartner gibt es derzeit nur die Option, das aktuelle Hilfsprogramm inklusive der Sparauflagen zu verlängern.

Kreditprogramm

Die neue griechische Regierung forderte hingegen bislang eine Verlängerung des „Kreditprogramms“. Damit will sie nach Einschätzung der Geldgeber ausdrücken, dass sie das Geld weiter will - aber nicht die Auflagen des Hilfsprogramms.

Anleihe

Staaten brauchen Geld. Weil Steuereinnahmen meist nicht ausreichen, leihen sie sich zusätzlich etwas. Das geschieht am Kapitalmarkt, wo Staaten sogenannte Anleihen an Investoren verkaufen. Eine Anleihe ist also eine Art Schuldschein. Darauf steht, wann der Staat das Geld zurückzahlt und wie viel Zinsen er zahlen muss.

Schuldenschnitt

Manchmal hat ein Staat so viel Schulden, dass er sie nicht zurückzahlen kann und auch das Geld für Zinszahlungen fehlt. Dann versucht er zu erreichen, dass seine Gläubiger auf einen Teil ihres Geldes verzichten. Das nennt man Schuldenschnitt. Dieser schafft finanzielle Spielräume. Allerdings wächst auch das Misstrauen, dem Staat künftig noch einmal Geld zu leihen.

Rettungsschirm

Seit 2010 hatten immer mehr Staaten wegen hoher Schulden das Vertrauen bei Geldgebern verloren. Für sie spannten die Europartner einen Rettungsschirm auf. Er hieß zuerst EFSF, wurde später vom ESM abgelöst. Faktisch handelt es sich um einen Fonds, aus dem klamme Staaten Kredithilfen zu geringen Zinsen bekommen können.

Primärüberschuss

Griechenlands Schuldenberg ist – gemessen an der Wirtschaftsleistung – der höchste in der Eurozone. Das sind nicht nur Altlasten, auch im laufenden Betrieb kommt das Land wegen der hohen Zinsbürde nicht ohne neue Schulden aus. In den Verhandlungen mit den Geldgebern musste Athen aber versprechen, zumindest unter Ausblendung der Zinsen weniger auszugeben als einzunehmen. Das nennt man Primärüberschuss.

Troika

In der Euro-Schuldenkrise wurde der Begriff für das Trio aus Internationalem Währungsfonds (IWF), Europäischer Zentralbank (EZB) und EU-Kommission gebraucht. Sie kontrollieren die verlangten Reformfortschritte. Im Euro-Krisenland Griechenland ist die Troika deswegen zum Feindbild geworden. In seinem Schreiben an die Eurogruppe spricht Athen nun von „Institutionen“. Auch die Europartner wollen das Wort „Troika“ nicht mehr verwenden. In offiziellen Dokumenten war ohnehin nie die Rede von der „Troika“.

Grexit

Der Kunstbegriff wurde aus den englischen Worten für Griechenland (Greece) und Ausstieg (Exit) gebildet – gemeint ist ein Ausstieg oder Rauswurf Griechenlands aus der Eurozone. So etwas ist in den EU-Verträgen allerdings gar nicht vorgesehen. Die Idee: Würde Griechenland statt des „harten“ Euro wieder eine „weiche“ Drachme einführen, könnte die griechische Wirtschaft mit einer billigen eigenen Währung im Rücken ihre Produkte viel günstiger anbieten.

Grimbo

Der Begriff „Grimbo“ ist eine Fusion von Greece, also Griechenland und Limbo, zu deutsch Limbus. Limbus kommt aus der katholischen Theologie und bezeichnet die Vorstellung einer Art Vorhof zur Hölle, in dem sich nach dem Tod jene Seelen aufhalten, denen der Zutritt zum Himmel verwehrt wurde, die aber auch nicht in die Hölle gekommen sind. Der Ausdruck steht für etwas, das sich in der quälenden Schwebe befindet. Gemünzt auf Griechenland meint „Grimbo“ ein Szenario, in dem Athen von den Europäern kein Geld bekommt und es auf absehbare Zeit keine Lösung gibt.

Graccident

Der Kunstbegriff wurde aus den englischen Worten für Griechenland (Greece) und Unfall (Accident) gebildet. Das Wort beschreibt die Möglichkeit, dass Griechenland das Geld ausgeht und es deshalb den Euro verlassen muss. Wie groß die Gefahren eines „Graccident“ wären, darüber gehen die Schätzungen auseinander. Wer eher für großzügige Griechenland-Hilfen argumentiert, hält die Gefahren eines „Graccident“ für größer – oder umgekehrt.

Moral Hazard

Moral Hazard ist die englische Bezeichnung für moralisches Wagnis. Gemeint ist die Ausnutzung der Solidarität aus rücksichtslos verfolgtem Eigeninteresse. Würden alle Staaten nur an sich denken, würde zunächst Griechenland (Verbindlichkeiten von knapp 180 Prozent des Bruttoinlandsprodukts nach OECD-Prognose) einen Schuldenschnitt bekommen. Dann stünde Portugal (140 Prozent des BIP) und dann Italien (150 Prozent des BIP) auf der Matte. Spätestens an diesem Punkt würde die globale Finanzwelt in die Katastrophe stürzen, weil einer der größten Anleihemärkte der Welt implodieren würde.

Purer Zufall oder bittere Ironie? Zu der passgenauen Sonderaktion, mit der Griechenland abseits der Politik zumindest wieder kulinarisch wieder in aller Munde ist, äußert sich das Unternehmen auf Anfrage nicht. Bekannt ist, dass der Discounter solche Aktionen mit regionalen Köstlichkeiten regelmäßig anbietet – und entsprechend langfristig im Vorhinein plant.

Kommentare (2)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

G. Nampf

22.06.2015, 14:38 Uhr

"„Unter der Voraussetzung, dass Produkte von griechischen Firmen sind, wäre das ein für die Griechen sinnvolleres Hilfsprogramm“, ... "

Vollkommen richtig.

Kauft griechische Produkte, macht dort Urlaub, helft den Griechen!
Sie haben es verdient.

Herr Fred Meisenkaiser

22.06.2015, 16:11 Uhr

Das hat schon BLÖD-Zeitungsniveau.

Im Übrigens gibt es diese verschiedenen Produkte in Griechenland nur, weil eben multinationale Konzerne eben keinen hemmungslosen Zugriff auf das Land haben. Und das ist gut so.
Somit gibt es noch spezifische Produkte und die Gewinne fließen nicht nur in die Taschen weniger!

Das ist es auch was in Griechenland wirklich stört: Das die Parasiten aus dem Ausland keinen Zugriff auf alles haben!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×