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18.10.2013

10:30 Uhr

Großfusion in der Granini-Welt

Wenn Saftläden zerquetscht werden

VonCarina Kontio

Die Saftindustrie war früher mal friedlich: Viele kleine Traditionsfirmen existierten neben Handelsmarken-Riesen. Heute drohen die kleinen Firmen zerdrückt zu werden. Ein Mega-Deal sorgt für Unruhe in der Branche.

Ob Elstar, Gala oder Jona Gold: Jahr für Jahr werden in Deutschland zwischen 500 und 800 Millionen Liter Apfelsaft erzeugt. dpa

Ob Elstar, Gala oder Jona Gold: Jahr für Jahr werden in Deutschland zwischen 500 und 800 Millionen Liter Apfelsaft erzeugt.

DüsseldorfDie Geschichte über Deutschlands Saftindustrie könnte man gut ganz idyllisch beginnen lassen und darüber schreiben, wie es momentan bei den Apfelbauern zugeht, die im Herbst Hochkonjunktur haben. Doch während es auf den Obstplantagen trommelt und prasselt und bis in den späten November rund 400.000 Tonnen reife Früchte in Erntekörbe fallen und über Container und ratternde Förderbänder in die Saftflaschen wandern, bahnt sich in der Branche Ungeheuerliches an.

Refresco und Gerber-Emig – zwei der größten Getränke-Giganten – fusionieren. Vor wenigen Tagen haben die Kartellbehörden geräuschlos dem Mega-Deal zugestimmt, durch den ein 2,3 Milliarden Euro Umsatz schwerer Konzern entsteht. Eine Hochzeit mit Folgen, denn der Zusammenschluss des niederländischen Konzerns Refresco, der unter anderem „ja!“-Eigenmarken für die Rewe-Gruppe abfüllt, mit der britischen Gerber-Emig-Gruppe, unter anderem Eigenmarken-Hersteller für Tesco und Sainsbury, bringt Bewegung in eine Branche mit langer Tradition.

Alleine in Deutschland hat die Saftindustrie in den vergangenen Jahren eine rasante Entwicklung durchgemacht: Etwa 380 Fruchtsafthersteller erwirtschafteten 2012 laut Verband der Deutschen Fruchtsaft-Industrie (VdF) mit gut 7.500 Beschäftigten einen Gesamtumsatz von 3,9 Milliarden Euro. Das waren im Jahr 1999 noch 2,7 Milliarden Euro. Kein Wunder, die Deutschen sind schließlich Weltmeister im Safttrinken. So konsumiert jeder Deutsche im Schnitt pro Jahr acht Liter Apfelsaft. Dazu kommen neun Liter Apfelsaftschorle und 7,8 Liter Orangensaft. Insgesamt wurden 2012 3,7 Milliarden Liter Fruchtsaft hergestellt.

Plätze 1-10 Fruchtsaft-Hersteller

Platz 1: Richard Hartinger (Riha)

Riha ist Deutschlands größter Fruchtsafthersteller. Mit Marken wie Fruchtquell erzielte Riha 2011 einen Absatz von 508,2 Millionen Liter, 276,7 davon in Deutschland. 176,7 Millionen Euro Umsatz bedeuten damit im Vergleich zum Vorjahr einen starken Zuwachs von 11,6 Prozent.

Platz 2: Emig

Die Emig GmbH erzielte 2011 einen Absatz von 433 Millionen Liter – 238,2 davon in Deutschland. Der Umsatz ging im Vergleich zu 2010 etwas zurück: 185 Millionen Euro bedeuten 3,6 Prozent Minus. (Geschätzte Daten)

Platz 3: Eckes-Granini

Eckes-Granini erzielte 2011 nur in Deutschland einen Umsatz von 395 Millionen Liter. Der Umsatz von 329 Millionen Euro bedeutet damit einen ganz leichten Zuwachs von 0,6 Prozent.

Platz 4: Refresco

Die niederländische Holdinggesellschaft Refresco brachte 2011 389 Millionen Liter an den Mann, 241 Millionen davon in Deutschland. Der Umsatz von 137 Millionen Euro bedeutet einen Rückgang um 2,8 Prozent. (Geschätzte Daten)

Platz 5: Stute

Der Getränkesektor des Paderborner Nahrungsmittelunternehmens Stute erzielte 2011 einen Absatz von 275 Millionen Liter, 229 Millionen in Deutschland. Der Umsatz ließ um 3,5 Prozent nach, er betrug 96 Millionen Euro. (Geschätzte Daten)

Platz 6: Valensina/Sportfit

Die Gladbacher Betriebe Valensina und Sportfit erzielten gemeinsam 2011 einen Absatz von 271 Millionen Liter, wovon 221 Millionen in Deutschland verkauft wurden. Die sich ergebenden 165 Millionen Euro Umsatz bedeuten ein Wachstum von 6,5 Prozent.

Platz 7: Niederrhein-Gold

Der in Moers ansässige Safthersteller Niederrhein-Gold erzielt 2011 einen Absatz von 232,5 Millionen Liter, 139,5 Millionen davon in Deutschland. Der Umsatz ging stark zurück: 57 Millionen Euro bedeuten einen Rückgang um 11,8 Prozent. (Geschätzte Daten)

Platz 8: Albi

Der baden-württembergische Getränkehersteller Albi setzte 2011 138 Millionen Liter seiner Säfte ab, 132 Millionen davon in Deutschland. Der Umsatz nahm um 3,3 Prozent zu, er betrug 94 Millionen Euro Umsatz. (Geschätzte Daten)

Platz 9: Punica

Der Fruchtsaft Punica wird von PepsiCo hergestellt und erzielte in Deutschland einen Absatz von 127 Millionen Liter. Das bedeutete mit dem Umsatz 127 Millionen Euro einen Einbruch um 7,3 Prozent. (Geschätzte Daten)

Platz 10: Elro-Gruppe

Die Rostocker Elro-Gruppe verzeichnete 2011 einen Absatz von 124 Millionen Liter, 114 Millionen in Deutschland. Der Umsatz (57,4 Millionen Euro) ist im Vergleich zum Vorjahr um 2,5 Prozent zurückgegangen. (Geschätzte Daten)

„Zwar geht der Pro-Kopf-Verbrauch seit Jahren langsam zurück, doch wir haben innerhalb von Europa noch immer einen sehr hohen Verbrauch“, sagt Thomas Hinderer, der die Eckes-Granini-Gruppe leitet. Das unabhängig geführte Familienunternehmen mit einem Umsatz von 900 Millionen Euro im Jahr ist in Deutschland die Nummer drei in der Liste der größten Fruchtsaftproduzenten.

Typisch für die Branche: Die wenigen großen Hersteller verdienen gut. „Die 20 größten Unternehmen vereinen 80 Prozent der Umsätze auf sich“, erklärt VdF-Geschäftsführer Klaus Heitlinger, dem Branchenverband der Safthersteller. „Dem gegenüber stehen sehr viele kleine und regionale Familienunternehmen mit Umsätzen von unter 10 Millionen Euro.“

Der Familienkonzern Eckes-Granini, der unter seinem Dach zahlreiche Marken wie Granini und Hohes C vereint, gibt sich angesichts der Mega-Fusion gelassen. Thomas Hinderer: „Wir konzentrieren uns auf unsere Stärken und nicht auf den Wettbewerb.“ Dazu muss man wissen, dass sich die Branche aus so genannten Private-Label-Herstellern, die für Handelsketten wie Aldi, Lidl und Rewe produzieren und Markenherstellern wie Eckes-Granini, Valensina oder Beckers Bester zusammen setzt. Bislang eine relativ entspannte Ko-Existenz. „Es gibt in jedem Markt sowohl Platz für Marken als auch für No-Name-Produkte“, sagt Hinderer. „Das betrifft nicht nur die Saftindustrie.“ Doch die Großfusion der europaweit tätigen Getränkehersteller Refresco und Gerber Emig bringt Bewegung in die Branche, die sich massiv im Konsolidierungsprozess befindet.

Kommentare (9)

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Account gelöscht!

18.10.2013, 11:13 Uhr

Die grossen zerquetschen die Kleinen, und was tun die "Wettbewerbshueter" der EU in Bruessel ??? Entweder die schlafen oder sind total von den Lobbysten der Grossfirmen vereinnahmt. Letzteres duerfte der Fall sein, wie es ja auch in den andern Branchen, speziell bei Chemie und Pharmazie seit Jahren der Fall ist.

Herr Stock: koennen Sie diesen Kommentar an die entsprechende Stelle in Bruessel weiterleiten.

PKS

Account gelöscht!

18.10.2013, 11:18 Uhr

"Die grossen zerquetschen die Kleinen, und was tun die "Wettbewerbshueter" der EU in Bruessel ???"

Darauf warten das jemand einen Saftladen aufmacht?
Oder sollen die das in Brüssel auch selber machen?
Wie wäre es mal mit einem Starsaft, die Werbeindustrie ist doch sonst so erfinderisch wenn es darum geht neue Trends und Brands zu kreieren. Über ausländische Ketten meckern, denen Umsatz verschaffen aber nicht mal selbst nen Appelsaftladen hinbekommen.
*noooeeeeelll*

pendler

18.10.2013, 11:50 Uhr

also das alles kommt mir bekannt vor.

Damals waren auch alle so am Meckern, als die überteuerten Tante-Emma Läden nicht mehr wettbewerbsfähig waren. Selbst dieser nette Österreicher Udi Jürgens musste dazu seinen Sages-Erguss von sich geben.

Und heute vermisst diese Läden mit den hohen Preisen und dem Minimalangebot überhaupt keiner. Man kauft bei ALDI / LIDL ein, bekommt Markenprodukte und hat eine bessere Qualität, als nebenan beim Bäcker. Hoffentlich werden die Saft-Giganten auch diese Emma-Quetschen vom Markt verdrängen. Es geht auch ohne diese Kleinen.

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