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23.01.2015

14:50 Uhr

Grüne Woche

Warum der Pumpernickel nicht komplett westfälisch ist

VonLisa Hegemann

Immer mehr Menschen bevorzugen regionale Lebensmittel. Viele Hersteller auf der Grünen Woche werben deshalb mit ihren Spezialitäten deutscher Herkunft. Dabei ist „regional“ manchmal ein sehr weit gefasster Begriff.

Ein moderner Kuhstall auf der Grünen Woche: Anders als hier auf der Berliner Messe kommen die Tiere, von denen unser Fleisch stammt, nicht immer aus Deutschland. dpa

Ein moderner Kuhstall auf der Grünen Woche: Anders als hier auf der Berliner Messe kommen die Tiere, von denen unser Fleisch stammt, nicht immer aus Deutschland.

DüsseldorfRegionale Spezialitäten gehören zur Grünen Woche wie Aufschnitt auf das Butterbrot. Viele Lebensmittelhersteller und Landwirte nutzen die Grüne Woche, um in der Hauptstadt regionale Spezialitäten aus der Heimat vorzustellen. Die Messe, die am Sonntag endet, schreibt sich das Thema auch selbst auf die Fahnen. Rund 500 Aussteller aus 13 Bundesländern präsentieren regionale Lebensmittel, heißt es von den Veranstaltern.

Einer Studie von AT Kearney zufolge kaufen 70 Prozent der Konsumenten im deutschsprachigen Raum mehrmals im Monat regionale Lebensmittel, fast die Hälfte der Verbraucher sogar wöchentlich. Ein Trend, den auch die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) festgestellt hat.

Es ist ein Trend, der den Unternehmen Geld bringt, denn laut der Studie sind 45 Prozent der Verbraucher bereit, mehr für regionale Produkte auszugeben. Seinen Teil davon abbekommen möchte das Unternehmen Hans Adler Schwarzwälder Fleischwaren. In Halle 5.2 können Besucher in Berlin seine regionalen Premium-Reihe kosten – zum Beispiel Baden-Württemberger Schinken aus „qualitativ hochwertigem Schweinefleisch“. Die Produkte wurden dafür extra schick gemacht: Sie werden in roten Leinensäckchen präsentiert.

Daten und Fakten zur Grünen Woche 2015

Was ist die Grüne Woche?

Die Grüne Woche gilt als weltgrößte Messe für Landwirtschaft, Ernährung und Gartenbau. Sie findet vom 16. bis zum 25. Januar 2015 in Berlin statt. Ideelle Träger sind der Deutsche Bauernverband (DBV) und die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE).

Gründung

Gegründet wurde die Messe bereits im Jahr 1926.

Veranstaltungsort

Das Gelände der Berlin Messe steht für die Grüne Woche zur Verfügung.

Aussteller

Auf einer Fläche von 124.670 Quadratmetern kommen rund 1600 Aussteller aus 68 Ländern zusammen.

Besucher

Im Jahr 2014 kamen 411.731 Besucher auf die Grüne Messe. 2015 waren es bis zum 21. Januar bereits 200.000.

Preise

Eine Tageskarte für die Grüne Woche kostet 14 Euro. Ermäßigt ist sie für Schüler und Studenten (9 Euro). Eine Gruppenkarte für 20 Personen kostet pro Besucher 12 Euro, Schulklassen zahlen pro Schüler 4 Euro. Für Familien mit maximal drei Kindern bis zu 14 Jahren kostet ein Tagesticket 26 Euro.

Öffnungszeiten

Die Grüne Woche ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet, am 23. Januar und am 24. Januar sogar bis 20 Uhr.

Das Premium-Programm „Qualivo“, das Adler auf der Grünen Woche präsentiert, ist bewusst heimatbezogen. Geschäftsführerin Elisabeth Adler-Gößmann erklärt dem Handelsblatt (Online-Ausgabe), dass es sich zwar „nur um eine Nische“ handele. Dafür sei es aber hochwertiges Fleisch aus der Region. „Wir beziehen das Fleisch für Qualivo nur aus Baden-Württemberg“, sagt Adler-Gößmann. Die Landwirte bekämen dafür eine Abnahme- und Preisgarantie vom Unternehmen. Sogar geschlachtet wird noch selber bei Adler, das sei zwar kostenintensiv, doch das habe man sich beibehalten. Adler-Gößmann sagt klar: „Regionalität ist ein Aushängeschild.“

So sieht es auch die Schutzgemeinschaft Westfälischer Pumpernickel, die ebenfalls auf der Grünen Woche vertreten ist. Die Westfalen seien „bodenständig und identifizieren sich über traditionelle Lebensmittel mit der Region“. Diese Tradition habe man sich durch das EU-Siegel schützen lassen. Die Berliner Messe ist für den Verband auch die Möglichkeit, sein Produkt auch überregional zu vermarkten. Man habe festgestellt, dass der Pumpernickel „teilweise den Verbraucher außerhalb Westfalen zum Beispiel in Berlin noch gar nicht in dieser Form bekannt war“.

Doch nicht jeder nimmt es mit der Regionalität so genau wie Adler oder die Schutzgemeinschaft Westfälischer Pumpernickel. Auch, weil es keine genauen Regeln gibt. Das Bundeslandwirtschaftsministerium spricht in einem Gutachten aus dem Jahr 2012 von einem heterogenen Begriff. Nach Angaben der BVE bedeutet Regionalität für jeden zweiten Verbraucher „das eigene Bundesland“. Gleichzeitig betont BVE-Hauptgeschäftsführer Christoph Minhoff gegenüber Handelsblatt (Online-Ausgabe) aber auch: „Regionalität hat viele Facetten.“ Entweder sitze ein Unternehmen am regionalen Standort, produziere nach regionaltypischem Rezept oder beziehe die Rohwaren aus der Region, so Minhoff.

Vor allem ist die Regionalität heute auch ein Marketingbegriff. Ein Begriff, der Vertrauen wecken soll, der für ein besseres Produkt stehen soll. Made in Germany statt made in USA.

Seit der Debatte um den Sinn von EU-Siegeln sehen viele Hersteller ihre traditionellen Produkte allerdings in Gefahr. Viele deutscher Lebensmittelhersteller sorgen sich, dass ein Freihandelsabkommen mit den Vereinigten Staaten ihre Regionalität gefährden könnte. Spätestens seit der Aussage von Landwirtschaftsminister Christian Schmidt, man könne nicht jede Wurst und jeden Käse schützen, drohen regionale Spezialitäten aus Deutschland zu regionalen Spezialitäten aus der ganzen Welt zu werden. Dann dürften der Schwarzwälder Schinken, der Allgäuer Emmentaler oder aber der Westfälische Pumpernickel künftig auch aus Missouri, Ohio oder Kansas kommen.

Kommentare (1)

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Herr Fred Meisenkaiser

23.01.2015, 15:04 Uhr

Mit Bitten an die Machthaber wird nichts werden! Man muß dafür schon massiv auf die Straße gehen!
Ein Generalstreik würde auch Aufmerksamkeit der Regierenden bringen.

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