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27.08.2014

06:35 Uhr

Güllehandel

Ein schmutziges Geschäft

VonKatharina Matheis

Manche Bauern haben zu viel, andere zu wenig: Gülle. Der Handel mit dem Mist boomt wie nie, doch es gibt Probleme. Die EU droht mit Klage.

Was die einen in Überschuss haben, hätten andere gerne: Mit Gülle können Landwirte günstig düngen. dpa

Was die einen in Überschuss haben, hätten andere gerne: Mit Gülle können Landwirte günstig düngen.

DüsseldorfWenn Georg Südholdt sein iPad rausholt, will er nicht etwa seine Mails beantworten oder im Netz surfen. Er schaut nach, welchem landwirtschaftlichen Betrieb gerade der Dung bis zum Hals steht. Und das ist fast wörtlich gemeint. Der Münsterländer Unternehmer hat sich auf das Geschäft mit Gülle spezialisiert – er nimmt den Gülleproduzenten ihren Mist ab und bringt ihn dorthin, wo er gebraucht wird.

Mithilfe ihrer iPads können er und seine Fahrer sehen, welches Silo voll ist und wo die nächste Ladung abzuholen ist. Allein in Nordrhein-Westfalen gibt es inzwischen rund fünfzig Unternehmen, die sich auf Abnahme, Transport und Vermittlung von Gülle spezialisiert haben.

Wie viel Tier verträgt der Planet?

Wie viel Fleisch isst die Menschheit?

Immer mehr. 2012 waren es rund 300 Millionen Tonnen, bis 2050 kommen etwa 50 Prozent hinzu, schätzt die Welternährungsorganisation, die bei ihrer Prognose allerdings davon ausgeht, dass der aktuelle Trend anhält. In den Industrieländern wächst der Verzehr nicht mehr, dafür greifen die Menschen in Schwellenländern immer häufiger zum Fleisch. Steigende Einkommen und Verstädterung tragen dort dazu bei. Ein Deutscher isst durchschnittlich 60 Kilogramm Fleisch im Jahr - in den 1980er Jahren waren es laut Bauernverband noch 67 Kilogramm.

Welche Folgen hat der wachsende Hunger?

Die Folgen sind vielfältig. Nur zwei Beispiele: In Ländern wie China wächst die industrialisierte Produktion - mit großen Ställen und Schlachthöfen, wie der „Fleischatlas“ beschreibt. Kleinproduzenten und die als Fotomotiv beliebten Händler auf Fahrrädern seien dagegen auf dem Rückzug, heißt es in der Zahlensammlung von Umweltschützern.

In Südamerika wachsen die Anbauflächen für energiereiche Sojabohnen, die als Tierfutter in alle Welt verschifft werden. Das gehe auf Kosten des Regenwalds und entziehe ansässigen Kleinbauern die Lebensgrundlage, heißt es im „Kritischen Agrarbericht“, der auf der Agrar- und Ernährungsmesse Grüne Woche vorgestellt werden soll.

Futtertrog versus Teller

Aus der Diskussion „Tank versus Teller“ wird der Streit „Trog versus Teller“: Auf 70 Prozent der weltweiten Anbaufläche wachse inzwischen Tierfutter, kritisiert die Agrarexpertin der Umweltschutzorganisation BUND, Reinhild Benning. Sie gesteht aber zu, dass sich nicht jede Weide zu Ackerland umbrechen lässt - etwa in der Steppe. Dennoch: Auch Mais und Weizen würden immer häufiger zu Tierfutter, moniert der „Fleischatlas“: „Sie wären effizienter direkt als Nahrung für die Menschen zu verwenden.“

Was hat das alles mit Deutschland zu tun?

Weil der heimische Markt gesättigt ist, setzt die deutsche Ernährungsindustrie auf die steigende Nachfrage im Ausland. Jährlich freuen sich Bauern und Weiterverarbeiter über wachsende Exporte. Dafür haben sie in den vergangenen Jahren Millionen neuer Mastplätze gebaut - vor allem für Schweine, Hähnchen und Puten.

Das sichert Arbeitsplätze, aber gegen die „Tierfabriken“ gibt es auch Widerstand. Mehrere hundert Bürgerinitiativen wenden sich bundesweit gegen Güllegestank und den Verkehr, der von den Ställen ausgeht. Sie kritisieren auch die Haltungsbedingungen der Tiere. Niedriglöhne in Schlachthöfen beschäftigen inzwischen auch die Bundesregierung.

Exportland von Billigfleisch

Deutschland habe sich zum „Exportland von Billigfleisch“ entwickelt, kritisiert der Eberswalder Agrarökonom Bernhard Hörning im Januar 2014. „Billigfleisch aus Deutschland ist ein Mythos“, hält Bauernverbands-Generalsekretär Bernhard Krüsken dagegen. Die Preise lägen über dem EU-Durchschnitt. Zudem gingen drei Viertel der Exporte in EU-Länder.

Sollten wir weniger Fleisch essen?

Unter Medizinern gilt das als Gemeingut. Fleisch enthält zwar wertvolle Nährstoffe, wie es in den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung heißt. 300 bis 600 Gramm pro Woche sollten es demnach aber nicht werden - was bedeuten würde, dass die Deutschen ihren Verbrauch mindestens halbieren müssten. Barbara Unmüßig, als Vorsitzende der Böll-Stiftung Mitinitiatorin des „Fleischatlas“, hält den Fleischkonsum einmal pro Woche für ausreichend und rät: „Zurück zum Sonntagsbraten.“ Die Ernährungsindustrie hält indes nichts von Vorgaben für die Verbraucher: „Sie entscheiden selbstbestimmt an den Kassen der Supermärkte, was sie essen möchten“, heißt es beim Branchenverband BVE.

Der Handel mit Stallabfällen hat sich unbemerkt zu einem großen Markt etabliert. Denn das Gülleaufkommen ist so groß wie nie zuvor. Der Grund: Die Fleischproduktion in Deutschland steigt seit Jahren, die Anzahl an Großmast- und Biogasanlagen nimmt zu. Und damit auch die Menge an Mist, Gülle und sogenannten Gärresten.

Früher war es einfach: Was in den Ställen anfiel, wurde auf die eigenen Felder gebracht. Heute ist die Landwirtschaft hochspezialisiert, gleichzeitig ist die Düngung vor der eigenen Haustür begrenzt. In Regionen mit viel Viehwirtschaft, dem Münsterland beispielsweise, wissen die Bauern nicht, wohin mit ihrem Mist. Andere Landwirte wollen gerne damit düngen, haben aber keine Tiere: Sie haben Bedarf, Dung ist wesentlich billiger als künstlich hergestellter Dünger.

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