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07.07.2013

14:47 Uhr

Gütesiegel

H&M will nur noch faire Mode herstellen

Die Modekette H&M will nicht mehr als „verantwortungsloser Billigheimer“ dastehen. Um das zu verhindern, will der Konzern in Zukunft faire Mode herstellen. H&M-Chef Persson fordert ein branchenweites Fair-Trade-Label.

H&M-Logo an einer Filiale. dpa

H&M-Logo an einer Filiale.

Der Chef der schwedischen Textilkette Hennes & Mauritz (H&M), Karl-Johan Persson, strebt ein Gütezeichen für fair produzierte Mode an. „Mir schwebt ein weltweit gültiges Siegel für die Branche vor, ähnlich wie das Fair-Trade-Siegel beim Kaffee“, sagte Persson dem „Spiegel“. Nur wer sich an definierte Standards bei Löhnen, Umwelt und sozialen Aspekten halte, solle es an seine Kleidungsstücke hängen dürfen. Dann könnten die Kunden entscheiden, wo und was sie kaufen, sagte Persson.

Wachstum und Profitstreben sowie Nachhaltigkeit stünden nicht im Widerspruch, betonte der Konzernchef. H&M habe das Ziel, komplett faire Mode herzustellen. Persson nannte das Brandschutzabkommen in Bangladesch, das seine Firma als erste unterschrieben habe, das Recycling gebrauchter Kleidung, die Kunden in die Läden zurückbringen können, und das Ziel, bis 2015 CO2-neutral zu produzieren. Es ärgere ihn, wenn H&M als „verantwortungsloser Billigheimer“ dargestellt werde.

Textilproduktion und die Verantwortung des Verbrauchers

Woher kommt die Kleidung, die in Deutschland über den Ladentisch wandert?

„Das meiste, was hier verkauft wird, kommt aus Asien“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Modeverbands GermanFashion, Thomas Rasch. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes importierte Deutschland im vergangenen Jahr mehr als 1,17 Millionen Tonnen Bekleidung im Wert von fast 25,8 Milliarden Euro aus 130 Ländern. Etwa ein Drittel kam aus China, mit etwas Abstand folgen Bangladesch, die Türkei und Indien. Kleidung, die über die Niederlande, Italien und Frankreich eingeführt werde, komme oft auch aus Niedriglohnländern, sagt Rasch.

Unter welchen Bedingungen arbeiten die Näherinnen?

Viele Näherinnen bekommen nach Informationen der Kampagne für Saubere Kleidung (CCC) nicht genug Geld, um sich und ihre Familien ausreichend zu ernähren. „Der Lohn reicht nicht aus, um ein Leben in Würde zu führen“, sagt CCC-Expertin Kirsten Clodius. Dazu kämen sehr lange Arbeitszeiten und Sicherheitsmängel wie vergitterte Fenster und verriegelte Notausgänge. Fabrikbesitzer verböten den Näherinnen oft das Reden und kontrollierten Toilettengänge. In Kambodscha habe es sogar Massen-Ohnmachtsanfälle gegeben. Menschenrechtler und Umweltschützer warnen zudem vor womöglich giftigen Farben und Kinderarbeit.

Muss man ein schlechtes Gewissen haben, billige Kleidung zu kaufen?

Auch hochpreisige Kleidung wird oft in Asien genäht. „Der Verkaufspreis eines T-Shirts bei uns gibt keinen Aufschluss darüber, wo es hergestellt ist“, sagt Clodius. In einer Fabrik werde oft für mehrere Auftraggeber gearbeitet. Darunter seien auch hochwertige Markenhersteller, räumt auch Rasch ein. Diese Markenhersteller machen ein besonders gutes Geschäft: Die Kampagne für Saubere Kleidung rechnet damit, dass die Lohnkosten einer in Asien genähten 100-Euro-Jeans bei nur einem Euro liegen. Die Werbung mache 25 Euro aus, satte 50 Euro stecke der Handel ein.

Würde es den Näherinnen helfen, wenn Kleidung aus Asien boykottiert würde?

Nein. Die Näherinnen hätten ihre Organisation selbst darum gebeten, keine Boykottaufrufe zu starten, berichtet Clodius. Sie hätten Angst, ihre Arbeitsplätze zu verlieren. Laut Rasch könnte ein Boykott in Bangladesch 70 Prozent der Textil-Industrie zusammenbrechen lassen.

Wer kann dann dafür sorgen, dass die Textilproduktion sicherer wird?

Darüber gibt es Streit. Der Modeverband sieht Produktionschefs und Politiker in den Herstellerländern in der Pflicht. Hier herrsche viel zu oft „ein Raubtierkapitalismus“, sagt Rasch. Auch Kunden aus Deutschland könnten helfen: „Ich darf keine Jeans für 9,90 Euro kaufen!“ Diese Preise seien mit normalen Arbeitsbedingungen nicht zu erreichen. Die Kampagne für Saubere Kleidung hält dagegen, dass auch hochpreisige Kleidung in den asiatischen Fabriken produziert werden. Die Unternehmen dürften sich nicht dahinter verstecken, dass sie lediglich Auftrag- und nicht Arbeitgeber seien. Die Gewerkschaft Verdi will mit ihrer Initiative „exchains“ über Gewerkschaften und Arbeitssicherheit aufklären.

Wie viel mehr würde ein Kleidungsstück kosten, wenn Löhne höher wären?

Nach Verdi-Berechnungen würden ein T-Shirt oder eine Bluse nur 12 Cent mehr kosten, wenn deutsche Textilhändler in ihrer Kalkulation für jede Näherin im Monat 50 Euro mehr berücksichtigen würden. Damit würden viele Arbeiter etwa doppelt so viel verdienen wie jetzt. Rasch gibt aber zu bedenken, dass es das Lohngefüge im Land durcheinanderbringen könne, wenn nur die Näherinnen, nicht aber Bauern oder Rikscha-Fahrer plötzlich mehr Geld bekämen.

Wie lassen sich besser produzierte T-Shirts erkennen?

Es gibt für Mode kein einheitliches Siegel, das sowohl Umwelt- als auch Arbeitsstandards zusammenfasst. Ein grünes Label mit weißem Hemd steht für „Global Organic Textile Standard“ (GOTS) - zu den Kriterien gehören das Verbot von Zwangs- und Kinderarbeit sowie die Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz. Ein rot-weißes Label mit dem Aufdruck „IVN zertifiziert NATURTEXTIL“ findet sich auf Kleidung aus Naturfasern wie Baumwolle, Leinen und Seide. Es steht auch für die Einhaltung von Sozialstandards am Arbeitsplatz und die Einhaltung geregelter Arbeitszeiten. Auch das Öko-Zeichen „Textiles Vertrauen nach Oeko-Tex Standard 100plus“ steht mit für die Einhaltung von Sozialkriterien.

In Bangladesch versuche H&M seit vielen Jahren, die Bedingungen in der Textilbranche zu verbessern, sagte Persson weiter. „Ich würde sofort einen H&M-Aufschlag zahlen und hätte gern ein faires Lohnsystem für die gesamte Branche.“ In der Praxis arbeiteten jedoch die Menschen in einer Fabrik beispielsweise nur zu zehn Prozent für H&M, die übrigen 90 Prozent für andere Unternehmen. Zahle der schwedische Konzern mehr für seinen Teil der Waren, um damit höhere Löhne zu ermöglichen, „wäre das schwierig zu handhaben“.

Kommentare (2)

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Account gelöscht!

07.07.2013, 16:54 Uhr

Ein Billigheimer- und ein Kinderarbeitsimage bekommt man schwer los.

Olivera

09.07.2013, 00:13 Uhr

Für H&M wären faire Löhne schwer zu handhaben? Wenn der Wille wirklich da wäre, hätte H&M schon längst eine Lösung gefunden. Wie wär's z.B. mit eigenen Fabriken? Ich hatte mal gelesen, dass der H&M Chef ein Vermögen von 20 Mrd € aufgebaut hat. Und so jemand ist nicht fähig fair zu bezahlen? Da glaube ich nicht. Ich kann nicht nachvollziehen, dass H&M u.v.a. unter Bedingungen produzieren lassen, dass man den Tod von anderen Menschen in Kauf nimmt. Das ist kein Kavaliersdelikt und sollte meiner Meinung nach bestraft werden. Mir macht shoppen keinen Spaß mehr. Wenn ich ein Kleidungsstück sehe, das mir gefällt, wird mir schlecht und ich kaufe es nicht.

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