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08.07.2015

12:49 Uhr

Hamstern vor dem Grexit

„Ein Mac behält seinen Wert“

Die Griechen fürchten, dass ihnen das Geld ausgeht. Viele wollen ihre Ersparnisse in bleibende Werte stecken – wie Apple-Computer oder Playstations. Auch deutsche Unternehmen berichten von einem Kundenansturm.

Viele Griechen legen ihr Geld jetzt in Konsumgütern an. dpa

Shopping in Athen

Viele Griechen legen ihr Geld jetzt in Konsumgütern an.

Athen/FrankfurtWährend es für Griechenland hart auf hart geht, kaufen die Griechen ein. Die Regierung hat die Kapitalverkehrskontrollen verlängert und wird die Banken bis mindestens Donnerstag geschlossen halten, denn dem Land droht das Geld auszugehen. Einige Menschen stecken ihre letzten Euro in Grundnahrungsmittel, andere besuchen lieber Läden für Unterhaltungselektronik. Hier kaufen sie Computer von Apple oder Playstations von Sony, um ihren Kreditrahmen auszuschöpfen – solange die Bankkarten noch akzeptiert werden.

„Die Leute geben das Geld aus, dass auf ihrem Bankkonto liegt, weil sie Angst haben, dass sie es sonst nicht rausbekommen“, sagt Natasa, eine Verkäuferin im Elektrofachmarkt Plaisio Computer im Zentrum von Athen. Ihren vollen Namen wollte die 33-Jährige nicht nennen. „Ein Mac behält seinen Wert“, fügt sie hinzu und deutet auf einen leuchtenden 27-Zoll-Bildschirm.

Das ist das jüngste Kapitel in der seit fünf Jahren währenden Krise in Griechenland, nachdem sich die Regierung in Athen geweigert hatte, der Aufforderung der Gläubiger zu folgen, im Gegenzug für Hilfsgelder weitere Sparmaßnahmen durchzuführen. EU-Ratspräsident Donald Tusk warnte nach dem Eurogipfel am Dienstag, der Europäischen Union blieben nur noch fünf Tage, um eine Einigung zu finden. Am Sonntag findet ein weiterer EU-Gipfel statt.

Die Griechen haben seit Dezember mehr als 40 Milliarden Euro aus den Banken geholt. Damals zeichneten sich Neuwahlen ab, bei der die Linkspartei Syriza von Ministerpräsident Alexis Tsipras an die Macht kommen sollte.

Die täglichen Barabhebungen am Geldautomaten sind seit dem 29. Juni auf 60 Euro begrenzt. Zahlungen mit der Kreditkarte oder Bankkarte wurden allerdings nicht eingeschränkt.

Fragen und Antworten zur Schuldenkrise nach dem Referendum

Fordert Athen ein drittes Hilfsprogramm?

Griechenlands zweites Hilfsprogramm lief Ende Juni aus. Ministerpräsident Alexis Tsipras bat bereits vergangene Woche beim Euro-Rettungsfonds ESM über zwei Jahre um "Hilfe zur finanziellen Stabilisierung" in Form eines Kredits. Den Finanzbedarf gab er mit 29,1 Milliarden Euro an. Auch wenn Tsipras nicht von einem "Programm" spricht, ist es nichts anderes. Es wäre erneut mit Spar- und Reformauflagen verbunden, die wegen der längeren Laufzeit auch umfangreicher als bisher ausfallen müssten.

Was erwarten die Euro-Partner nun von Athen?

Die Euro-Länder sehen nach dem Referendum Athen am Zug. "Die Minister erwarten neue Vorschläge von der griechischen Regierung", erklärte die Eurogruppe vor ihrem für Dienstag angesetzten Sondertreffen zu Griechenland, mit dem ein Gipfel der Währungsunion am Abend desselben Tages vorbereitet wird. Bisher sind die Euro-Staaten sich nicht einig, ob sie mit Athen über ein weiteres Hilfsprogramm verhandeln sollen. Während die Bundesregierung dafür "zur Zeit" keine Grundlage sieht, zeigt sich Spanien gesprächsbereit.

Warum trat Finanzminister Giannis Varoufakis zurück?

Varoufakis' Verhandlungsstil und seine scharfe Rhetorik stießen in den vergangenen Monaten bei seinen Kollegen aus der Eurozone immer wieder auf Kritik. Das Fass zum Überlaufen brachte dann wohl eine Äußerung vom Samstag, als der Ökonom den Geldgebern "Terrorismus" vorwarf.

Erleichtert der Rücktritt künftige Gespräche?

Die Euro-Finanzminister könnten die Personalie als Versuch des Neuanfangs sehen, wobei Varoufakis im Hin und Her der Verhandlungen letztlich keine Entscheidungen ohne das Einverständnis von Tsipras fällte. Der für den Euro zuständige Vizepräsident der EU-Kommission, Valdis Dombrovskis, stellte zudem fest, die Ablehnung der bisherigen Politik der Geldgeber bei der Volksabstimmung habe "unglücklicherweise die Kluft zwischen Griechenland und anderen Ländern der Eurozone vergrößert".

Was macht die EZB?

Seit der Ankündigung des Referendums wartete die Europäische Zentralbank (EZB) ab. Sie beließ die Höhe ihrer Notkredite für die griechischen Banken seit dem 28. Juni unverändert. In den Wochen davor hatte sie den Rahmen immer weiter erhöht.

Wann droht Athen der Staatsbankrott?

Griechenland geriet als erster Industriestaat überhaupt beim Internationalen Währungsfonds (IWF) in Zahlungsverzug, als Athen Ende Juni 1,5 Milliarden Euro nicht zurückzahlte. Die großen Ratingagenturen stellen einen Staatsbankrott in der Regel erst dann fest, wenn ein Land private Gläubiger nicht mehr bedient. Am Freitag werden kurzfristige Staatsanleihen im Wert von zwei Milliarden Euro fällig, die vor allem von Privatgläubigern gehalten werden. Die Regierung in Athen könnte sich auch selbst für bankrott erklären - etwa wenn sie auch Löhne und Gehälter nicht mehr zahlen kann.

Kommt dann der Grexit?

Niemand kann Athen zwingen, den Euro zu verlassen. Stellt die EZB aber die Notversorgung der griechischen Banken ein, sitzt das Land de facto finanziell auf dem Trockenen. Bei einem Kollaps seines Finanz- und Wirtschaftssystems könnte Griechenland dann keine Wahl mehr haben, als zur Drachme zurückzukehren oder zumindest eine Parallelwährung einzuführen.

Wie könnte ein Euro-Austritt funktionieren?

Auch ein freiwilliger Austritt aus dem Euro ist nicht vorgesehen. Rechtlich möglich wäre lediglich ein Verlassen der EU - damit wäre auch die Euro-Mitgliedschaft beendet. Um in die EU zurückzukehren, müsste Griechenland einen neuen Beitrittsantrag stellen. Nicht ausgeschlossen ist, dass sich Athen und die anderen Euro-Staaten vertraglich auf ein anderes Verfahren einigen.

Vor dem Referendum am vergangenen Sonntag, das mit einer Ablehnung weiterer Sparmaßnahmen endete, gab es dem griechischen Einzelhandelsverband zufolge einen regelrechten Kaufrausch. „Das war ein kurzfristiges Phänomen, ausgelöst durch Panik und Drohungen“, sagt Antonis Zairis, Vizepräsident Verbands, im Interview mit Bloomberg. Seiner Einschätzung nach dürfte es in den kommenden zehn Tagen in den Läden zu Verknappungen kommen.

Bei Delhaize, dem zweitgrößten in Griechenland aktiven Lebensmitteleinzelhändler, liegt die Nachfrage nach auf Spitzenniveau, sagt Sprecher Frank van Daele. Auch die Supermarktkette Lidl berichtete von einer steigenden Kundenzahl in Griechenland. Der Discounter, der in Griechenland mehr als 4000 Menschen in mehr als 220 Filialen beschäftigt, berichtet, die Läden seien wie gewohnt geöffnet. „Selbstverständlich akzeptieren wir weiterhin Kreditkartenzahlung.“ Auf seiner Website wirbt Lidl Hellas genau damit. „Unser ausdrückliches Ziel ist es, in Griechenland zu bleiben und somit weiterhin unseren Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung des Landes zu leisten“, betont das Unternehmen.

Kommentare (4)

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Herr Fritz Yoski

08.07.2015, 13:50 Uhr

" bleibende Werte stecken – wie Apple-Computer oder Playstations"
Bleibende Werte, wie 'ne Tuete Pommes oder ein frittiertes Haehnchen. Na ja, andere Laender andere "bleibende Werte".

Account gelöscht!

08.07.2015, 13:52 Uhr

Also, Geld scheint ja ausreichend vorhanden zu sein. Die seit Anfang des Jahres gewährten ELA Kredite iHv ca. 100 Mrd. scheinen unter die Kopfkissen der Griechen gewandert zu sein. Derweil wird in den deutschen Medien massiv auf die Gefühlsduselei gesetzt, oder anders gesagt manipuliert, um die Deutschen für weitere "Kredite" (die nie zurückfliessen werden) weich zu klopfen. Was für ein würdeloses Spiel hat dieser EUR doch in Europa entfacht.

Frau Ich Kritisch

08.07.2015, 19:02 Uhr

bescheuert!

wenn der Grexit kommt, kommt das Chaos. Da kauft denen keiner ihren Apple oder sonstgen unnützen Kram ab. Besser Alkohol kaufen, das kriegt man später zum doppelten Preis wieder los oder kann es gegen Lebensmittel tauschen.

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