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28.01.2010

06:06 Uhr

Handelsblatt-Vergleich

Viele Krankenkassen haben Einsparpotenzial

VonChristoph Sandt, Thomas Schmitt

Die großen Krankenkassen haben noch Potenzial, um Kosten zu senken. Das zeigt ein Vergleich des Handelsblatts bei Häusern mit mehr als einer Million Versicherten. Einen Vorsprung hat sich dabei die Techniker Krankenkasse (TK) verschafft.

Von allen großen Krankenkassen hat die Techniker die effizienteste Struktur. Quelle: dpa

Von allen großen Krankenkassen hat die Techniker die effizienteste Struktur.

FRANKFURT. Als Maßstab für die bereits erreichte Effizienz in der Verwaltung der Kassen wurde die Zahl der Versicherten mit der Zahl der Beschäftigten verglichen. Das Ergebnis: Während bei der Techniker Krankenkasse eine Vollzeitkraft mehr als 800 Versicherte betreut, sind es bei vielen anderen nur 400 bis 500 Versicherte. Der Gesundheitsökonom Peter Oberender aus Bayreuth urteilt: „Viele gesetzliche Kassen haben den Sprung von der Behörde zum Unternehmen noch nicht geschafft.“ Die Verwaltungskosten machen im Schnitt gut fünf Prozent der Ausgaben aus.

Die Techniker Krankenkasse (TK) hat sich einen Vorsprung verschafft, weil sie bereits zwischen 2002 und 2006 das Unternehmen mit heute 7,3 Mio. Versicherten wie ein Privatunternehmen tiefgreifend umgestaltete. Es wurden Aufgaben aus den Geschäftsstellen abgezogen und in 23 großen Zentren gebündelt. In vier Servicezentren für Telefonie und Mail sitzen Fachleute, die sehr stark mit Telefon oder über das Internet arbeiten. 20 Mio. Anrufe werden inzwischen im Jahr verarbeitet. Und der Service soll dabei nicht leiden: Vorstandschef Norbert Klusen: „Jeder Kunde soll das Gefühl haben, individuell behandelt zu werden“, sagte er dem Handelsblatt.

Die Reform bereitete intern jedoch viel Mühe, weil damit starke Veränderungen verbunden waren. So wurden 6 000 Mitarbeiter versetzt. Als wichtigste Produktivitätskennziffer orientierte sich Klusen an der Zahl der Versicherten im Verhältnis zu den Vollzeitstellen. Bei 11 500 Köpfen entfallen darauf derzeit 8 800 Vollzeitstellen. Aktuell liegt die TK bei 830 Versicherten je Stelle, für das laufende Jahr ist geplant, rund 870 Versicherte je Vollzeitkraft zu schaffen.

Die TK hat – wie viele andere Krankenkassen – zwar noch jede Menge Standorte. Doch das Netz von 200 Geschäftsstellen ist deutlich kleiner als etwa beim Marktführer Barmer GEK und wurde personell ausgedünnt. Statt 50 bis 150 arbeiten dort im Schnitt nur noch vier bis sechs Angestellte. „Es ist unnötig, viele Geschäftsstellen zu haben“, sagt Klusen. Gerade für Menschen, die krank oder immobil sind, sei es wichtig, dass die Experten ihrer Kasse telefonisch gut erreichbar sind.

Je älter und größer die Kassen, desto größer der Verwaltungsaufwand

Günter Neubauer, Direktor des Instituts für Gesundheitsökonomik in München, warnt allerdings davor, das Beispiel zu verallgemeinern. „Je älter und größer die Kassen sind, desto größer ist der Verwaltungsaufwand pro Mitglied, je jünger und kleiner die Kasse, desto geringer“, sagt Neubauer. Die Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) und die großen Ersatzkassen beschäftigten aus historischen Gründen viel Personal, das praktisch unkündbar sei. „Bei diesen Kassen sind die Verwaltungskosten zu 60 bis 70 Prozent ein Relikt der Entwicklungsgeschichte und nicht dem Management zuzuordnen.“

Gesundheitsökonomen halten das Potenzial für Kostensenkungen in der Verwaltung zudem für zu gering, um damit Milliardenlöcher zu stopfen. Oberender beziffert das mögliche Einsparvolumen beim Verwaltungsaufwand durch Stellenstreichungen oder Verbesserung der Betriebsabläufe auf zehn bis 15 Prozent. Das seien aber gerade mal rund 0,5 Prozent der Beitragseinnahmen. Denn die Verwaltungskostenquote der gesetzlichen Kassen liege bei rund fünf Prozent im Schnitt. „Die Probleme des Gesundheitswesens kann man damit nicht lösen“, sagt Oberender. Sein Kollege Wolfgang Greiner von der Universität Bielefeld warnt davor, den Blick zu sehr auf die internen Kosten zu verengen. Neuartige Angebote im Gesundheitsmanagement erforderten Investitionen, die sich erst später auszahlen. Ziel sollte es sein, echte, etwas teurere Premiumanbieter von Billiganbietern zu unterscheiden. „In der Mitte sind dann diejenigen, die wirklich unwirtschaftlich sind.“

Und Jürgen Wasem, Professor für Medizinmanagement an der Universität Duisburg-Essen, hält es für zu kurz gegriffen, Wirtschaftlichkeitsreserven nur aus dem Blickpunkt des Verwaltungsaufwands zu sehen: „Viel wichtiger ist es, die Leistungsausgaben, also die übrigen 95 Prozent der Ausgaben, zu steuern.“

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