Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

09.07.2014

10:17 Uhr

Handelsexperte im Interview

„Karstadt fehlt eine starke Persönlichkeit“

VonLisa Hegemann

ExklusivMit dem Abgang von Eva-Lotta Sjöstedt droht Karstadt noch stärker in die Krise zu geraten. Im Interview erklärt Handelsexperte Thomas Roeb, warum die Nachfolge schwierig wird – und wer für den Job qualifiziert wäre.

Dämpfer für Dax - Paukenschlag bei Karstadt

Video: Dämpfer für Dax - Paukenschlag bei Karstadt

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Die Krise bei Karstadt verschärft sich: Am Montag verließ die Geschäftsführerin Eva-Lotta Sjöstedt nach nur wenigen Monaten Amtszeit das Unternehmen. In einer gepfefferten Pressemitteilung teilte sie mit, dass ein Grund dafür auch die fehlende Unterstützung von Investor Nicolas Berggruen sei. Für den Warenhauskonzern ist der Weggang eine Katastrophe. Handelsexperte Thomas Roeb, Professor an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, erklärt im Interview mit Handelsblatt Online, warum.

Herr Roeb, die bisherige Karstadt-Chefin Eva-Lotta Sjöstedt hat am Montag überraschend ihre Ämter niedergelegt. Was bedeutet dieser Abgang für Karstadt?
Für Karstadt bedeutet der Rücktritt eine Verschärfung der Krise, weil Karstadt angesichts der Umsatzrückgänge des Unternehmens vor einem neuen Sanierungsprogramm steht, das eine starke Führung mit einem erfahrenen CEO erfordert. Diese starke Führungspersönlichkeit fehlt jetzt.

Thomas Roeb ist Professor für Handelsbetriebslehre an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. PR

Thomas Roeb ist Professor für Handelsbetriebslehre an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg.

Schon die Suche nach einem Nachfolger für Andrew Jennings, Sjöstedts Vorgänger dauerte lang. Wie schwierig wird es jetzt?
Schwieriger, als es vor einem Jahr gewesen ist, kann es kaum noch werden. 

Aber damals hat man ja Sjöstedt gefunden.
Das schon. Aber Karstadt hat als Nachfolger von Jennings eine Frau gefunden, die weder das Geschäft Warenhaus kannte, noch den deutschen Markt, noch Erfahrungen mit Sanierungsprojekten hatte. Also eine Frau ohne die geringste Erfahrung in den drei Themenfeldern, die für Karstadt jetzt entscheidend sind. Wenn das Unternehmen sie trotzdem genommen hat, zeigt das ja auf, wie schwierig die Suche nach einer Führungsperson für Karstadt gewesen ist.

Was heißt das für die erneute Suche nach einem Chef?
Ich gehe davon aus, dass es dieses Mal noch schwerer wird und man jetzt vielleicht auf längere Sicht mit der aktuellen Doppelspitze agieren muss.

Karstadts Krisen-Chronik (Teil 1)

Keine Wende

Mit seinem früheren Mutterkonzern Arcandor war Karstadt 2009 in die Insolvenz gerutscht. Im Juni 2010 stieg Investor Nicolas Berggruen ein. Von seinem Einspringen wurde die Wende erhofft. Die Chronik der Krise.

1. September 2009

Für die wichtigsten Arcandor-Gesellschaften - darunter die Karstadt Warenhaus GmbH - wird das Insolvenzverfahren eröffnet.

1. Dezember

Zehn Karstadt-Standorte mit teils mehreren Häusern sollen nach Angaben der Insolvenzverwaltung geschlossen werden. Etwa 1200 Mitarbeiter sind betroffen.

15. März 2010

Beim Essener Amtsgericht wird ein Insolvenzplan vorgelegt. Am 12. April stimmen die Gläubiger dem Plan zu.

1. Juni

Von bundesweit 94 Kommunen haben bis auf drei alle einem Verzicht auf Gewerbesteuer zugestimmt. Die im Insolvenzplan geforderte Zustimmungsquote von 98 Prozent gilt damit als sicher.

7. Juni

Die vom Privatinvestor Nicolas Berggruen gesteuerte Berggruen Holding erhält vom Gläubigerausschuss den Zuschlag zur Übernahme. Einen Tag später unterschreibt Berggruen den Kaufvertrag unter Vorbehalt. Berggruen fordert vom Karstadt-Standortvermieter Highstreet deutliche Mietsenkungen.

14. Juni

Eine erste Verhandlungsrunde zu den künftigen Mieten endet ohne Ergebnis. Am 20. Juni lehnt Berggruen ein Angebot von Highstreet über Mietsenkungen von mehr als 400 Millionen Euro ab.

26. August

Berggruen hat sich mit der Essener Valovis-Bank geeinigt. Die Bank hatte Highstreet ein Darlehen über 850 Millionen Euro gewährt und dafür im Gegenzug 53 Waren-, Sport- und Parkhäuser als Sicherheit erhalten. Man habe sich unter anderem darauf verständigt, dass Berggruen dieses Darlehen bis 2014 ablösen könne, heißt es.

2. September

Die Highstreet-Gläubiger stimmen den von Investor Berggruen geforderten Mietsenkungen zu.

30. September

Das Essener Amtsgericht hebt das Insolvenzverfahren auf. Damit erhält Berggruen zum 1. Oktober die Schlüsselgewalt für die Karstadt Warenhaus GmbH. 40.000 Gläubiger verzichten auf zwei Milliarden Euro. Die Belegschaft verzichtet auf 150 Millionen Euro.

Welche Konsequenzen hätte das für Karstadt?
Lassen Sie es mich vielleicht so formulieren: Vielleicht ist es kein Nachteil.

Wieso nicht?
Karstadts Situation ist wieder so dramatisch, dass das Unternehmen jetzt keinen klassischen Manager bräuchte, sondern einen Sanierungsexperten. Interessanterweise habe ich in der Presse noch nicht von Thomas Fox als potentiellem Kandidaten gehört.

Den Vorvorgänger von Sjöstedt? Warum sollte ihn jemand ins Gespräch bringen?
Er war praktisch der einzige CEO der vergangenen 15 oder 20 Jahre, der Karstadt besser hinterlassen hat, als er die Firma vorgefunden hat mit fast 100 Millionen Euro Gewinn (EBITDA).

Kommentare (2)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Peter Kock

09.07.2014, 13:12 Uhr

Ich kann mich erinnern , dass der Einkaufsleiter von Karstadt 3 Tage NICHT zu sprechen war, weil er die Laudatio für einen scheidenden Industrievertreter schreiben mußte..... danach war er ein paar Tage zum Golfen ! Es ist kein Wunder das da nichts klappte.

Herr W. H.

09.07.2014, 13:45 Uhr

Karstadt sitzt mitten in deutschen Innenstädten und hat dort seinen Kundenstamm. Ich glaube nicht dass ein Manager der irgendwo auf der Welt sitzt und Karstadt "mitmanagt" die Interessen dieser Kundschaft kennt. Da wird herumgebastelt, werden Marken verschoben, aber an den Bedürfnissen vorbei. Ich war früher guter Karstadt-Kunde. Heute finde ich dort nichts mehr. Vielleicht ist es mir auch zu aufwendig laufend das ganze Haus abzusuchen wo sich jetzt die Artikel nach dem halbjährlich wiederkehrenden Umbau befinden.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×