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05.03.2012

08:04 Uhr

Hilfe von Baden-Württemberg

Schlecker winkt Geldspritze vom Steuerzahler

VonMartin-W. Buchenau, Kirsten Ludowig

ExklusivSchlecker könnte dringend nötige Hilfe bekommen: Baden-Württembergs Finanzminister Nils Schmid (SPD) fordert unkonventionelle Maßnahmen für die insolvente Drogeriemarktkette. Schleckers Konkurrenz protestiert.

Schlecker könnte finanzielle Unterstützung bekommen. dpa

Schlecker könnte finanzielle Unterstützung bekommen.

Stuttgart/DüsseldorfDer Finanz- und Wirtschaftsminister von Baden-Württemberg, Nils Schmid (SPD), will die von der Insolvenz der Drogeriemarktkette Schlecker betroffenen Mitarbeiter möglichst schnell in neue Jobs vermitteln.

"Die 12.000 Beschäftigten - in diesem Fall hauptsächlich Frauen mit geringem Einkommen - müssen den Kopf für jahrelange unternehmerische Fehler hinhalten. Der Staat ist gefordert, die Folgen abzumildern", sagte Schmid dem Handelsblatt. Dabei gehe es auch darum, "neue Wege zu gehen". Eventuell müsse das Insolvenzgeld etwas verlängert werden, bis ein tragfähiges Konzept steht. Vielleicht sei es auch möglich, EU-Gelder einzusetzen.

Baden-Württemberg ist besonders betroffen, weil die Firmenzentrale in Ehingen nahe Ulm liegt. Die Filialen aber sind bundesweit verstreut. Schmid fordert deshalb eine länderübergreifende Initiative, um möglichst schnell eine Transfergesellschaft auf die Beine zu stellen.

Beim Wechsel in eine solche Transfergesellschaft werden die Mitarbeiter für maximal ein Jahr weiterbeschäftigt. Sie erhalten dann das sogenannte Transferkurzarbeitergeld, für Mitarbeiter mit Kindern sind das 67 Prozent und für andere 60 Prozent des letzten Nettogehalts. Es wird aus den Beiträgen zur Arbeitslosenversicherung gezahlt.

Ziel ist es, die Betroffenen in andere Beschäftigungsverhältnisse zu vermitteln. Meist werden Transfergesellschaften für eine große Zahl von Mitarbeitern an einem Standort gegründet. Bei Schlecker aber werden bundesweit 2400 Filialen geschlossen, jede davon mit nur wenigen Angestellten - was die Arbeit der Vermittler deutlich erschwert. Doch das kann Schmid nicht von seiner Forderung abbringen. Er verwies darauf, dass Arbeitsplätze im Handel nicht weniger wert seien als in der Produktion.

Schleckers Aufstieg und Fall

Drogerieriese und Familiengeschichte

Deutschlands gemessen an der Zahl der Filialen größte Drogeriekette ist untrennbar mit der Familie Schlecker verbunden. In rund 36 Jahren wuchs aus den Anfängen in Baden-Württemberg ein europaweit agierender Handelsriese.Wichtige Stationen in Familie und Firma Schlecker:

1944

Anton Schlecker wird am 28. Oktober in Ulm geboren

1965

Schlecker beginnt seine Berufslaufbahn im Unternehmen seines Vaters, einer Fleischwarenfabrik samt 17 Metzgereien. Erste Selbstbedienungswarenhäuser entstehen in mehreren Orten im Südwesten.

1974

Die Preisbindung für Drogerieartikel fällt weg. Zur gleichen Zeit startete auch dm-Gründer Götz Werner seine ersten Gehversuche als Drogerist. Vorher hatte es nur kleine Drogeriefachgeschäfte gegeben.

1975

Schlecker eröffnet in Kirchheim/Teck (Kreis Esslingen) seine erste Drogerie. Zwei Jahre später sind es 100 Filialen.

1977

Der 100. Discounter mit dem Namen Schlecker eröffnet.

1984

Im Jahr 1984 öffnet Filiale Nummer 1000 die Türen.

1987

Als ersten Auslandsmarkt erschließt Schlecker Österreich; später folgen Spanien, die Niederlande, 1991 - durch die Übernahme von „Superdrug“ - Frankreich

Dezember 1987

Am 22. Dezember überfallen drei Maskierte die Familie Schlecker, als Anton und Christa mit den beiden Kindern Meike und Lars nach Hause kommen; die beiden Kinder werden entführt, ihr Vater handelt das Lösegeld von 18 auf 9,6 Millionen Mark herunter. Nach der Übergabe können sich die 14 und 16 Jahre alten Geschwister am 23.12. selbst befreien. Die Polizei wird erst später informiert. Die Familie zieht sich noch stärker als bisher aus der Öffentlichkeit zurück

1990er

Nach dem Fall der Mauer expandiert Schlecker auch relativ schnell in die neuen Bundesländer.

1994

Schlecker betreibt nach eigenen Angaben rund 5000 Läden; zugleich werfen Gewerkschafter dem Konzern vor, Mitarbeiter systematisch zu schikanieren und zu schlecht zu bezahlen - solche Kritik prägt in den kommenden Jahren immer wieder die Schlagzeilen über den „Drogeriekönig“. Schlecker weist Vorwürfe stets zurück und spricht von Einzelfällen.

2007

Schlecker übernimmt zum Ende des Jahres die ehemals insolvente Osnabrücker Kette "Ihr Platz"

1998

Das Amtsgericht Stuttgart erlässt gegen Christa und Anton Schlecker Strafbefehle von jeweils zehn Monaten auf Bewährung wegen vielfachen Betrugs - weil sie Mitarbeitern eine tarifliche Bezahlung bloß vorgetäuscht hätten.

2008

Der Drogerieriese macht nach Gewerkschaftsangaben 52 Millionen Euro Verlust bei 7,42 Milliarden Euro Umsatz

2010

Im Januar erneute Kritik über Arbeitsbedingungen bei Schlecker, wo bestehende Arbeitsplätze mit Leiharbeitsverträgen ersetzt werden sollten; die Bundesregierung will mit einer „Lex Schlecker“ gegensteuern. Zugleich muss der Drogerieriese einen Umsatzrückgang von rund 650 Millionen Euro auf noch etwa 6,55 Milliarden, davon 4,51 Milliarden Euro im Inland, hinnehmen und schreibt weiter rote Zahlen.

November 2010

Patriarch Anton Schlecker holt im November seine Kinder Meike und Lars in die Führungsspitze und gibt einen Teil seiner Verantwortung ab; der Familienrat bleibt aber wichtigstes Entscheidungsgremium

2011

Schlecker beginnt einen radikalen Umbau seines Filialnetzes; aus den überall verfügbaren Billigläden sollen hochwertige Drogerien in der Nachbarschaft werden - samt Slogan „For You. Vor Ort.“; Neue Führungsgrundsätze sollen schlechte Mitarbeiterführung ein für alle Mal verhindern; das Magazin „Forbes“ führt Anton Schlecker auf seiner Reichen-Liste noch mit 3,1 Milliarden Dollar Vermögen (rund 2,4 Milliarden Euro)

2012

Nach Wochen voller Gerüchte um finanzielle Engpässe gibt Schlecker am 20. Januar bekannt, in die Planinsolvenz gehen zu wollen.

Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) will bis Ende dieser Woche Klarheit über die Transfergesellschaft, in der die meist älteren, gering qualifizierten Schlecker-Frauen weitergebildet und möglichst schnell in neue Jobs vermittelt werden sollen, schaffen.

Auch Arndt Geiwitz, der vorläufige Insolvenzverwalter von Schlecker, ist für die Gründung einer Transfergesellschaft - doch es fehlt das Geld. Bei der Pressekonferenz am vergangenen Mittwoch sagte Geiwitz, es gebe dafür keine Mittel aus der Insolvenzmasse.

Kommentare (35)

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05.03.2012, 08:25 Uhr

Warum sollte der Staat da eingreifen? Beim Deutschen Arbeitsmarkt-Boom sollte es doch kein Problem sein, eine neue Stelle zu finden?!

Thomas-Melber-Stuttgart

05.03.2012, 08:40 Uhr

Vielleicht sind Arbeitsplätze im Handel nicht weniger wert als in der Industrie, aber Arbeitsplätze im Finanzsektor und bei Großunternehmen scheinen doch deutlich mehr wert zu sein als beim kleinen Mittelständler oder Handwerksbetrieb.

Marie

05.03.2012, 08:44 Uhr

Hab ich das richtig verstanden?
Die betroffenen Frauen mit einem ohnehin schon geingen Einkommen sollen für 60/67% ihres bisherigen Nettolohnes weiterarbeiten?
Na die werden sich bedanken. Schlimmer geht´s nimmer.
Das ist moderne Sklaverei unter dem Deckmäntelchen gut gemeinter Hilfe.
Was wird nach diesem Jahr des absoluten Dumpingarbeitens, wenn sie keinen neuen Job finden?
Wird dann das ALG nach den zuletzt gezahlten Löhnen berechnet?

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