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26.05.2011

11:03 Uhr

Horn von Afrika

„Die Piraterie ist völlig außer Kontrolle“

VonFlorian Brückner

Die Piraterie am Horn von Afrika weitet sich immer weiter aus - Experten befürchten eine totale Eskalation. Es ist eine florierende Industrie entstanden - und deutsche Reeder sind das beliebteste Opfer.

Ein Kriegsschiff der EU-Mission-Atalanta hat ein Boot somalischer Piraten zerstört. Quelle: Eunavfor

Ein Kriegsschiff der EU-Mission-Atalanta hat ein Boot somalischer Piraten zerstört.

Quelle: Eunavfor

Golf von AdenDer Enterhaken wird zum Karriereinstrument: „Seeräuber zu sein gilt in Somalia fast schon als idiotensicherer Weg, schnell reich zu werden“, schreibt Jack Lang, Sondergesandter der Uno für die Bekämpfung der Piraterie, in einem Bericht an Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon. Rund 1500 professionelle Piraten verdienen mittlerweile allein in Somalia ihr Geld mit dem Kapern von Handelsschiffen. Mindestens 26 Frachter und 522 Menschen sind zurzeit in der Hand von Piraten. Die Lösegelder liegen im Schnitt bei mehr als fünf Millionen Dollar. Entsprechend hoch sind die Gehälter der Erben von Kapitän Blackbeard.

Nach einer aktuellen Studie der Beratungsgesellschaft Geopolicity kann ein Pirat 150-mal mehr verdienen als die meisten seiner somalischen Landsleute. Während das durchschnittliche Jahreseinkommen eines Somalis bei etwa 500 Dollar liegt, verdienen Piraten bis zu 79 000 Dollar (56000 Euro) pro Jahr – netto. Das entspricht etwa dem Doppelten des durchschnittlichen Nettoeinkommens eines Beschäftigten in Deutschland.

Und die Piraterie lässt sich fast ohne Risiko betreiben: Zwar kreuzen 19 Kriegsschiffe im Golf von Aden. Doch bringen sie ein Piratenschiff auf, werden die Seeräuber meist wegen der schwierigen Rechtslage ohne Prozess wieder freigelassen.

Es ist also wenig verwunderlich, dass die Piratenindustrie im bitterarmen Somalia keine Nachwuchssorgen kennt. Geopolicity rechnet damit, dass jedes Jahr 200 bis 400 neue Seeräuber hinzukommen.

Ganz am Anfang stand die Selbsthilfe. Um die großen Fischtrawler zu vertreiben, die ihnen die Lebensgrundlage entzogen, griffen somalische Fischer zu den Waffen und wurden so zu Piraten. Doch diese Zeiten sind längst vorbei. „Die Piraterie von heute ist zu einer lukrativen Industrie geworden“, sagt Kerstin Petretto, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Universität Hamburg. Und der Seeräuber von heute arbeite nicht nur erfolgreich, sondern auch ausgesprochen effektiv.
Nach Berechnungen der amerikanischen Denkfabrik One Earth Future Foundation hat sich das im Schnitt erzielte Lösegeld für ein entführtes Schiff innerhalb von nur fünf Jahren versechsunddreißigfacht: von gut 150 000 Euro im Jahr 2005 auf fast 5,4 Millionen Dollar im vergangenen Jahr. Für einen Supertanker wie die Irene SL mit 1,8 Millionen Barrel Rohöl an Bord, wurde im April dieses Jahres ein Lösegeld von 13,5 Millionen Dollar fällig. Die Ladung entsprach laut Branchenverband Intertanko ungefähr 20 Prozent der täglichen Rohöl-Importe der Vereinigten Staaten.

Kommentare (19)

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einerderbesten

26.05.2011, 11:46 Uhr

"Während das durchschnittliche Jahreseinkommen eines Somalis bei etwa 500 Dollar liegt, verdienen Piraten bis zu 79 000 Dollar (56000 Euro) pro Jahr – netto. Das entspricht etwa dem Doppelten des durchschnittlichen Nettoeinkommens eines Beschäftigten in Deutschland"

Mich würde noch interessieren, wie hoch die Beitragsbemessungsgrenze der illegalen somalischen Krankenversicherung für Piraten liegt und in welchem Durchschnittsalter somalische Piraten Leistungen aus der staatlichen Rentenversicherung beziehen.

Ferner hat es der Autor leider versäumt, die somalischen Piratengewerkschaften zu befragen, mit welcher Forderung sie in die anstehenden Tarifverhandlungen einzuziehen gedenken.

SeriousSam

26.05.2011, 11:58 Uhr

Dem Problem ist leicht beizukommen mit sehr harten Aktionen gegen die Piraten. Allerdings müssten diese Aktionen außerhalb jeglichen (zwischen) staatlichen Rechts erfolgen. Dher wird es sie nicht geben.

verrueckt

26.05.2011, 12:09 Uhr

Also wenn ein solches Pipifax Boot der Piraten ein Handeslschiff attakieren kann, dann haben die Betreiber nicht alle Tassen im Schrank!

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