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30.10.2014

07:01 Uhr

H&M in der Kritik

„Wir haben nie vor 22 Uhr Feierabend“

VonBastian Benrath

H&M ist bekannt für preiswerte Mode und wirbt mit einem fairen Image. Nun ist ein ZDF-Team dorthin gereist, wo der Moderiese produziert. Offenbar sind die Produktionsbedingungen schlechter als behauptet.

Kein Grund zu Zweifeln: H&M will die Kritik an den Produktionsbedingungen ernst nehmen. dpa

Kein Grund zu Zweifeln: H&M will die Kritik an den Produktionsbedingungen ernst nehmen.

MünchenImmerhin stimmt die Rendite: 1,92 Milliarden Euro verdiente H&M im vergangenen Jahr weltweit mit seiner günstigen Kleidung. Das schwedische Unternehmen gibt sich dabei den Anstrich, seine Mitarbeiter am Erfolg teilhaben zu lassen. „Verantwortung zu übernehmen ist für uns ein sehr wichtiger Bestandteil des Angebots für den Kunden“, erklärte CEO Karl-Johan Persson vollmundig. Kunden leisten mit ihrem Einkauf also sogar einen Beitrag zur Entwicklung der Länder, in denen H&M produziert. Oder? Es ist genau dieses „oder“, welches die Autoren des Dokuformats „ZDF-Zoom“ dazu brachte, einmal genau dorthin zu fahren.

Eines der Länder ist Bangladesch. 150 Textilbetriebe in dem südasiatischen Land produzieren für H&M, der gesetzliche Mindestlohn liegt bei umgerechnet 50 Euro im Monat. Das ZDF-Team nimmt den Zuschauer mit auf seine Recherche. Über eine Gewerkschafterin gelangen die Journalisten an zwei Arbeiter aus einer von H&Ms Vertragsfabriken. „Wir haben nie vor 22 Uhr Feierabend – das ist das Früheste“, sagt einer von ihnen. Regulär fingen sie um acht Uhr morgens an, für sechs Tage pro Woche, manchmal auch für sieben. Insgesamt also mehr als eine 80-Stunden-Woche. Auch nach H&Ms eigenen Regeln sind maximal 48 erlaubt.

„Wenn der Liefertermin näher rückt, müssen wir manchmal sogar bis sieben Uhr morgens arbeiten“, fügt der Arbeiter hinzu. Der Liefertermin ist wichtig, schließlich kann H&M ihn den lokalen Firmen quasi diktieren. Beutet der Moderiese also aus, indem er bewusst zu knapp plant? Die zuständige Nachhaltigkeitsbeauftragte gibt sich bestürzt, ohne jedoch viel zu sagen. „Das Thema Überstunden ist eine Herausforderung für die gesamte Branche“, sagt Helena Helmersson in Stockholm. „Wir pflegen sehr enge Partnerschaften mit unseren Lieferanten und haben eine sehr strukturierte Planung und Beschaffung.“ Richtig glaubwürdig klingt das nicht.

Die größten Textilhändler in Deutschland

Rang 10

Tchibo / Ernsting's Family
Die Unternehmen aus Hamburg und Coesfeld teilen sich den zehnten Platz mit einem Umsatz von 1,01 Milliarden Euro. Damit schlugen sie 2014 aber etablierte Modefilialisten wie Esprit, Inditex oder den Onlinehändler Zalando.

Quelle: „Textilwirtschaft“

Rang 9

Aldi-Gruppe
Die beiden Discounter (Aldi Nord/Aldi Süd) erzielten 2013 einen geschätzten Textilumsatz von 1,04 Milliarden Euro, ein leichtes Plus gegenüber dem Vorjahr. Damit kann Aldi Rang neun verteidigen.

Rang 8

Lidl
Die Neckarsulmer liegen mit einem Textilumsatz von rund 1,08 Milliarden Euro auf Rang acht.

Rang 7

Tengelmann
Die Mülheimer, die rund 82 Prozent der Billig-Kette Kik besitzen, erwirtschafteten 2014 einen geschätzten Jahresumsatz von rund 1,3 Milliarden Euro, ein leichtes Plus zum Vorjahr.

Rang 6

Peek & Cloppenburg
Die Düsseldorfer belegen in der Rangfolge der größten Textileinzelhändler in Deutschland mit einem Jahresumsatz von 1,34 Milliarden Euro Platz sechs.

Rang 5

Karstadt
Deutlich geschrumpft ist erneut der Umsatz bei Karstadt - nach „Textilwirtschaft“-Schätzung um mehr als 300 Millionen Euro auf 1,58 Milliarden Euro. Dennoch wird Platz fünf verteidigt.

Platz 4

Metro
Die Düsseldorfer Metro-Group schafft mit Textilien im Jahr 2014 geschätzte 2,25 Milliarden Euro Umsatz.

Platz 3

C&A
Noch ein Düsseldorfer Unternehmen - mit einem Jahresumsatz von 2,9 Milliarden Euro ist C&A der drittgrößte Textileinzelhändler in Deutschland. Allerdings sind die Einnahmen seit Jahren rückläufig.

Platz 2

H&M
Die schwedische Modekette H&M steigert den Umsatz 2014 deutlich. Die Erlöse belaufen sich in Deutschland auf 3,8 Milliarden Euro.

Platz 1

Otto
Der größte Textileinzelhändler in Deutschland bleibt der Hamburger Versandhändler Otto Group mit einem Textil-Jahresumsatz von 4,2 Milliarden Euro im Jahr 2014.

Nach diesem Schema läuft die gesamte halbstündige Doku ab: Die Journalisten decken in einem der Produktionsländer einen Missstand auf und konfrontieren H&M damit. Auf Bangladesch folgt Äthiopien, das ein noch niedrigeres Lohnniveau hat. Die simple Dramaturgie wird auf die Dauer etwas eintönig und drückt den Unterhaltungswert. Zwar findet das ZDF-Team eindeutig die These bestätigt, dass H&M seine Arbeiter ausbeutet, doch richtig viel Neues finden sie dazu nicht heraus.

Das Thema Arbeitsbedingungen in der Textilbranche ist bereits zu viel thematisiert worden, als dass eine solche Doku noch neue Erkenntnisse bringen würde. Wenig überraschend fällt die Reaktion von H&M auch jedes Mal gleich aus: Das Unternehmen bedankt sich für die Ergebnisse der Recherchen, verspricht, ihnen nachzugehen, sieht aber dennoch keinen Grund, grundlegend am Bild der eigenen Produktionsbedingungen zu zweifeln.

Einen interessanten Punkt findet das Team von ZDF-Zoom dann aber doch noch heraus. Es geht um die Steuern, die H&M zahlt. Der Konzern ist so aufgebaut, dass die Tochterfirmen in den Produktionsländern lediglich die örtlichen Produzenten koordinieren. Die Kleidung wird hingegen ausschließlich für und auf Kosten von H&M in Schweden hergestellt. Dort, wo produziert wird, verdient H&M also kein Geld. Durch diesen simplen – und völlig legalen – Trick zahlt das Unternehmen keinen Cent an die Länder, in denen es produziert. Teilhabe am Erfolg: Fehlanzeige.

Zum Schluss des Films heißt es bedeutungsschwer: „Die billige Masche von H&M – doch wer zahlt den Preis dafür?“ Angesichts dessen, dass der Moderiese offenbar nicht nur seine Arbeiter, sondern auch die Produktionsländer ausbeutet, fällt die Antwort darauf nicht schwer. Wer bislang auf einen Grund gewartet hat, keine preiswerte Mode mehr zu kaufen, dem liefert die Doku ebendiesen. Auch, wenn sie nicht viel Neues sagt.

Fazit

Die Dramaturgie der Dokumentation ist eintönig, die Fakten wenig neu und das Thema bereits sehr präsent in der öffentlichen Debatte. Die Recherche des ZDF ist durchweg ordentlich, doch der Film insgesamt wenig überdurchschnittlich.

Kommentare (4)

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Herr Hans Kammerer

30.10.2014, 08:11 Uhr

Ich habe die Reportage gesehen und fand sie furchtbar schlecht und unfair obendrein.
Weshalb wird die Korruption und das kollektive Versagen aller Regierungsteile, Baubehörden und Gerichte in einem Land dem europäischen Konzern angelastet ? Was bitte kann denn H&M dafür, dass die Fabrikbesitzer, Baukontrolleure, und Zertifizierungsstellen in Bangladesch schmierbar sind und wegsehen ?
Das Allerbeste war die Aussage, H&M würde keine Körperschaftsteuer in Bangladesch bezahlen ! Im Ernst ? Unfaierer geht es doch schon gar nicht mehr... Bezahlen wir Deutschen für unsere Einkäufe im Ausland Körperschaft- bzw. Einkommensteuer ? Wenn die Autoren dieser Reportage das nächste Mal im Ausland sind und sich dort ein T-Shirt kaufen, sollen sie sich fragen weshalb sie denn keine Einkommensteuer auf ihre eingekauften Waren bezahlen... Die Steuerpflicht ist i.d.R. daran gebunden, ob vor Ort Einkommen erzielt wird. Wenn ein Saudischer Autohändler in Deutschland 10.000 Mercedes bestellt die hier produziert werden um sie in der ganzen Welt zu verkaufen, dann bezahlt er in Deutschland keine Körperschaftsteuer. Er bezahlt dort Steuern, wo sein Firmensitz ist bzw. zusäztlich dort, wo die Verkäufe erfolgen und Gewinne bzw. Umsätze fließen. Aber niemals in Deutschland.
Die Aussage, H&M bezahle keine KöSt in Bangladesch ist also nicht nur super unfair, sondern gleichzeitig super dumm ! Dumm deshalb, weil die Autoren damit gezeigt haben, dass sie 1) vom Steuerrecht keine Ahnung haben und 2) dennoch indirekt dem Konzern vorwerfen sich in einem armen Land um die Steuerpflicht gedrückt zu haben. Es gibt keine Steuerpflicht für den Einkauf in Bangladesch. Steuerpflichtig sind dort die Unternehmen, die für H&M produzieren und Gewinne erzielen. Aber ganz bestimmt ist H&M daran Schuld sollten diese Firmen ihr Land um Steuern betrügen...
Einfach schlecht und unfair gemacht.

Herr Stefan Schultz

30.10.2014, 10:58 Uhr

Ich habe die Sendung nicht gesehen, trotzdem bietet die Sendung, wenn ich mich auf diese Kritik im HB beziehe, nichts neues. Niedrige Preise haben immer ihren Grund. Außerdem, wird hoffentlich auch in Bangladesch und sonst wo nirgends ein Mensch gezwungen zu arbeiten, man muss also nicht für H&M arbeiten. Aber dann macht es ein anderer.

50 EUR Monatslohn sagt mir auch nicht viel? Haben die Leute deshalb keine Wohnung, Kleidung und zu Essen? Das fänd ich schlimm, dagegen müsste man vorgehen. Wenn sie von dem Geld aber "Leben" können, ist das in Ordnung. In Deutschland werden die Arbeiter doch auch nicht mit Geld überschüttet, sogar im Gegenteil. Leute arbeiten vollzeit und können sich nicht eine Wohnung, Kleidung und Lebensmittel leisten ohne vom Staat unterstützt zu werden. Ich will damit nicht sagen, dass mir die Menschen in Asien und Afrika egal sind oder dass sie nicht ausgebeutet werden. Aber ich möchte eine Verhältnismäßigkeit wissen, wieviel ist das verdiente Geld dort jeweils "wert". Ohne dass kann ich mir darüber kein Urteil leisten.

Herr Gert Hofmann

30.10.2014, 12:53 Uhr

Egal ob man den Bericht nun gut oder schlecht findet. Es ist aber wichtig den Konsumenten diese Verhältnisse immer wieder vor Augen zu führen. 1000 Tote hier 500 Tote da. Unmenschliche Arbeitsbedingungen, usw. werden heute gelesen und morgen vergessen. In unserer schnelllebigen Zeit. Deshalb muss immer und immer wieder auf diese Verhältnisse hingewiesen werden. Nur durch Penetranz kann man vielleicht etwas verändern.

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