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05.12.2015

15:53 Uhr

ICE-Trasse Erfurt-Leipzig

Der lange Weg zur kurzen Fahrzeit

In wenigen Tagen feiert die Bahn mit Politikprominenz den Start der neuen ICE-Strecke Erfurt-Leipzig/Halle. Bahnreisen wird damit schneller. Doch im europäischen Vergleich aber ist noch viel zu tun.

Die Bahn will zunächst 60 bis 70 Verbindungen am Tag über die neue Trasse schicken, wie ein Sprecher sagt. dpa

ICE

Die Bahn will zunächst 60 bis 70 Verbindungen am Tag über die neue Trasse schicken, wie ein Sprecher sagt.

LeipzigSeit Wochen laufen die letzten Probefahrten, ab 13. Dezember soll es richtig losgehen: Mit dem Fahrplanwechsel will die Deutsche Bahn ihre Schnellzüge über die neue Trasse zwischen Erfurt und Leipzig/Halle schicken. Kommenden Mittwoch soll die Inbetriebnahme der 123 Kilometer langen und 2,8 Milliarden Euro teuren Strecke mit Politprominenz wie Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bahnchef Rüdiger Grube in Leipzig gefeiert werden. Damit geht ein weiteres Stück der Trasse Berlin-Nürnberg in Betrieb, endgültig fertig soll das Großbauprojekt Ende 2017 sein.

Dann soll sich die Reisezeit von Berlin nach München um zwei Stunden auf nur noch knapp vier Stunden verringern. Ab Mitte Dezember verkürzt sich die Fahrzeit Erfurt-Halle um eine dreiviertel Stunde auf 35 Minuten. Nach Leipzig soll es von der Thüringer Landeshauptstadt 30 Minuten schneller gehen.

Die Ärgernisse bei der Deutschen Bahn

Pünktlichkeit

Jeder vierte Fernzug fährt heute mindestens sechs Minuten zu spät in den Bahnhof und ist damit nach Konzerndefinition verspätet. 2016 soll die Quote der pünktlichen Züge von 74 auf 80 Prozent steigen, langfristig auf 85 Prozent - was einen Kraftakt erfordert. 30 000 von 70 000 Weichen sollen Sensoren erhalten, die vor Störungen warnen - denn diese sind oft für Verspätungen verantwortlich. Störungen sind häufig auch die Ursache, wenn Züge in umgekehrter Wagenreihung ankommen - wenn sie umgeleitet werden und aus anderer Richtung in die Bahnhöfe kommen.

Verschwindende Züge

Jeder Kunde kennt das: Kommt sein Zug zu spät und ein anderer fährt vorher auf dem Gleis ein, verschwindet der eigene Zug von der Anzeigetafel. Gibt es dann einen Gleiswechsel und Bremslärm übertönt die Durchsage, wartet man vielleicht sogar vergeblich. Lösung: Die Tafeln sollen die nächsten drei Züge anzeigen. 10 000 Anzeigetafeln sollen dafür im nächsten Jahr umprogrammiert werden. Grubes Ziel: „Die größten Ärgernisse über falsche und verspätete Informationen werden 2016 abgestellt.“

Gesperrte Toiletten

Auch das gibt es immer wieder: Das Wasser geht aus, Bordtoiletten müssen gesperrt werden. Hier soll die Instandhaltung besser werden. Noch geht morgens jeder zweite Fernzug mit einem Mangel ins Netz, die Toiletten sind nur ein Beispiel. Ein mobiler Service soll dafür sorgen, dass die Zugflotte immer zu 100 Prozent intakt ist.

Service im Zug

Die Zugbegleiter sollen sich wieder mehr um die Kunden kümmern. Zusatzaufgaben, wie Fahrgäste zu zählen, fallen weg. Dafür gibt es Überlegungen für eine Art Am-Platz-Service in der zweiten Klasse, wie die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (Mittwoch) berichtet. So etwas gibt es bisher nur in der ersten, wo etwa Speisen und Getränke gebracht werden. Die harte Fernverkehrswettbewerb mit Billigfliegern und Fernbussen hat die Bahn gelehrt, dass sie an der Qualität arbeiten muss. Grube hofft auf „Leistung, die begeistert“.

WLan

Seit einem Jahr ist der drahtlose Internetzugang in der ersten Klasse des ICE inklusive, die zweite Klasse soll möglichst noch nächstes Jahr folgen. Bis zum Sommer dauert es aber mindestens noch, bis die Technik in den Zügen ist. Zudem soll es WLAN im ganzen Zug nur geben, wenn es für alle Passagiere in guter Qualität verfügbar ist.

Preissystem

Vielen Kunden halten es für schwer zu durchschauen, gar willkürlich, wie jetzt eine Umfrage ergab. Nur noch jeder zehnte Reisende zahlt nach Bahnangaben den Normalpreis ohne Rabatt. Der neue Personenverkehrschef Berthold Huber geht verstärkt mit 19-Euro-Tickets ins Rennen mit der Konkurrenz auf der Straße und in der Luft, macht die Bahn damit billiger. Eine „Riesen-Preisreform“ hat er jedoch ausgeschlossen. In der Konzernzentrale erinnert man noch sich gut an das Jahr 2002, als man ein neues Preissystem nach einem halben Jahr zurücknehmen musste.

Die Bilanz...

...ist eine der größten Baustellen. In diesem Jahr wird es wohl erstmals nach über einem Jahrzehnt tiefrote Zahlen geben. Mehr Qualität soll mehr Kunden und dann auch wieder mehr Erfolg bringen, so der Dreiklang für Grubes Umbaupläne. Bis dahin kostet der Umbau erstmal Geld, 700 Millionen Euro in diesem Jahr. Zudem werden 1,3 Milliarden Euro bei der Gütersparte abgeschrieben, was zusammen mit einer Dividenden-Zahlung an den Bund das Ergebnis um mehr als eine Milliarde Euro ins Minus drückt - trotz eines Rekordumsatzes von gut 40 Milliarden Euro und eines Gewinns (Ebit) von voraussichtlich 1,75 Milliarden Euro im laufenden Geschäft.

Es war ein langer Weg zur kurzen Fahrzeit. Anfang der 1990er Jahre begannen die Planungen. Streit um den Trassenverlauf, ein dreijähriger Baustopp um die Jahrtausendwende und die stockende Finanzierung verzögerten die Fertigstellung. Statt der 1996 veranschlagten zehn Milliarden D-Mark wird die Neu- und Ausbaustrecke zwischen Nürnberg und Berlin nach Angaben der Bahn am Ende zehn Milliarden Euro kosten.

Für den Fahrgastverband Pro Bahn ist die neue Strecke nicht nur ein Grund zum Feiern. „Es ist ein Geschenk und ein wichtiger Punkt für die Infrastruktur“, sagt der Vorsitzende des Landesverbands Mitteldeutschland, Carsten Schulze. „Aber es ist mit ein bis zwei Zügen pro Stunde kläglich ausgelastet für die hohen Baukosten.“

Er verweist auf europäische Nachbarn wie Frankreich. Dort würden etwa zwischen Lille und Paris alle drei Minuten Züge fahren. „Das ist der Hochgeschwindigkeitsstandard in Europa, wo Deutschland hin muss.“

Das Potenzial sei groß: „Für Millionen Berliner und Münchner ist es ab 2017 ein großer Sprung.“ Um die Chancen zu nutzen, müssten die Züge jedoch öfter fahren, kritisiert Schulze. Das Problem: „Es ist inzwischen mitunter billiger, die Züge stehen zu lassen, weil das Trassenentgelt mit 15 Euro pro Kilometer so hoch ist.“ Um Nah-, Fern- und Güterverkehr mit der Straße konkurrenzfähig zu machen, müsste diese Gebühr weg, fordert Schulze.

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