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27.06.2013

09:48 Uhr

Ikea-Gründerlegende

Kamprad hat Heimweh nach Schweden

Mit einem alten Volvo fuhr er zum Einkaufen in den Supermarkt und sammelte mit einer Treuekarte Rabatte. Doch das einfache Leben in der Schweiz macht Ikea-Gründer Kamprad keine Freude mehr – er will zurück nach Schweden.

Der 87-Jährige lebt aus Steuergründen seit Jahrzehnten in der Schweiz. AFP

Der 87-Jährige lebt aus Steuergründen seit Jahrzehnten in der Schweiz.

StockholmDer Ikea-Gründer Ingvar Kamprad kehrt nach Jahrzehnten in der Schweiz in seine Heimat Schweden zurück. "Ich möchte näher bei meiner Familie und alten Freunden sein", sagte der 87-jährige Unternehmer der schwedischen Zeitung "Sydsvenskan" von Mittwoch.

Seit seine "liebe Frau" Margareta vor rund eineinhalb Jahren gestorben sei, halte ihn immer weniger in der Schweiz. Die Ikea-Sprecherin Josefine Thorell sagte am Mittwochabend, Kamprad habe immer geplant, seinen Lebensabend in Schweden zu verbringen. Er wolle vor Jahresende umziehen.

Der Bauernsohn Kamprad hatte Ikea im Jahr 1943 gegründet und aus dem kleinen Geschäft, das einst Stifte und Bilderrahmen verkaufte, einen weltumspannenden Konzern gemacht. Seit den 1970er Jahren lebt Kamprad, der laut dem Magazin "Bilanz" mit einem geschätzten Vermögen von bis zu 39 Milliarden Schweizer Franken (bis zu 31,5 Milliarden Euro) einer der reichsten Männer Europas ist, aus Steuergründen in der Schweiz. Laut Medienberichten lebt er in Epalinges in der Nähe von Lausanne ganz einfach und fast geizig: Gerne wird etwa erzählt, dass Kamprad mit seinem alten Volvo zum Einkaufen in den Supermarkt fuhr und dort mit einer Treuekarte auch die Rabatte einsammelte.

Was Sie noch nicht über Ikea wussten

Ein Manager packt aus

Ikea: ein Erfolgsmodell, kinderfreundlich, emanzipiert, weltoffen und umweltbewusst. Johan Stenebo kratzte an diesem Bild. Da war von Intrigen, Bespitzelung, Rassismus im Konzern die Rede. Und Stenebo, ausgebildeter Betriebswirt, musste wissen, wovon er spricht. 20 Jahre lang hat er es immerhin bei Ikea gearbeitet. Einem Unternehmen, das er immer noch liebt; von dem er aber auch sagt, dass es auf Lügen aufgebaut ist.

Das Enthüllungsbuch

Im November 2009 hat dieses Buch für großes Aufsehen gesorgt, nicht nur in Schweden. Johan Stenebo hat 20 Jahre für Ikea gearbeitet - und jetzt packt er aus. Das Buch ist mittlerweile auch auf Deutsch erschienen. Stenebo arbeitete sich hoch bis ins Top-Management von Ikea und wurde sogar persönlicher Assistent von Ikea-Gründer Ingmar Kamprad. Anfang 2009 verließ Stenebo das Unternehmen und begann, sein Enthüllungsbuch zu schreiben.

Stenebo gab zu, dass er sich mit Peter Kamprad, dem als Kronprinzen gehandelten Sohn des Ikea-Gründers, überworfen habe. Außerdem sei das Buch doch gar keine Abrechnung: „Viele, die mein Buch gelesen haben, empfinden es als Liebeserklärung“, sagte Stenebo vor kurzem.

Bibliographie Johan Stenebo, Die Wahrheit über Ikea Campus Verlag, Frankfurt am Main, 2010, 286 Seiten

Der „Sektenführer“

Und darin wird deutlich, dass das Image von Ingmar Kamprad nicht so ganz der Wahrheit entspricht. Doch viele der Anekdoten über ihn seien laut Stenebo frei erfunden. Dass er ein extrem bescheidener Mensch sei mit einem 30 Jahre alten Sofa. Dieser Geiz werde zwar ausgeschlachtet und übertrieben dargestellt, im Kern aber durchaus richtig. In Wirklichkeit führe Kamprad Ikea „wie eine Sekte“. Das Unternehmen sei nicht ohne Grund eines der „verschlossensten der Welt“.

Stasi-Methoden

Bei Ikea würden „Stasi-Methoden“ gelten, schreibt Stenebo, worunter die Mitarbeiter enorm leiden. Sie würden bespitzelt, Frauen diskriminiert. Ausländer seien als „Neger“ beschimpft worden und hätten deutlich weniger Chancen gehabt, Karriere zu machen, als Schweden aus der nahen Umgebung.

Kinderarbeit

Stenebo geht noch weiter: Ikea würde es mit dem Umweltschutz nur vordergründig Ernst meinen. Bei Lieferanten gehe es zu sehr um den Preis, eine intensive Prüfung der Produktionsmethoden gebe es allzu oft nicht. Die „Barnslig“-Teppiche sollen von pakistanischen Kindern geknüpft werden. Der Konzern selbst spricht bei all dem von den „Ansichten einer Privatperson“, auf die man nicht eingehen wolle. Für Stenebo hat es sich jedenfalls gelohnt. Er gibt inzwischen Seminare in Unternehmensführung und hält Vorträge.

Alkohol

Kamprad wird immer wieder Alkoholsucht nachgesagt: Er soll laut Stenebo „regelmäßig geradezu geplante Perioden ohne Alkoholkonsum“ gehabt haben, sich dazwischen aber „sinnlos betrunken“ haben. Allerdings sei das sehr viel weniger aufgefallen, als man gerüchteweise hört. Der Autor selbst habe Kamprad „nie trinken sehen“. Auch Kamprads Entscheidungen seien nie vom Alkohol beeinflusst gewesen. Auch in einer anderen Hinsicht verteidigt Stenebo seinen Ex-Chef: „Neonazistische Sympathien“ habe Kamprad nicht, er sei „absolut kein Antisemit“. Andere Autoren behaupten dies immer wieder.

Sturheit

Ein Beispiel für die Sturheit des Unternehmensgründers sei der Entscheidungsprozess gewesen, einen ein Homeshopping-Konzept einzuführen oder nicht. Viele Ikea-Manager hatten große Pläne, hohe Summen wurden für Vorstudien ausgegeben. Grundsätzlich gab es stets ein großes Vertrauen in die Entscheidungen Kamprads, schließlich hatte er meistens Recht behalten. Doch in diesem Fall wäre kein Manager seiner Auffassung gewesen, wie Stenebo schreibt. Und die aktuellen Zuwachsraten des Internethandels hätten schließlich auch bestätigt, dass es eine falsche Entscheidung war.

Erfolgsgeheimnis

Doch warum ist Ikea wirklich so erfolgreich? Die Lektüre von Stenebos Buch lohnt sich, auch um diese Frage zu beantworten. Denn zwischen den Zeilen schwingt große Begeisterung mit, wenn er von den drei wesentlichen Erfolgsgeheimnissen spricht. Und „Geheimnis“ darf man in diesem Fall wörtlich nehmen, denn bisher waren viele dieser Punkte so detailliert nicht bekannt...

Wertschöpfungskette

Das erste der drei Top-Geheimnisse ist die Wertschöpfungskette Ikeas. Stenebo beschreibt die im Detail. Vereinfacht gesagt schaffen es die Schweden, billiger und besser als die Konkurrenz zu sein, in dem sie vor allem den Rohstoff preisgünstig bekommen: Hunderttausende Hektar Holz schlägt Ikea Jahr für Jahr, doch trotz der massiven Rodungen ist das Konzept nachhaltig. Mit großem Geschick sicherte sich das Unternehmen rechtzeitig ausreichend Waldareale, um langfristig die steigende Nachfrage decken zu können. Dazu kam ein Konzept von Sägewerken und der dahintersteckenden Logistik. Ikea arbeitet sehr eng mit der Swedwood AB zusammen. Die gegenseitige Abhängigkeit schweißt die beiden Firmen zusammen.

Lieferanten

1400 Firmen beliefern Ikea derzeit in über 70 Ländern: eine weltweit einzigartige Maschinerie, die sich um die sogenannte Preis-Mengen-Spirale dreht: „Beginne bei einem Lieferanten mit einem guten Volumen und drücke die angebotenen Preise für das Versprechen, ihm ein paar Jahre treu zu bleiben“, schreibt Stenebo. Jahr für Jahr würde dann die Menge erhöht, natürlich gegen üppige Preissenkungen. Die Spirale dreht sich, dank des Einkaufsgeschicks der Ikea-Manager. Auf lange Sicht schrumpfte die Zahl der Ikea-Lieferanten auf 1400 zusammen; zwischenzeitlich waren es mal sehr viel mehr.

China

Nicht funktioniert hat dieses Konzept in China, zumindest nicht im Inland. Jahrelang habe sich Ikea auf Filialen in den Küstenregionen beschränkt. Nachteilig war für Ikea, dass Europäer die Einkaufsbüros geführt haben. Die Umzüge der Familien war teuer, so Stenebo. Zudem hat ein gewisser Anteil Einheimischer große Vorteile. Es gelang Ikea praktisch nicht, die richtigen Kooperationspartner in China zu finden. Ähnlich ist es auch Russland.

Sparen, wo es geht

Die Arbeit der Entwickler beginnt stets mit der Idee für das Produkt, beispielsweise ein Coachtisch. Natürlich soll er billig sein. Die Entwickler müssen also preiswertes Material verwenden wie Kiefer oder Fichte. Zudem müssen sie an Material sparen, wo es geht, man es aber nicht sieht. Jetzt kommen Designer ins Spiel, denn einen fadenscheinigen Tisch will ja auch niemand. Parallel gibt es intensive Gespräche mit den Lieferanten. Das Schema ist bei Ikea stets dasselbe und endet beim Produktrat. Ingvar Kamprad hat dann das letzte Wort, auch beim Namen des Produkts, der eine große Rolle spielt.

Designklau?

Die Kehrweite der Medaille: Ikea steht in dem Verdacht, beim Design sich allzu sehr von Konkurrenten inspirieren zu lassen. Stenebo schreibt dazu: „Während der 70er- und 80er-Jahre klaute das Unternehmen ungeniert.“ Dann aber bildete sich ein „schlechtes Gewissen“ und Ikea gab mehr Geld für gute Designer aus. Heute würde nur noch wenig gestohlen; zumindest nicht mehr, als in der Branche üblich ist.

Impulsware

Ikeas Herzstück sind aber zweifelsohne die großen Einrichtungshäuser. Jedes hat vier Teile: Möbelausstellung, Markthalle, Kassenbereich und das Lager. Stenebo beschreibt das clevere System folgendermaßen: „Dass Ikea den Kunden an der Nase fasst und ihn bewusst so durch das Einrichtungshaus führt, dass er möglichst viel kauft.“ Die großen gelben Taschen bieten viel Platz für kleine, spontane Käufe. Diese „Impulsware“ geschickt zu positionen, ist bei Ikea eine Wissenschaft für sich.

Lager

Volle Lager kosten Geld. Deshalb gibt es bei Ikea nur eine Periode im Jahr, in der es äußerst wichtig ist, dass alle Lager voll sind, nämlich den Herbst. Denn im August kommt der große Katalog heraus. Ikea verkauft 40 Prozent des Jahresvolumens von September bis Dezember. Wenn in dieser Phase die gefragtesten Produkte nicht auf Lager sind, ist das höchst ärgerlich für den Konzern.

Kartelle

Ein Beispiel für preiswerte Produkte sind Energiesparlampen in der 90er-Jahren: Kartellbindungen hatten den Preis für eine Lampe auf 200 bis 250 Schwedische Kronen festgelegt. Eine gewöhnliche Glühbirne kostete damals fünf Kronen. Kamprad wollte aber, dass Ikea dennoch Energiesparlampen verkauft, um umweltfreundlich dazustehen. Also ließ er chinesische Lieferanten suchen, die das Patent umgehen konnten. Ikea verkaufte die Lampen zum Selbstkostenpreis. Das Ziel war nicht, etwas an ihnen zu verdienen, sondern das Image aufzupolieren. Ikea verlangte 20 Kronen, der Markt brach praktisch zusammen.

Schwenglisch

Besonders ist bei Ikea die Sprache, eine Art „Schwenglisch“. „Diese Art des Pidgin Englisch ist der Standard für jeden, der Karriere bei Ikea machen will“, schreibt Stenebo. Damit ist eine stark vereinfachte Version des Englischen gemeint, mit einem geringen Vokabular. Der Zweck ist eine pragmatische Kommunikation im Alltag. Diese Sprache mag effektiv sein, hatte aber in England und den USA viele Nachteile.

Unternehmenssprecherin Thorell sagte, Kamprad werde sich als "Steuerzahler wie alle anderen" in Schweden niederlassen. Der Zeitung "Sydsvensken" sagte der Ikea-Gründer, er wolle wieder in Älmhult leben - dort wurde er geboren, und dort gründete er auch seine Firma. Die Bürgermeisterin des Ortes, Elizabeth Peltola, sagte der schwedischen Zeitung "Expressen": "Das ist großartig und fühlt sich richtig an." Älmhult freue sich aber über jeden, der zuziehe - ob er nun viel oder wenig Geld habe.

Kommentare (11)

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realist

27.06.2013, 11:19 Uhr

...........und so wird es allen gehen! Und wie? Nun, sie kommen alle zurück und wollen dorthin, wo ihr Herz schlägt. Also dort hin, wo sie geboren wurden. Ja, so ist es. Und daran wird sich nichts, aber auch garnichst ändern. Es beginnt mit der Sprache, und endet mit der Umgebung, die nur die sein kann, die vertraut ist. Es ist doch alles ganz einfach. Die Fremde bleibt fremd, so ist es................

Oliver42

27.06.2013, 12:55 Uhr

Jarhzehntelang auf Kosten der schwedischen Gesellschaft Steuern sparen, aber im Alter dann nach Schweden zurückkehren, ja das haben wir gerne.

Wer wie Kamprad, Boris Becker, Michael Schuhmacher, usw. ins Ausland zieht, um die Steuern im Heimatland zu sparen, der sollte nicht glauben, dass er in seiner Heimat noch groß willkommen und beliebt ist.

Solche egoistischen Menschen sparen auf Kosten ihres Heimatlandes Steuern, das in der Masse bei Schulen, Kindergärten, uw. fehlt. Solchen Menschen wie Kamprad, Becker oder Schuhmacher fehlt es an notwendiger gesellschaftlicher Solidarität und sind die reinsten Egoisten.

Eugen

27.06.2013, 13:52 Uhr

@Oliver42: Das hört sich ja nach Eifersucht an. Jeder soll doch leben wo er will und nach seinen Möglichkeiten. Steuern zu sparen ist doch legal und wer zahlt schon freiwillig für etwas das er anderswo günstiger bekommt? Die Unterstellung, es fehle Kamprad an gesellschaftlicher Solidarität ist ziemlich weltfremd. Es sind ja auch so Leute wie Sie die bei IKEA einkaufen, weil's billiger ist. Da könnte man ja auch in ein teures Möbelgeschäft gehen um mehr auszugeben, denn dann würden ja mehr Steuern in die Staatskasse fliessen. Das wäre dann wohl weniger egoistisch.

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