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05.03.2012

11:52 Uhr

Insolvente Drogeriekette

Auf dem Arbeitsmarkt haben Schlecker-Mitarbeiter gute Chancen

Ein hartes Sanierungsprogramm soll Schlecker vor der endgültigen Pleite bewahren. 12.000 Mitarbeiter verlieren ihre Jobs. Ihre Perspektiven aber sind nicht schlecht. Konkurrent Rossmann bringt sich schon in Stellung.

Kampf um ihren Arbeitsplatz: Schlecker-Mitarbeiter in Stuttgart. dpa

Kampf um ihren Arbeitsplatz: Schlecker-Mitarbeiter in Stuttgart.

Ehingen/BerlinBei den Schlecker-Mitarbeitern geht die Angst um. Fast jeder zweite von ihnen soll den Job verlieren. Die insolvente Drogeriekette will rund 12.000 Beschäftigten kündigen und 2400 ihrer 5400 Filialen in Deutschland schließen. Die Chancen der Mitarbeiter auf dem Arbeitsmarkt stehen allerdings nicht schlecht. So hat bereits Konkurrent Rossmann seine Fühler ausgestreckt und einigen Beschäftigten Jobs angeboten. „Wir eröffnen im Jahr rund 100 neue Märkte und stellen dabei etwa 1.000 neue Mitarbeiter ein. Da werden sicher auch Schlecker-Mitarbeiter dabei sein“, sagte Unternehmens-Gründer Dirk Rossmann dem „Tagesspiegel“. Auch bei anderen Firmen hätten die Schlecker-Beschäftigten gute Chancen, neue Jobs zu finden. „In ganz Deutschland ist die Nachfrage nach Arbeitskräften im Einzelhandel hoch“, erklärte Rossmann.

Auch die Unternehmensberatung KPMG sieht gute Perspektiven für die Schlecker-Beschäftigten. „Die Branche ist immer auf der Suche nach qualifiziertem Personal für die Läden. Da sehe ich auch Chancen für gute Schlecker-Mitarbeiter abseits der reinen Drogeriemarktsparte, etwa bei Supermärkten und bei Lebensmitteldiscountern“, sagte Mark Sievers, Partner und Sektor-Koordinator für den  Handel, der „Welt am Sonntag“. „Wer bei Schlecker etwa eine Filiale geführt hat, verfügt in der Regel über viele Kenntnisse und Erfahrung etwa bei der Warenannahme, in der Organisation und im Personalhandling, die auch bei anderen Arbeitgebern gefragt sind.“

Der  Arbeitsmarkt floriert, „alleine für Einzelhandelskaufleute gibt es derzeit 20.000 offene Stellen“, sagte Arbeitsministerin Ursula von der Leyen der „Welt am Sonntag“. Von Mitte 2010 bis Juni 2011 entstanden nach Angaben des Handelsverbands Deutschland (HDE) 60.000 sozialversichtungspflichtige Stellen. Allein auf die konkurrierenden Drogeriemärkte Rossmann (1000 neue Stellen) und dm (2000) entfiel ein Großteil der neuen Arbeitsplätze im vergangenen Jahr, beim Lebensmittelriesen Rewe waren es gar 28.000 seit 2007. Discounter wie KiK oder „Ernsting's Family“ drängen mit immer neuen Läden auf den Markt.

Schleckers Aufstieg und Fall

Drogerieriese und Familiengeschichte

Deutschlands gemessen an der Zahl der Filialen größte Drogeriekette ist untrennbar mit der Familie Schlecker verbunden. In rund 36 Jahren wuchs aus den Anfängen in Baden-Württemberg ein europaweit agierender Handelsriese.Wichtige Stationen in Familie und Firma Schlecker:

1944

Anton Schlecker wird am 28. Oktober in Ulm geboren

1965

Schlecker beginnt seine Berufslaufbahn im Unternehmen seines Vaters, einer Fleischwarenfabrik samt 17 Metzgereien. Erste Selbstbedienungswarenhäuser entstehen in mehreren Orten im Südwesten.

1974

Die Preisbindung für Drogerieartikel fällt weg. Zur gleichen Zeit startete auch dm-Gründer Götz Werner seine ersten Gehversuche als Drogerist. Vorher hatte es nur kleine Drogeriefachgeschäfte gegeben.

1975

Schlecker eröffnet in Kirchheim/Teck (Kreis Esslingen) seine erste Drogerie. Zwei Jahre später sind es 100 Filialen.

1977

Der 100. Discounter mit dem Namen Schlecker eröffnet.

1984

Im Jahr 1984 öffnet Filiale Nummer 1000 die Türen.

1987

Als ersten Auslandsmarkt erschließt Schlecker Österreich; später folgen Spanien, die Niederlande, 1991 - durch die Übernahme von „Superdrug“ - Frankreich

Dezember 1987

Am 22. Dezember überfallen drei Maskierte die Familie Schlecker, als Anton und Christa mit den beiden Kindern Meike und Lars nach Hause kommen; die beiden Kinder werden entführt, ihr Vater handelt das Lösegeld von 18 auf 9,6 Millionen Mark herunter. Nach der Übergabe können sich die 14 und 16 Jahre alten Geschwister am 23.12. selbst befreien. Die Polizei wird erst später informiert. Die Familie zieht sich noch stärker als bisher aus der Öffentlichkeit zurück

1990er

Nach dem Fall der Mauer expandiert Schlecker auch relativ schnell in die neuen Bundesländer.

1994

Schlecker betreibt nach eigenen Angaben rund 5000 Läden; zugleich werfen Gewerkschafter dem Konzern vor, Mitarbeiter systematisch zu schikanieren und zu schlecht zu bezahlen - solche Kritik prägt in den kommenden Jahren immer wieder die Schlagzeilen über den „Drogeriekönig“. Schlecker weist Vorwürfe stets zurück und spricht von Einzelfällen.

2007

Schlecker übernimmt zum Ende des Jahres die ehemals insolvente Osnabrücker Kette "Ihr Platz"

1998

Das Amtsgericht Stuttgart erlässt gegen Christa und Anton Schlecker Strafbefehle von jeweils zehn Monaten auf Bewährung wegen vielfachen Betrugs - weil sie Mitarbeitern eine tarifliche Bezahlung bloß vorgetäuscht hätten.

2008

Der Drogerieriese macht nach Gewerkschaftsangaben 52 Millionen Euro Verlust bei 7,42 Milliarden Euro Umsatz

2010

Im Januar erneute Kritik über Arbeitsbedingungen bei Schlecker, wo bestehende Arbeitsplätze mit Leiharbeitsverträgen ersetzt werden sollten; die Bundesregierung will mit einer „Lex Schlecker“ gegensteuern. Zugleich muss der Drogerieriese einen Umsatzrückgang von rund 650 Millionen Euro auf noch etwa 6,55 Milliarden, davon 4,51 Milliarden Euro im Inland, hinnehmen und schreibt weiter rote Zahlen.

November 2010

Patriarch Anton Schlecker holt im November seine Kinder Meike und Lars in die Führungsspitze und gibt einen Teil seiner Verantwortung ab; der Familienrat bleibt aber wichtigstes Entscheidungsgremium

2011

Schlecker beginnt einen radikalen Umbau seines Filialnetzes; aus den überall verfügbaren Billigläden sollen hochwertige Drogerien in der Nachbarschaft werden - samt Slogan „For You. Vor Ort.“; Neue Führungsgrundsätze sollen schlechte Mitarbeiterführung ein für alle Mal verhindern; das Magazin „Forbes“ führt Anton Schlecker auf seiner Reichen-Liste noch mit 3,1 Milliarden Dollar Vermögen (rund 2,4 Milliarden Euro)

2012

Nach Wochen voller Gerüchte um finanzielle Engpässe gibt Schlecker am 20. Januar bekannt, in die Planinsolvenz gehen zu wollen.

Handelsexperten schätzen an den Schlecker-Mitarbeitern neben den fachlichen Stärken vor allem deren Krisenerprobtheit und Stressresistenz, wie die Umfrage der „WamS“ ergab. Wer sich im sehr autoritär und willkürlich geführten Laden-Imperium von Firmengründer Anton Schlecker behauptet hat, dem sollte der Umstieg in eine andere Firma nicht allzu schwerfallen.

Etliche hoffnungsvolle Signale kommen auch aus der Politik: Ursula von der Leyen hatte bereits am Freitag angekündigt, sich für die Einrichtung einer Transfergesellschaft stark zu machen. Dadurch könnten die Betroffenen bis zu zwölf Monate lang Transfer-Kurzarbeitergeld erhalten. Das Insolvenzverfahren bei Schlecker soll Ende März eröffnet werden.

Der baden-württembergische Finanzminister Nils Schmid (SPD) würde Schlecker helfen. dpa

Der baden-württembergische Finanzminister Nils Schmid (SPD) würde Schlecker helfen.

Der Finanz- und Wirtschaftsminister von Baden-Württemberg, Nils Schmid (SPD), will die betroffenen Schlecker-Mitarbeiter möglichst schnell in neue Jobs vermitteln. "Die 12.000 Beschäftigten - in diesem Fall hauptsächlich Frauen mit geringem Einkommen - müssen den Kopf für jahrelange unternehmerische Fehler hinhalten. Der Staat ist gefordert, die Folgen abzumildern", sagte Schmid dem Handelsblatt.

Kommentare (7)

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hartunddirekt

05.03.2012, 12:05 Uhr

12000 tüchtige Fachkräfte!Da muß doch die Wirtschaft bei unserem- Fach-Kräftemangel- sofort zugreifen?
Oder ist es interessanter Billiglöhner aus dem Ausland zu holen?

aruba

05.03.2012, 12:45 Uhr

Guten Tag,.... Ich habe nicht vor ueber meine eigenen Einnahmen zu berichten;... jedoch glaube Ich dass diese bedauernswerten Leute von Schlecker ausgebeutet wurden;... und von ihrem neuen Arbeitgeber erwarte Ich nichts besseres. Nicht nur dass die Leute den ganzen Laden schmeissen muessen;... nein... sie werden auch noch jaemmerlich bezahlt. Ich habe in meinem Leben viel in Scheisse geruehrt;... wurde aber anstaendig bezahlt. Dann riecht sogar Scheisse besser. Aber was will mann erwarten von einer Geiz ist Geil Gesellschaft. Ich zahle meiner Putzfrau ( die mich sogar duzt ) 15 Euro netto die Stunde;... die Frau macht eine anstaendige Arbeit und wird anstaendig bezahlt. Dies ist bei Aldi Schlecker Norma und Konsorten nicht der Fall.

Boersenstier

05.03.2012, 12:52 Uhr

wird der Lohn der Putzfrau auch anständig versteuert? ;-)

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