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04.06.2012

08:18 Uhr

Insolvente Drogeriekette

Das Vermögen der Schlecker-Familie schmilzt dahin

VonFabian Gartmann

ExklusivDas Milliarden-Vermögen der Schlecker-Familie ist auf einen zweistelligen Millionenbetrag geschrumpft. Doch da kommt vor allem Patriarch Anton Schlecker nur bedingt heran.

Lars und Meike Schlecker stehen in Ehingen vor der Unternehmenszentrale der Schlecker-Drogeriemärkte. dpa

Lars und Meike Schlecker stehen in Ehingen vor der Unternehmenszentrale der Schlecker-Drogeriemärkte.

Düsseldorf/EhingenNach Recherchen des Handelsblatt besitzt die Schlecker-Familie nach der Insolvenz nur noch 35 bis 40 Millionen Euro Privatvermögen. Das Geld sei zum größten Teil im Besitz der Kinder, bestätigen ehemalige Manager des Unternehmens. 2011 wurde das Vermögen der Schleckers noch auf 1,65 Milliarden geschätzt, auch wenn der Unternehmenswert in dieser Rechnung enthalten war.

Die Schlecker-Kinder Lars (40) und Meike (38) hatten den zweistelligen Millionenbetrag durch Auszahlungen ihrer Leiharbeitsagentur „Meniar“ (Menschen in Arbeit) erwirtschaftet – ein Subunternehmen der Familie, über das sie rund 4300 Arbeitskräfte, die von Schlecker entlassen wurden, zu deutlich schlechteren Konditionen in Leiharbeitsverträgen an Schlecker vermittelt hatte. Meniar wurde von Schlecker-Personalmanager Alois Over gegründet und als Geschäftsführer geleitet. Inhaber waren Schleckers Kinder, Geschäftssitz war Zwickau.

Schleckers Aufstieg und Fall

Drogerieriese und Familiengeschichte

Deutschlands gemessen an der Zahl der Filialen größte Drogeriekette ist untrennbar mit der Familie Schlecker verbunden. In rund 36 Jahren wuchs aus den Anfängen in Baden-Württemberg ein europaweit agierender Handelsriese.Wichtige Stationen in Familie und Firma Schlecker:

1944

Anton Schlecker wird am 28. Oktober in Ulm geboren

1965

Schlecker beginnt seine Berufslaufbahn im Unternehmen seines Vaters, einer Fleischwarenfabrik samt 17 Metzgereien. Erste Selbstbedienungswarenhäuser entstehen in mehreren Orten im Südwesten.

1974

Die Preisbindung für Drogerieartikel fällt weg. Zur gleichen Zeit startete auch dm-Gründer Götz Werner seine ersten Gehversuche als Drogerist. Vorher hatte es nur kleine Drogeriefachgeschäfte gegeben.

1975

Schlecker eröffnet in Kirchheim/Teck (Kreis Esslingen) seine erste Drogerie. Zwei Jahre später sind es 100 Filialen.

1977

Der 100. Discounter mit dem Namen Schlecker eröffnet.

1984

Im Jahr 1984 öffnet Filiale Nummer 1000 die Türen.

1987

Als ersten Auslandsmarkt erschließt Schlecker Österreich; später folgen Spanien, die Niederlande, 1991 - durch die Übernahme von „Superdrug“ - Frankreich

Dezember 1987

Am 22. Dezember überfallen drei Maskierte die Familie Schlecker, als Anton und Christa mit den beiden Kindern Meike und Lars nach Hause kommen; die beiden Kinder werden entführt, ihr Vater handelt das Lösegeld von 18 auf 9,6 Millionen Mark herunter. Nach der Übergabe können sich die 14 und 16 Jahre alten Geschwister am 23.12. selbst befreien. Die Polizei wird erst später informiert. Die Familie zieht sich noch stärker als bisher aus der Öffentlichkeit zurück

1990er

Nach dem Fall der Mauer expandiert Schlecker auch relativ schnell in die neuen Bundesländer.

1994

Schlecker betreibt nach eigenen Angaben rund 5000 Läden; zugleich werfen Gewerkschafter dem Konzern vor, Mitarbeiter systematisch zu schikanieren und zu schlecht zu bezahlen - solche Kritik prägt in den kommenden Jahren immer wieder die Schlagzeilen über den „Drogeriekönig“. Schlecker weist Vorwürfe stets zurück und spricht von Einzelfällen.

2007

Schlecker übernimmt zum Ende des Jahres die ehemals insolvente Osnabrücker Kette "Ihr Platz"

1998

Das Amtsgericht Stuttgart erlässt gegen Christa und Anton Schlecker Strafbefehle von jeweils zehn Monaten auf Bewährung wegen vielfachen Betrugs - weil sie Mitarbeitern eine tarifliche Bezahlung bloß vorgetäuscht hätten.

2008

Der Drogerieriese macht nach Gewerkschaftsangaben 52 Millionen Euro Verlust bei 7,42 Milliarden Euro Umsatz

2010

Im Januar erneute Kritik über Arbeitsbedingungen bei Schlecker, wo bestehende Arbeitsplätze mit Leiharbeitsverträgen ersetzt werden sollten; die Bundesregierung will mit einer „Lex Schlecker“ gegensteuern. Zugleich muss der Drogerieriese einen Umsatzrückgang von rund 650 Millionen Euro auf noch etwa 6,55 Milliarden, davon 4,51 Milliarden Euro im Inland, hinnehmen und schreibt weiter rote Zahlen.

November 2010

Patriarch Anton Schlecker holt im November seine Kinder Meike und Lars in die Führungsspitze und gibt einen Teil seiner Verantwortung ab; der Familienrat bleibt aber wichtigstes Entscheidungsgremium

2011

Schlecker beginnt einen radikalen Umbau seines Filialnetzes; aus den überall verfügbaren Billigläden sollen hochwertige Drogerien in der Nachbarschaft werden - samt Slogan „For You. Vor Ort.“; Neue Führungsgrundsätze sollen schlechte Mitarbeiterführung ein für alle Mal verhindern; das Magazin „Forbes“ führt Anton Schlecker auf seiner Reichen-Liste noch mit 3,1 Milliarden Dollar Vermögen (rund 2,4 Milliarden Euro)

2012

Nach Wochen voller Gerüchte um finanzielle Engpässe gibt Schlecker am 20. Januar bekannt, in die Planinsolvenz gehen zu wollen.

Nach Handelsblatt-Recherchen ist der Rest des Schlecker-Vermögens verbraucht. Um die Verluste zwischen 2004 und 2011 in Höhe von rund 650 Millionen auszugleichen, steckte Anton Schlecker den Großteil seines Privatvermögens in das Unternehmen. Der Rest ist Bestandteil der Insolvenzmasse. Schleckers Villa gehört seiner Frau. Seine Sportwagen sind Teil der Insolvenzmasse. Will er sie behalten, muss die Familie die Autos bei Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz auslösen.

Das Schlecker-Drama: Der größenwahnsinnige König von Ehingen

Das Schlecker-Drama

Der größenwahnsinnige König von Ehingen

Anton Schlecker herrschte auf dem Höhepunkt seines Erfolges über 50.000 Mitarbeiter und 14.000 Filialen in 17 Ländern. Zwei Eigenschaften bestimmten Aufstieg und Fall des Familienunternehmers: Sturheit und Größenwahn.

Am Freitag entschieden die Gläubiger, Schlecker zu zerschlagen und den Geschäftsbetrieb einzustellen. Am Montag will Geiwitz in einer Pressemitteilung verkünden, welche Investoren welche Unternehmensteile und Auslandsgesellschaften übernehmen werden. Für 13.500 Schlecker-Frauen bedeutet das Schlecker-Aus die Arbeitslosigkeit.

Kommentare (75)

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Account gelöscht!

02.06.2012, 19:15 Uhr

Tja, da werden sie sich im Gegensatz zu ihren arbeitslosen Verkäuferinnen kaum mehr die Butter aufs Brot leisten können.

Allerdings möchte ich hinzufügen, dass ich das allgemeine Schlecker-Prügeln nicht teile.
Die Firma hat immerhin über Jahrzehnte Tausende Arbeitsplätze zur Verfügung gestellt.
Dass sie ihre Leute nicht besonders anständig bezahlt haben, steht auf einem anderen Blatt.
Irgendwann Fehlentscheidungen, und dann geht es in den Graben. Aber mit Fehlentscheidungen steht Schlecker weiß Gott nicht alleine da (Quelle usw.) Man sollte auf am Boden Liegenden nicht herumtrampeln, wer von denen, die hier stets ihre billige Häme ausgießen, hat auch nur annähernd Vergleichbares auf die Beine gestellt ?
Schlecker werden noch viele Großfirmen folgen, da dürfen Sie sicher sein. Die Krise überwunden ? Ich würde mich tot lachen, wenn es nicht so bitter ernst wäre.

Unterschicht

02.06.2012, 19:54 Uhr

entschuldigung...haben Sie den Artikel ganz gelesen??? Die Familie hat 10.000enden von Menschen Niedrigstlöhne gezahlt und damit ihr Vermögen gemacht. Es gilt mitnichten "Sozial ist was arbeit schafft", auch wenn es ihre Meinung zu sein scheint. Diese armen Schlecker-Kinder sollen es mal mit ehrlicher Arbeit probieren, oder Hartz4 beantragen.
Es ist absolut lächerlich, der Familie 40 gestohlene Millionen zu überlassen...absolut lächerlich!!!

gtneuss

02.06.2012, 19:59 Uhr

Was mich neben den doch "sehr sachlichen" Kommentaren bedrückt, ist die Information über den "Schlecker-Wert" von 2011. Da sind Fachleute am Werk, die könnten hier kommentieren....

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