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28.01.2009

12:49 Uhr

Insolvenz

Hertie und die Heuschrecke

Die Rettung der traditionsreichen Warenhauskette Hertie steht auf Messers Schneide: Der Insolvenzverwalter hat dem Finanzinvestor Dawnay Day die Pistole auf die Brust gesetzt und spart nicht mit deutlichen Worten. Die "Heuschrecke" habe sich nicht für Hertie interessiert - und wenn sie sich nicht doch noch bewege, bedeute das für die deutsche Kette das Aus.

Kunden standen bei Hertie wegen einer Betriebsversammlung vor verschlossenen Türen. Foto: dpa dpa

Kunden standen bei Hertie wegen einer Betriebsversammlung vor verschlossenen Türen. Foto: dpa

HB ESSEN/KÖLN. Der Warenhauskette Hertie droht noch im Frühjahr die komplette Schließung. Hertie-Insolvenzverwalter Biner Bähr sagte in Essen, das Aus für die vor allem in kleinen und mittelgroßen Städten vertretene Warenhauskette sei unvermeidbar, wenn sich der Hertie-Gesellschafter und Eigentümer der meisten Warenhäuser, der britische Finanzinvestor Dawnay Day, nicht zu drastischen Mietsenkungen bereiterkläre. Derzeit zahle Hertie in vielen Filialen bis zu 20 Prozent des Umsatzes an Miete, marktüblich seien fünf Prozent.

Der Hertie-Gesamtbetriebsrat sieht indes trotz der angekündigten Filialschließungen Chancen für ein Weiterbestehen der insolventen Warenhauskette. Das dem Gesamtbetriebsrat vorgelegte Fortführungskonzept für insgesamt 54 Filialen sei umsetzbar und erfolgversprechend, teilte der Gesamtbetriebsrat in Köln mit. „Wir gehen von einer positiven Ertragsentwicklung bereits nach dem ersten Geschäftsjahr aus, wenn uns die Chance zur Umsetzung gegeben wird“, sagte der Vorsitzende des Gremiums, Bernd Horn. Es gebe ernsthafte Investoren, die ein Interesse an der Weiterführung der Filialen hätten.

Inolsvenzverwalter Bähr hört sich allerdings weit pessimistischer an: „Dawnay Day hat als Gesellschafter Hertie Mieten aufgebürdet, die nicht zu finanzieren sind“, sagte Bähr. „Das ist von keinem Kaufhaus der Welt zu erwirtschaften.“ Ohne eine drastische Senkung der Mieten habe das Unternehmen keine Zukunftsaussichten. Wenn sich Dawnay Day nicht bis Ende Februar bewege, werde er deshalb das Kaufhaus schließen müssen. Noch im März werde dann der Ausverkauf beginnen. Spätestens im April würden dann die Tore geschlossen. Dawnay Day habe sich trotz zahlreicher Gespräche in den vergangenen sechs Monaten aber noch nicht bewegt.

Bei einer deutlichen Senkung der Miete hätten dagegen nach Einschätzung des Insolvenzverwalters immerhin 54 der noch vorhandenen 73 Häuser gute Überlebenschancen. In diesem Fall sei er zuversichtlich, auch rasch einen Investor zu finden, der bereit sei Hertie zu übernehmen, sagte Bähr. Es gebe mehrere Interessenten.

Keine Rettung gibt es allerdings für 19 Filialen. Sie sollen bereits in den nächsten Wochen geschlossen werden. Damit fallen auch insgesamt 520 der derzeit noch rund 2 500 Vollzeitarbeitsarbeitsplätze weg. „Wenn wir diese Filialen nicht schließen, würden wir auch die als fortführungsfähig angesehenen 54 Filialen gefährden“, betonte Bähr.

Ein weiterer Personalabbau sei aus seiner Sicht nicht notwendig, wenn es gelinge das Unternehmen zu retten, sagte er. Doch müssten die Mitarbeiter für eine Weiterführung des Unternehmens wohl auch Lohnzugeständnisse machen.

Drastisch fiel das Urteil des Insolvenzverwalters über den Londoner Finanzinvestor aus. Er sei eine „Heuschrecke“, habe über die Mieten Geld aus dem Unternehmen gezogen, ohne zu investieren, und sei an der Warenhauskette offensichtlich nicht interessiert.

Der Hauptverband des deutschen Einzelhandels hat die Schließung von Hertie-Kaufhäusern als „überraschend“ bezeichnet. Verbandsgeschäftsführer Stefan Genth sprach in diesem Zusammenhang von einem besonders großen Druck im deutschen Einzelhandel. „Es gibt sehr viele Verkaufsflächen, nicht nur in den Innenstädten. Und man muss natürlich auch eingestehen, dass seit zehn Jahren der Einzelhandelskonsum sich um die Nulllinie herum entwickelt“, erklärte Genth am Mittwoch im ZDF-„Morgenmagazin“.

Für einen Erhalt der übrigen Hertie-Kaufhäuser hält er eine Mischung aus gutem Standort und neuem Konzept für notwendig. „Es ist sicherlich so, dass man ein Konzept aus den 50er Jahren heute nicht weiterführen kann.“

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