Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

20.01.2012

17:51 Uhr

Insolvenz von Schlecker

Totalschaden statt Turnaround

Charmeoffensive und Umbaupläne liefen ins Leere: Die Drogeriemarktkette Schlecker ist pleite. Die Mitarbeiter wurden von der Nachricht kalt erwischt. Viele Fragen bleiben offen, darunter: Was bedeutet das für Anton Schlecker persönlich?

Logo der Drogeriemarktkette Schlecker auf einem Laden-Fenster in Düsseldorf. dpa

Logo der Drogeriemarktkette Schlecker auf einem Laden-Fenster in Düsseldorf.

Ehingen/DüsseldorfDer schrittweise Abstieg eines einstigen Pioniers des deutschen Einzelhandels hat am Freitag seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Die größte deutsche Drogeriemarkt-Kette, Schlecker, kündigte an, Antrag auf geplante Insolvenz zu stellen. Die im Jahr 2010 von Schlecker gestartete Umbau- und Sympathieoffensive brachte nicht rechtzeitig den erhofften Erfolg.

Die Geschichte von Schlecker las sich lange Jahre wie die eines erfolgsverwöhnten schwäbischen Familienunternehmens. Vom Vater in den Betrieb eingeführt, entwickelte Anton Schlecker den einstigen Fleischwarenbetrieb zum führenden Drogeriemarkt Deutschlands. Anton Schlecker sei es gewesen, lässt das Unternehmen die Öffentlichkeit wissen, der 1974 „die Chancen des damals noch jungen Discount-Marktes“ erkannt habe und nach einigen „Selbstbedienungs-Warenhäusern“ 1975 im schwäbischen Kirchheim/Teck seinen ersten Drogeriemarkt eröffnete.

Stichwort Planinsolvenz

Was ist eine Planinsolvenz?

Die sogenannte Planinsolvenz, die die Drogeriekette Schlecker anstrebt, ist ein Spezialfall des Insolvenzverfahrens. Ziel ist der Insolvenzordnung (InsO) zufolge der Erhalt des Unternehmens.

Was geschieht bei einer Planinsolvenz?

Bei einer Planinsolvenz wird beim zuständigen Amtsgericht neben dem Insolvenzantrag auch ein Vorschlag für ein Insolvenzplanverfahren und einem bereits erstellter Insolvenzplan eingereicht.

Was ist der Unterschied zur "normalen" Insolvenz?

Bei der Planinsolvenz oder strukturierten Insolvenz bleibt - abweichend vom „normalen“ Insolvenzverfahren - die alte Geschäftsführung im Amt, der bestellte Insolvenzverwalter tritt nur beratend auf. Die Planinsolvenz wird in der Regel von einem Sanierer begleitet, der zusammen mit der Unternehmensführung vor der Antragstellung den Insolvenzplan ausarbeitet. Über den zusammen mit dem Insolvenzantrag beim Amtsgericht eingereichten Plan entscheiden dann die Gläubiger.

Wie kann eine Planinsolvenz enden?

Wenn es eine Perspektive für den Fortbestand des Unternehmens gibt, soll es den Verfahrensbeteiligten durch diesen Plan ermöglicht werden, im Insolvenzverfahren ganz oder teilweise von der Insolvenzordnung abzuweichen. Der Plan soll vor allen Dingen ermöglichen, zumindest überlebensfähige Unternehmensteile zu erhalten, statt das Unternehmen zu zerschlagen.

Was folgte, war ein steiler Aufstieg - und der schrittweise Niedergang. 47.000 Mitarbeiter beschäftigt Schlecker, allein 35.000 davon in Deutschland. 10.000 Läden betrieb das Unternehmen zuletzt. Doch: Seit drei Jahren schreibt Schlecker Verluste, das räumte Junior-Chef Lars Schlecker schon im Mai vergangenen Jahres ein. Beim Umsatz könne die Kette bald von dem kleineren Konkurrenten dm überholt werden, gestand er damals ein. Noch zum Jahresende verkündeten die Schleckers zwar, das Unternehmen werde seinen Konzernumbau aus eigener Kraft meistern und 2012 „den Turnaround schaffen“, doch dieses Versprechen währte nur wenige Wochen.

Die Abkehr von den Turnaround-Plänen kam am Freitagmittag: „Schlecker wird über ein Plan-Insolvenzverfahren restrukturiert“, teilte das Unternehmen mit. Familie und Management seien „diesen schweren aber notwendigen Schritt gegangen“, um die viel beschworene Restrukturierung fort- und umzusetzen. Der Geschäftsbetrieb solle unverändert weiterlaufen, die Zahlung der Mitarbeitergehälter sei durch das Insolvenzausfall-Geld gesichert.

Schleckers Aufstieg und Fall

Drogerieriese und Familiengeschichte

Deutschlands gemessen an der Zahl der Filialen größte Drogeriekette ist untrennbar mit der Familie Schlecker verbunden. In rund 36 Jahren wuchs aus den Anfängen in Baden-Württemberg ein europaweit agierender Handelsriese.Wichtige Stationen in Familie und Firma Schlecker:

1944

Anton Schlecker wird am 28. Oktober in Ulm geboren

1965

Schlecker beginnt seine Berufslaufbahn im Unternehmen seines Vaters, einer Fleischwarenfabrik samt 17 Metzgereien. Erste Selbstbedienungswarenhäuser entstehen in mehreren Orten im Südwesten.

1974

Die Preisbindung für Drogerieartikel fällt weg. Zur gleichen Zeit startete auch dm-Gründer Götz Werner seine ersten Gehversuche als Drogerist. Vorher hatte es nur kleine Drogeriefachgeschäfte gegeben.

1975

Schlecker eröffnet in Kirchheim/Teck (Kreis Esslingen) seine erste Drogerie. Zwei Jahre später sind es 100 Filialen.

1977

Der 100. Discounter mit dem Namen Schlecker eröffnet.

1984

Im Jahr 1984 öffnet Filiale Nummer 1000 die Türen.

1987

Als ersten Auslandsmarkt erschließt Schlecker Österreich; später folgen Spanien, die Niederlande, 1991 - durch die Übernahme von „Superdrug“ - Frankreich

Dezember 1987

Am 22. Dezember überfallen drei Maskierte die Familie Schlecker, als Anton und Christa mit den beiden Kindern Meike und Lars nach Hause kommen; die beiden Kinder werden entführt, ihr Vater handelt das Lösegeld von 18 auf 9,6 Millionen Mark herunter. Nach der Übergabe können sich die 14 und 16 Jahre alten Geschwister am 23.12. selbst befreien. Die Polizei wird erst später informiert. Die Familie zieht sich noch stärker als bisher aus der Öffentlichkeit zurück

1990er

Nach dem Fall der Mauer expandiert Schlecker auch relativ schnell in die neuen Bundesländer.

1994

Schlecker betreibt nach eigenen Angaben rund 5000 Läden; zugleich werfen Gewerkschafter dem Konzern vor, Mitarbeiter systematisch zu schikanieren und zu schlecht zu bezahlen - solche Kritik prägt in den kommenden Jahren immer wieder die Schlagzeilen über den „Drogeriekönig“. Schlecker weist Vorwürfe stets zurück und spricht von Einzelfällen.

2007

Schlecker übernimmt zum Ende des Jahres die ehemals insolvente Osnabrücker Kette "Ihr Platz"

1998

Das Amtsgericht Stuttgart erlässt gegen Christa und Anton Schlecker Strafbefehle von jeweils zehn Monaten auf Bewährung wegen vielfachen Betrugs - weil sie Mitarbeitern eine tarifliche Bezahlung bloß vorgetäuscht hätten.

2008

Der Drogerieriese macht nach Gewerkschaftsangaben 52 Millionen Euro Verlust bei 7,42 Milliarden Euro Umsatz

2010

Im Januar erneute Kritik über Arbeitsbedingungen bei Schlecker, wo bestehende Arbeitsplätze mit Leiharbeitsverträgen ersetzt werden sollten; die Bundesregierung will mit einer „Lex Schlecker“ gegensteuern. Zugleich muss der Drogerieriese einen Umsatzrückgang von rund 650 Millionen Euro auf noch etwa 6,55 Milliarden, davon 4,51 Milliarden Euro im Inland, hinnehmen und schreibt weiter rote Zahlen.

November 2010

Patriarch Anton Schlecker holt im November seine Kinder Meike und Lars in die Führungsspitze und gibt einen Teil seiner Verantwortung ab; der Familienrat bleibt aber wichtigstes Entscheidungsgremium

2011

Schlecker beginnt einen radikalen Umbau seines Filialnetzes; aus den überall verfügbaren Billigläden sollen hochwertige Drogerien in der Nachbarschaft werden - samt Slogan „For You. Vor Ort.“; Neue Führungsgrundsätze sollen schlechte Mitarbeiterführung ein für alle Mal verhindern; das Magazin „Forbes“ führt Anton Schlecker auf seiner Reichen-Liste noch mit 3,1 Milliarden Dollar Vermögen (rund 2,4 Milliarden Euro)

2012

Nach Wochen voller Gerüchte um finanzielle Engpässe gibt Schlecker am 20. Januar bekannt, in die Planinsolvenz gehen zu wollen.

Es ist ein Tag der Scham für das krisengeschüttelte Unternehmen: Die Mitteilung von Schlecker lässt mehr Fragen offen, als sie beantwortet. Unklar ist zum Beispiel, ob Unternehmenspatriarch Anton Schlecker persönlich mit seinem Privatvermögen haften muss. Ein Sprecher wollte gegenüber Handelsblatt Online zu der Vermögenslage von Familienmitgliedern und zu Fragen der Haftung keine Stellung nehmen. Er bestätigte aber, dass es sich bei dem Unternehmen, für das die Planinsolvenz beantragt werden soll, um die Konzerngruppe handelt, die unter dem Namen Anton Schlecker e.K. eingetragen ist.

Die Abkürzung "e.K." steht für den "eingetragenen Kaufmann". Hinter Unternehmen dieser Rechtsform steht eine natürliche Person als Inhaber - laut Firmendatenbank Creditreform ist das Anton Schlecker. Allerdings wurden die Angaben zuletzt im Juni vergangenen Jahres aktualisiert. Sind die Angaben noch aktuell, muss der Patriarch mit seinem Privatvermögen einstehen.

Kommentare (20)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

20.01.2012, 18:19 Uhr

Champagner!Das muß gefeiert werden!
Wie mich das freut!

Nachwuchs

20.01.2012, 18:54 Uhr

Champagner, wo das Management wieder tausende Menschen in den Abgrund trieb????

sporty

20.01.2012, 19:28 Uhr

Gottseidank sind die vom Markt!!
In diesen Laden hat mich keiner hineingebracht!!
Da liebe ich meinen Rossmann :-)) Tolle Aktionsware und vieles mehr!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×