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07.02.2012

11:50 Uhr

Insolvenzfall

Der harte Kampf der Schlecker-Frauen

Gruselarbeitgeber Schlecker? Der Ruf der insolventen Drogeriekette hielt viele Kunden fern und löste auch Misstrauen unter den Mitarbeitern aus. Doch viele Verkäuferinnen hoffen auf eine Zukunft - und zwar bei Schlecker.

Die Arbeitsbedingungen bei Schlecker gelten nicht gerade als vorbildlich. Reuters

Die Arbeitsbedingungen bei Schlecker gelten nicht gerade als vorbildlich.

Dresden/EhingenDie junge Frau mit den langen, schwarzen Haaren klingt gar nicht niedergeschlagen. Katharina Klose macht ihren Job gerne, sagt sie. Seit elf Jahren arbeitet sie für die Drogeriekette Schlecker. Doch dann kam Freitag, der 20. Januar. Kunden sprachen die 30-jährige Dresdnerin auf die Insolvenz an. „Dabei wusste ich doch von gar nichts, die hatten das im Fernsehen gesehen“, erinnert sie sich an den Tag, an dem die Drogeriekette ihre Zahlungsunfähigkeit eingestand.

Mehr als zwei Wochen später sagt sie nun: „Ich glaube, dass es wieder bergauf gehen kann.“ Zwar bangt sie genau wie die rund 32.000 weiteren Beschäftigten von Schlecker und der ebenfalls insolventen Tochter IhrPlatz um ihren Job. „Aber es läuft auf eine Sanierung hinaus. Das klappt aber nur mit uns, nicht gegen uns.“ Es sind vor allem Frauen, die von einer der größten Insolvenzen im deutschen Handel betroffen sind. Viele davon haben Familien, andere sind ledig - wie Klose.

Schleckers Aufstieg und Fall

Drogerieriese und Familiengeschichte

Deutschlands gemessen an der Zahl der Filialen größte Drogeriekette ist untrennbar mit der Familie Schlecker verbunden. In rund 36 Jahren wuchs aus den Anfängen in Baden-Württemberg ein europaweit agierender Handelsriese.Wichtige Stationen in Familie und Firma Schlecker:

1944

Anton Schlecker wird am 28. Oktober in Ulm geboren

1965

Schlecker beginnt seine Berufslaufbahn im Unternehmen seines Vaters, einer Fleischwarenfabrik samt 17 Metzgereien. Erste Selbstbedienungswarenhäuser entstehen in mehreren Orten im Südwesten.

1974

Die Preisbindung für Drogerieartikel fällt weg. Zur gleichen Zeit startete auch dm-Gründer Götz Werner seine ersten Gehversuche als Drogerist. Vorher hatte es nur kleine Drogeriefachgeschäfte gegeben.

1975

Schlecker eröffnet in Kirchheim/Teck (Kreis Esslingen) seine erste Drogerie. Zwei Jahre später sind es 100 Filialen.

1977

Der 100. Discounter mit dem Namen Schlecker eröffnet.

1984

Im Jahr 1984 öffnet Filiale Nummer 1000 die Türen.

1987

Als ersten Auslandsmarkt erschließt Schlecker Österreich; später folgen Spanien, die Niederlande, 1991 - durch die Übernahme von „Superdrug“ - Frankreich

Dezember 1987

Am 22. Dezember überfallen drei Maskierte die Familie Schlecker, als Anton und Christa mit den beiden Kindern Meike und Lars nach Hause kommen; die beiden Kinder werden entführt, ihr Vater handelt das Lösegeld von 18 auf 9,6 Millionen Mark herunter. Nach der Übergabe können sich die 14 und 16 Jahre alten Geschwister am 23.12. selbst befreien. Die Polizei wird erst später informiert. Die Familie zieht sich noch stärker als bisher aus der Öffentlichkeit zurück

1990er

Nach dem Fall der Mauer expandiert Schlecker auch relativ schnell in die neuen Bundesländer.

1994

Schlecker betreibt nach eigenen Angaben rund 5000 Läden; zugleich werfen Gewerkschafter dem Konzern vor, Mitarbeiter systematisch zu schikanieren und zu schlecht zu bezahlen - solche Kritik prägt in den kommenden Jahren immer wieder die Schlagzeilen über den „Drogeriekönig“. Schlecker weist Vorwürfe stets zurück und spricht von Einzelfällen.

2007

Schlecker übernimmt zum Ende des Jahres die ehemals insolvente Osnabrücker Kette "Ihr Platz"

1998

Das Amtsgericht Stuttgart erlässt gegen Christa und Anton Schlecker Strafbefehle von jeweils zehn Monaten auf Bewährung wegen vielfachen Betrugs - weil sie Mitarbeitern eine tarifliche Bezahlung bloß vorgetäuscht hätten.

2008

Der Drogerieriese macht nach Gewerkschaftsangaben 52 Millionen Euro Verlust bei 7,42 Milliarden Euro Umsatz

2010

Im Januar erneute Kritik über Arbeitsbedingungen bei Schlecker, wo bestehende Arbeitsplätze mit Leiharbeitsverträgen ersetzt werden sollten; die Bundesregierung will mit einer „Lex Schlecker“ gegensteuern. Zugleich muss der Drogerieriese einen Umsatzrückgang von rund 650 Millionen Euro auf noch etwa 6,55 Milliarden, davon 4,51 Milliarden Euro im Inland, hinnehmen und schreibt weiter rote Zahlen.

November 2010

Patriarch Anton Schlecker holt im November seine Kinder Meike und Lars in die Führungsspitze und gibt einen Teil seiner Verantwortung ab; der Familienrat bleibt aber wichtigstes Entscheidungsgremium

2011

Schlecker beginnt einen radikalen Umbau seines Filialnetzes; aus den überall verfügbaren Billigläden sollen hochwertige Drogerien in der Nachbarschaft werden - samt Slogan „For You. Vor Ort.“; Neue Führungsgrundsätze sollen schlechte Mitarbeiterführung ein für alle Mal verhindern; das Magazin „Forbes“ führt Anton Schlecker auf seiner Reichen-Liste noch mit 3,1 Milliarden Dollar Vermögen (rund 2,4 Milliarden Euro)

2012

Nach Wochen voller Gerüchte um finanzielle Engpässe gibt Schlecker am 20. Januar bekannt, in die Planinsolvenz gehen zu wollen.

„Das klingt glaubhaft“, kommentiert sie einen Auftritt des vorläufigen Insolvenzverwalters Arndt Geiwitz vor dem Gesamtbetriebsrat des Unternehmens. Und dass auch noch Lars Schlecker in der vergangenen Woche in Oberhof in Thüringen dabei gewesen sei, habe sie ziemlich überrascht. „Das hat mich positiv gestimmt, auch wenn es ohne Kündigungen wohl kaum gehen wird, das ist ja klar.“

„Der Lars Schlecker ist den Menschen ziemlich nahe gekommen“, sagt Christel Hoffmann, Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats. Ganz im Gegensatz zu Anton Schlecker, seinem Vater. Denn der zeigte sich nie bei den Arbeitnehmervertretern. Doch die alten Zeiten, in denen ein Klima der Angst bei der Drogeriekette herrschte, seien vorbei. „Schlecker ist der einzige Drogeriediscounter, der nach Tarif bezahlt“, darauf besteht die 58-Jährige. Wobei nun erst mal das Insolvenzausfallgeld einspringt.

Die Verhältnisse waren für die Schlecker-Verkäuferinnen in den rund 60 Filialen in und um Dresden auch vor der Insolvenz nicht immer paradiesisch, schränkt Klose ein. „Der Druck ist trotz allem da. Da gibt es zum Beispiel die neuen Führungsgrundsätze, die vergangenes Jahr eingeführt wurden“, sagt sie. „Aber nicht jeder Bezirksleiter beherrscht sich. Manch eine Kollegin hat immer noch Angst, sich krankzumelden, wenn sie erkältet ist.“

Kommentare (4)

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Account gelöscht!

07.02.2012, 13:54 Uhr

Soo sozial war Schlecker nun auch nicht.
Viele Menschen sind wegen der Sklavenarbeit in den XXL-Filialen nicht mehr zu Schlecker gegangen.

btw

07.02.2012, 14:30 Uhr

Die schönen Video-Anlagen in den Schlecker-Filialen.
Die schlecht bezahlten Mitarbeiterinnen.
Die vollgestellten Gondeln, bis zur sprichwörtlichen Unübersichtlichkeit.
Marktplanung, wie mit der Hand gemacht.
Verirrte sich dann mal ein Kunde in eine diese "Repräsentanzen" des Hauses wurde schnell klar: an den Mitarbeiterinnen "an der Front" kann die Malaise des Hauses jedenfalls nicht liegen: Freundlich bei miesesten Arbeitsbedingungen: so geht man einfach nicht mit Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen um!

alle_sind_doch_irgendwie_Sklaven

07.02.2012, 14:43 Uhr

Die vollgestellten Gondeln sind ja kaum etwas Ungewöhnliches gegenwärtig: aber so enggestellte Gondel, dass man sich wie im Versuchslabor empfand als Kunde: das war schon Markenführung vom "Feinsten".
So ist das eben, wenn ein Laden bis unter die Decke autokratisch "geführt" wird.

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