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25.09.2013

14:57 Uhr

Jagd auf Businesskunden

Ryanair lädt zum Gratis-Kaffee

Ryanair-Chef Michael O’Leary gefiel sich lange als Rüpel der Luftfahrtbranche. Nun will der Ire das Image seines Billigfliegers umkrempeln – und auch mehr Geschäftskunden für sich gewinnen.

Schlangestehen könnte für Businesskunden bei Ryanair bald der Vergangenheit angehören. dpa

Schlangestehen könnte für Businesskunden bei Ryanair bald der Vergangenheit angehören.

LondonAn Bord der Ryanair-Maschinen gibt es nichts geschenkt. Ryanair-Chef Michael O'Leary dachte sogar darüber nach, Geld für die Benutzung der Flugzeugtoilette zu verlangen. Als er vor einigen Monaten im Interview mit dem Handelsblatt gefragt wurde, ob es irgendwann einmal Gratis-Kaffee an Bord der Ryanair-Flieger geben könnte, war seine Antwort eindeutig: „Warum sollte es irgendwas umsonst geben?“

Die Antwort: Weil Ryanair dringend neue Passagiere braucht. Um den angepeilten Wachstumskurs fortzusetzen, hat es Ryanair nun verstärkt auf die Geschäftskunden abgesehen. Schon heute ist jeder vierte Ryanair-Kunde geschäftlich mit dem Billigflieger unterwegs. Bald sollen schnelleres Boarding, reservierbare Sitzplätze, mehr Beinfreiheit und ein Gratis-Kaffee im Paket buchbar sein. Damit sollen Kunden angelockt werden, die Ryanair derzeit noch meiden. Auch die Buchung mit American Express soll künftig gebührenfrei sein.

Neue Geschäftskunden hat Ryanair nötig, denn die Billigairline ist derzeit auf massives Wachstum gepolt. Allein vom Flughafen London-Stansted, der Ryanair-Zentrale, sollen bald 20 Millionen Passagiere abfliegen. Ansonsten droht den Iren der Verlust ihrer Rabatte auf Start- und Landegebühren. Bis 2018 will Ryanair die Flotte mit 175 neuen Boeing 737 Maschinen aufrüsten. Plätze, die gefüllt werden müssen.

Die größten europäischen Billigflieger

Platz 10

Wizz Air: 42 Flugzeuge

Die ungarische Fluglinie Wizz Air hat ihr Streckennetz vor allem in Osteuropa. In Deutschland fliegt sie mit ihren 42 Airbus A320 die Flughäfen in Dortmund, Frankfurt-Hahn, Köln/Bonn, Lübeck und Memmingen an.

Quelle: DLR Low-Cost-Monitor 1/2014 (Stand: Frühjahr 2014). Es wurden ausschließlich in Deutschland operierende Airlines in das Ranking aufgenommen.

Platz 9

Jet 2: 49 Flugzeuge

Die britische Billig-Airline Jet 2 gibt es erst seit dem Jahr 2002, trotzdem hat sie mit 49 Flugzeugen eine der größten Flotten unter den europäischen Billig-Airlines. Mit ihren 38 Boeing 737-Maschinen und elf Boeing 757 fliegt die Airline viele Urlaubsziele im Mittelmeer und außerdem New York City an.

Platz 8

Germanwings: 55 Flugzeuge

Die Lufthansa-Tochter bleibt in den Top Ten der europäischen Billigflieger. Germanwings kommt der Aufstellung zufolge auf 55 Flugzeuge in der Flotte. Weil die Lufthansa allerdings noch weitere Flugverbindungen und Maschinen an die Tochter abgibt, wird die Zahl der Flieger noch zunehmen.

Platz 7

Flybe: 59 Flugzeuge

Die britische Airline Flybe betreibt mit 37 Maschinen die größte Flotte an Bombardier Dash Q8-400 Maschinen weltweit. Dazu kommen 22 Flieger von Embraer. Flybe hat seinen Sitz in Southampton und fliegt in Deutschland die Flughäfen in Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, Hannover und Stuttgart an.

Platz 6

Vueling: 72 Flugzeuge

Die spanische Fluggesellschaft Vueling startete im Jahr 2004. Die Flotte der Billig-Airline besteht aus Flugzeugen der Typen Airbus A320 und A319. Der Billigflieger gehört mittlerweile zur International Airline Group (IAG), der Mutter von British Airways und Iberia. Die Flotte wächst weiter – auch dank der Übernahme von Iberia-Verbindungen.

Platz 5

Air Berlin: 88 Flugzeuge

Die Netzwerk-Airline Air Berlin ist ebenfalls im Ranking vertreten – mit Strecken, die als Low-Cost-Flüge gelten (siehe Hinweis). Die Fluggesellschaft hat 41 Airbus A319, A320 und A321, 46 Boeing 737 und eine ATR in der Flotte.
Hinweis: Das DLR spricht bei Air Berlin von einer „Grauzone“, in der mehrere Geschäftsmodelle Anwendung finden. In das Ranking wurden nur die bisherigen Low-Cost-Strecken der in Air Berlin aufgegangenen Fluggesellschaften aufgenommen. Bei der Flotte verhält es sich offenbar ähnlich. Die komplette Flotte von Air Berlin finden Sie hier.

Platz 4

Norwegian: 91 Flugzeuge

Zu Norwegian gehören 87 Boeing 737 und vier 787, viele davon sind mit Portraits berühmter skandinavischer Persönlichkeiten geschmückt. Norwegian gehört damit mittlerweile zu den großen im europäischen Luftraum.

Platz 3

HOP!: 102 Flugzeuge

Die Fluggesellschaft ist neu im Ranking – und schießt gleich auf Rang drei vor. Das hat einen einfachen Grund: Der Zusammenschluss mehrerer ehemaliger französischer Regionalflieger unter dem Dach der Air France bedient erst seit kurzem den deutschen Markt.

Platz 2

Easyjet: 197 Flugzeuge

Die britische Fluglinie Easyjet ist die Nummer zwei der Billigflieger in Europa. Zu der wachsenden Flotte gehören 138 Airbus A319 und 59 Airbus A320.

Platz 1

Ryanair: 297 Flugzeuge

Mit einer Flotte von mehr als knapp 300 Flugzeugen ist Ryanair unumstritten die größte Billig-Airline in Europa. Und die Flotte wird noch größer: Bei Boeing haben die Iren zuletzt 175 neue Flugzeuge bestellt.

Zusätzlich muss Ryanair sich gegen starke Konkurrenz behaupten: Konkurrent Easyjet will eine neue Basis in Hamburg errichten. Und auch die Flotte der Germanwings ist durch die Integration des Europageschäfts der Lufthansa massiv gewachsen.

Der Flirt mit den Geschäftskunden ist der nächste Schritt in einer Charmeoffensive, die Ryanair-Boss O’Leary auf der letzten Aktionärsversammlung ausgerufen hatte: „Wir sollten versuchen, Dinge zu unterlassen, die Kunden unnötig verärgern.“ Die Gesellschaft werde künftig mehr Nachsicht bei Extragebühren für Übergepäck walten lassen und die Kommunikationsstrategie mit den Kunden überarbeiten.

Bisher kam es eher selten vor, einen Ryanair-Manager in einem selbstkritischen Moment zu erwischen. Die Billig-Airline war dafür bekannt, jede Kritik mit einem bissigen Kommentar vom Tisch zu wischen. Aufmüpfigen Piloten empfahl Ryanair-Chef O’Leary zuletzt, sie mögen „zur Hölle fahren“, und als Ryanair beim Kundenzufriedenheitsranking eines britischen Verbrauchermagazins auf dem letzten Platz landete, vermutete das Unternehmen, dass auch „Hamster, Rennmäuse und Goldfische“ abgestimmt hätten.

Umso defensiver fällt der Auftritt von Ryanair-Finanzchef Howard Miller bei der Vorstellung der neuen Geschäftskundenstrategie aus. Miller reagiert betroffen, als er auf den Fall eines Mannes angesprochen wird, dem 160 Pfund berechnet wurden, weil er einen Flug umbuchen wollte, nachdem seine Frau und sein Kind ums Leben gekommen waren. „Wir haben’s verbockt“, sagt er. Die Gebühr habe man dem Mann selbstverständlich erlassen.

Die irische Charmeoffensive hat ihren Grund: Die Iren mussten zuletzt ihre Gewinnprognose kassieren. Im ersten Geschäftsquartal (bis Ende Juni) war der Gewinn von Ryanair bereits um 21 Prozent auf 78 Millionen Euro zurückgegangen. Um weiter zu wachsen, setzt Ryanair auch auf eine neue Online-Strategie. Der Internetauftritt soll Ende November überarbeitet werden. Auch die mobile App von Ryanair, die bisher drei Euro kostete, soll künftig kostenlos sein. Seit dem 17. September twittert die Airline auch. Der erste Tweet weist mit einem Augenzwinkern darauf hin, dass für Follower keine Gebühren anfallen.

Von

bay

Kommentare (2)

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AB-ist-die-Fliegende-Apotheke

25.09.2013, 17:37 Uhr

Air Berlin als "Low Cost" - Airline zuu bezeichnen, ist falsch. Aus meiner Sicht ist das Ding eher die Fliegende Apotheke, was die Preise angeht.

kingoftf

26.09.2013, 15:45 Uhr

Air Berlin ist alles andere als preiswert, die sind im Vergleich zu Ryanair teilweise 3x so teuer bei Flügen z.B. nach Teneriffa, selbst überprüft bei der letzten Buchung.

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