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01.10.2014

14:32 Uhr

Kämpfe in der Ukraine

Metro-Markt wird zu Rebellen-Hauptquartier

VonHans-Peter Siebenhaar

Der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft fürchtet einen massiven Rückgang des Handelsumsatzes wegen der Ukraine-Krise. Der Düsseldorfer Handelskonzern Metro muss mit Millionenabschreibungen rechnen.

Metro muss mit Millionenabschreibungen rechnen. dpa

Metro muss mit Millionenabschreibungen rechnen.

WienDie anhaltenden Kämpfe im Osten der Ukraine treiben vielen deutschen Unternehmen die Sorgenfalten ins Gesicht. „Die Exporte in die Ukraine sind bis Juli um 32 Prozent gesunken. Vor allem im Ostteil der Ukraine kämpfen viele deutsche Unternehmen mit erheblichen Problemen“, sagte Rainer Lindner, Geschäftsführer des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft, dem Handelsblatt. Der Export betrug von Januar bis Juli knapp 2,2 Milliarden Euro. Der Handelsumsatz sank im gleichen Zeitraum um 25 Prozent.

Eines der betroffenen Unternehmen in der Ukraine ist der Düsseldorfer Handelskonzern Metro. Er muss mit Millionenabschreibungen rechnen. „In der ostukrainischen Stadt Luhansk haben Rebellen einen Metro-Markt zu ihrem Hauptquartier gemacht“, berichtet Lindner, der auch Vorsitzender des Deutsch-Ukrainischen Forums ist, am Mittwoch in Wien. Zwei weitere Metro-Märkte seien geplündert worden.

Insgesamt sind 500 deutsche Unternehmen in dem Krisenland präsent. Bis Juli 2014 hatten deutsche Investitionen in der Ukraine mit 6,6 Milliarden Dollar einen Anteil von 16,5 Prozent an den gesamten ausländischen Investitionen und lagen damit hinter Zypern auf dem zweiten Platz, berichtet der Ostausschuss der Deutschen Wirtschaft.

Die Russland-Geschäfte deutscher Konzerne

Eon

Der größte deutsche Energiekonzern hat seit 2007 rund sechs Milliarden Euro in den russischen Strommarkt investiert. Er hält knapp 84 Prozent an dem Kraftwerksbetreiber E.ON Rossiya OAO. Der Anteil des russischen Stromgeschäfts am Umsatz lag 2013 bei 1,5 Prozent und am operativen Gewinn bei gut sieben Prozent. E.ON beschäftigt rund 5000 Mitarbeiter in Russland. Der Versorger bezieht zudem 30 bis 40 Prozent seines Erdgases von dort. Die Düsseldorfer sind auch mit 25 Prozent an dem sibirischen Gasfeld Juschno Russkoje beteiligt und mit 15,5 Prozent an der Ostsee-Pipeline, durch die Gas - an der Ukraine vorbei - von Russland nach Deutschland fließt. Die Mehrheit an beiden Projekten hält der russische Gazprom -Konzern.

BASF

Der weltgrößte Chemiekonzern ist vor allem in seinem Öl- und Gasgeschäft kräftig in Russland engagiert. So ist der Konzern mit seiner Tochter Wintershall am Gas-Projekt ZAO Achimgaz, einem Joint Venture mit Gazprom, zu 50 Prozent beteiligt. ZAO Achimgaz produziert in Sibirien etwa 3.500 Kilometer nordöstlich von Moskau Erdgas. Ferner ist Wintershall über die Gesellschaft OAO Severneftegazprom nach eigenen Angaben mit insgesamt 35 Prozent an der Ausbeutung des sibirischen Gasfeldes Juschno-Russkoje beteiligt. Zusammen mit einer Tochter des russischen Erdölproduzenten Lukoil betreibt Wintershall zudem das Gemeinschaftsunternehmen Wolgodeminoil zur Förderung von Erdöl. Die BASF-Tochter hält daran 50 Prozent.

Deutsche Bahn

Die Deutsche Bahn ist im Schienenverkehr sowie im Logistik-Geschäft mit insgesamt fünf Unternehmen in Russland vertreten: Vier davon sind 100-Prozent-Beteiligungen. An einer weiteren Firma, die Schienentransporte quer durch Russland von China nach Deutschland organisiert, hält die Bahn einen Anteil von gut einem Drittel. Es ist ein Gemeinschaftsunternehmen unter anderem mit der russischen Staatsbahn RZD. Bahnchef Rüdiger Grube hatte das Geschäftsvolumen in Russland zuletzt mit rund 250 Millionen Euro beziffert.

Daimler

Der Autokonzern ist zusammen mit der Entwicklungsbank EBRD mit 15 Prozent an dem russischen Lkw-Bauer Kamaz KMAZ.MM beteiligt. Die Stuttgarter lassen in zwei Gemeinschaftsunternehmen in dem Land Lastwagen der Marken Mercedes-Benz und Fuso montieren, die besonders robust und damit an die dortigen Straßenverhältnisse angepasst sind. Im abgelaufenen Jahr wurden 5600 Lkw der beiden Marken in Russland ausgeliefert. Etwa die Hälfte davon wurde vor Ort gebaut, der Rest aus Deutschland importiert.

Metro

Russland ist für den Handelsriesen mit einem Jahresumsatz von rund 4,3 Milliarden Euro und 22.000 Mitarbeitern der wichtigste Auslandsmarkt. Der Konzern betreibt dort 73 Cash&Carry-Märkte und 57 Media-Saturn-Filialen. Den Börsengang seines russischen Großmarktgeschäfts hatte Metro im März wegen der Ukraine-Krise auf Eis gelegt.

Henkel

Für den Konsumgüterkonzern ist Russland der weltweit viertgrößte Markt. Der Hersteller von Persil und Pritt hatte dort 2013 rund eine Milliarde Euro Umsatz erzielt. Die Ukraine zählt zu den zehn wichtigsten Wachstumsmärkten Henkels. Im ersten Quartal war Henkel trotz der politischen Unruhen währungsbereinigt in Russland "im mittleren einstelligen Prozentbereich gewachsen" und in der Ukraine "ganz leicht" geschrumpft.

Adidas

Für den Sportausrüster ist Russland einer der wichtigsten Wachstumsmärkte. Infolge der Ukraine-Krise hat dem Konzern bisher vor allem der Verfall des Rubel zu schaffen gemacht. Schuhe und Kleidung mit den drei Streifen, die in Russland seit Sowjetzeiten etabliert sind, waren dort weiter gefragt. Adidas ist in Russland Marktführer.

Auf Einladung des Deutsch-Ukrainischen-Forums trafen sich am Mittwoch ukrainische und deutsche Politiker zu einem Runden Tisch in der österreichischen Hauptstadt. Unter den Teilnehmern waren neben dem Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko auch die beiden früheren ukrainischen Staatspräsidenten Viktor Juschtschenko und Leonid Kuchma vertreten. Auf deutscher und österreichischer Seite nahmen der frühere Finanzminister Peer Steinbrück und der frühere österreichische Bundeskanzler Wolfgang Schüssel daran teil.

Mit dieser Idee stieß die bilaterale Organisation in dem Kriegsland offenbar auf offene Ohren. „Es gibt eine große Bereitschaft, sich an einen Tisch zu setzen.“ Unter den eingeladenen Gäste befand sich auch der Verfassungsrechtler und frühere deutsche Verteidigungsminister Rupert Scholz, der den ukrainischen Gesprächspartnern Empfehlungen für eine Föderalisierung des osteuropäischen Krisenlandes geben sollte. „Wir bieten an, unsere föderalen Erfahrungen an die Ukraine weiter zu geben“, sagte Lindner.

Kommentare (1)

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Herr Paul Müller

01.10.2014, 20:47 Uhr

Klitschko und Kuchma sitzen zusammen, das passt doch - besser wäre hinter schwedischen Gardinen.

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