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14.05.2017

19:51 Uhr

Kaffee und Kakao

Fairer Handel hat sich noch nicht durchgesetzt

Das Handelshaus Gepa kauft bei Kleinbauern der Dritten Welt ein und bringt so Fairtrade-Produkte nach Deutschland – doch die führen immer noch ein Nischendasein in den Supermärkten. Neue Strategien sollen helfen.

Das Handelshaus Gepa ist mit rund 1000 verschiedenen Fairtrade-Produkten in Supermärkten vertreten und handelt unter anderem mit Kaffee, Reis, Schokolade oder Kleidung. dpa

Fairer Handel

Das Handelshaus Gepa ist mit rund 1000 verschiedenen Fairtrade-Produkten in Supermärkten vertreten und handelt unter anderem mit Kaffee, Reis, Schokolade oder Kleidung.

WuppertalGustavo aus Mexiko meldete sich am Telefon, der Kaffeebauer wollte 25 Tonnen Kaffee aus einem Bergdorf nach Deutschland verschicken. Doch wie kommt der Kaffee aufs Schiff, und wie werden die komplizierten Exportpapiere ausgefüllt? „Wir haben eine Woche am Telefon gesprochen und Faxe geschickt“, erzählt Kleber Cruz Garcia von dem Anruf, der Kaffee-Experte beim Fairhandelshaus Gepa in Wuppertal. Schon bald habe Gustavo, der Beauftragte einer kleinen Kooperative, keine Hilfe mehr gebraucht, sagt Garcia.

„Es geht eben auch darum, unsere Handelspartner aufzubauen“, sagt Peter Schaumberger, einer der beiden Gepa-Geschäftsführer. Schon der Name „Gesellschaft zur Förderung der Partnerschaft mit der Dritten Welt“, kurz Gepa, drückt das aus. Vor über 40 Jahren von Hilfswerken und Jugendorganisationen der evangelischen und katholischen Kirche gegründet, bringt die Gepa faire Produkte aus den Ländern des Südens nach Deutschland: Reis, Honig, Tee, Schokolade, Wein, auch Kleidung, Körbe und Taschen.

Was wirklich hinter den Siegeln steckt

Bio

Das Bio-Siegel der EU wurde im Juli 2010 eingeführt. Ein Produkt, das dieses Label trägt, darf höchsten 0,9 Prozent gentechnisch verändertes Material enthalten und muss zu mindestens 95 Prozent aus ökologischer Landwirtschaft kommen. Vielen Bio-Herstellern sind die Kriterien an das Bio-Siegel nicht scharf genug, deswegen haben sie eigene Siegel wie Demeter oder Naturland, die höhere Anforderungen erfüllen müssen.

Fairtrade

Das Label steht für weltweit gültige Standards, die Kleinbauern stabile und auskömmliche Preise und möglichst direkte Handelsbeziehungen sichern. Dazu gehören auch die Vorfinanzierung der Produktion und ein garantierter Mindestpreis. Bei einem Produkt, das dieses Siegel trägt, müssen alle Zutaten, die unter Fairtrade-Bedingungen erhältlich sind, zu 100 Prozent Fairtrade-zertifiziert sein.

FSC

Die Non-Profit-Organisation Forest Stewardship Council vergibt dieses Siegel, um nachhaltige Forstwirtschaft zu zertifizieren. Die Produzenten müssen dafür zehn Kriterien erfüllen, die die ökonomischen, ökologischen und sozialen Standards bei den Forstbetrieben verbessern sollen. Umweltverbände kritisieren aber immer wieder, das Siegel würde zu leichtfertig vergeben.

MSC

Die private Organisation Marine Stewardship Council, die das Label für nachhaltigen Fischfang vergibt, wurde vom Konzern Unilever und der Naturschutzorganisation WWF gegründet. Betriebe die das Label bekommen, müssen unter anderem Überfischung vermeiden und das Ökosystem schützen. Auch hier gibt es Kritik an der Vergabe, beispielsweise rügt Greenpeace, dass nur 60 bis 80 Prozent der Standards erfüllt sein müssten, damit eine Fischerei das Gütesiegel erhält.

PEFC

Auch dieses Siegel soll die nachhaltige Waldbewirtschaftung sicherstellen. Im Gegensatz zum FSC, das Betriebe zertifiziert, vergibt PEFC das Siegel an Regionen. Die Nachhaltigkeit der Waldbewirtschaftung wird dann auf regionaler Ebene kontrolliert. Die Einhaltung der Standards wird regelmäßig stichprobenartig überprüft. Während das FSC-Siegel meist für Tropenholz verwendet wird, zertifiziert PEFC in der Regel europäische Wälder.

UTZ

Mit dem Label werden nachhaltig angebaute Agrarprodukte gekennzeichnet, speziell Kaffee, Tee und Kakao. Die Produzenten müssen soziale Kriterien festlegen, Anforderungen an die Umweltverträglichkeit erfüllen und eine effiziente Bewirtschaftung sicherstellen. Ein Label für fairen Handel ist UTZ jedoch nicht.

V

Das V-Siegel, das vom Vegetarierbund Deutschland (VEBU) vergeben wird, kennzeichnet vegetarische Lebensmittel. Produzenten müssen für die Zertifizierung ihre Zutatenliste offenlegen und ihre Produktion vor Ort überprüfen lassen. Sie müssen auf jegliche Tierkörperbestandteile, also auch etwa auf Gelatine, verzichten. Es wird inzwischen von über 250 Lizenzpartnern verwendet, zum Beispiel von Alpro, Frosta, Katjes, Valensina und Voelkel.

Das Unternehmen ist mit seinen rund 1000 verschiedenen Produkten in Supermärkten, Weltläden und Firmenkantinen vertreten. 2016 stiegen die Umsätze um über sieben Prozent auf 74 Millionen Euro. Der Absatz in Supermärkten steigt, doch die Produkte aus fairer Produktion führen trotzdem insgesamt ein Nischendasein: Weniger als ein Prozent der Lebensmittel stammte 2015 aus fairem Handel. Der Anteil wachse aber seit Jahren, sagt das Forum Fairer Handel.

Die Gepa vertreibt Produkte von über 150 Genossenschaften in Afrika, Lateinamerika und Asien mit Zehntausenden Kleinbauern. Das Etikett „fair“ ist an Grundregeln geknüpft, die sich die Hersteller selbst gegeben haben: Die Produzenten haben langfristige Lieferverträge, erzielen Preise über Weltmarkt-Niveau, bekommen finanzielle Aufschläge und halten Sozialstandards ein. Das Wuppertaler Unternehmen investiert Gewinne wieder in den fairen Handel. Geschützt ist der Begriff „fair gehandelt“ aber nicht.

Fairtrade im Discounter: Sehnsucht nach gutem Gewissen

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Supermärkte und Discounter bauen ihr Angebot an Fairtrade-Produkten massiv aus. Kunden sind zunehmend bereit, für bessere Arbeitsbedingungen in den Herkunftsländern mehr auszugeben. Doch es gibt auch Kritiker.

Der Kaffee, das Lieblingsgetränk der Deutschen, ist mit Abstand das wichtigste Produkt. 2016 wurden etwa 3000 Tonnen Rohkaffee aus 15 Ländern importiert. Die Kontakte bringen auch Spezialsorten in kleiner Auflage hervor. Dazu gehören Kaffee-Raritäten aus Tansania, Peru, Kongo, Nepal, Bolivien, Ruanda oder Uganda. Die Päckchen kommen zu einem deutlich höheren Preis als konventionelle Marken in die Regale. Der Marktanteil von fair gehandeltem Röstkaffee lag 2015 bei drei Prozent, Tendenz steigend, wie die Organisation Transfair in Köln berichtet.

Es sei grundsätzlich begrüßenswert, Kleinbauern besonders in den Fokus zu nehmen, meint Clara Brandi vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik in Bonn. Doch privatwirtschaftlich orientierte Ansätze müssten von Entwicklungszusammenarbeit begleitet, die Kleinbauern darüber hinaus unterstützt werden.

König Kaffee – Das Lieblingsgetränk der Deutschen in Zahlen

Lieblingsgetränk

Kein Getränk haben die Deutschen lieber als ihren Kaffee - am liebsten den guten alten Filterkaffee. Einige Zahlen dazu.

Quelle: dpa

Kaffeesteuer

2,19 Euro pro Kilogramm beträgt die Kaffeesteuer in Deutschland. Sie wird seit 1948 erhoben.

Umsatz der Kaffeebranche

5,8 Milliarden Euro betrug der Umsatz der deutschen Kaffeebranche 2014.

Ein Kilogramm Röstkaffee

9,28 Euro kostet ein Kilogramm Röstkaffee im Durchschnitt inklusive Kaffeesteuer in Deutschland. Zum Vergleich: In den USA sind es 7,55 und in Italien 14,64 Euro - ohne Kaffeesteuer.

Kaffee-Import

18,8 Millionen Sack Rohkaffee wurden 2014 nach Deutschland importiert - das entspricht mehr als einer Million Tonnen. Ein Drittel kam aus Brasilien.

Kaffeegenuss

26 Prozent des Kaffees trinken die Deutschen außer Haus - ein Drittel davon in Bäckereien und Stehcafés.

Absatz von Kaffee

Um 40 Prozent wuchs der Absatz von Kaffee in Einzelportionen - Kapseln und Pads etwa - von 2013 auf 2014.

Kaffeemaschine

84,6 Prozent der deutschen Haushalte haben eine Kaffeemaschine - die meisten eine klassische Filtermaschine.

Kaffeekonsum

162 Liter Kaffee trinkt jeder Deutsche durchschnittlich im Jahr. Zum Vergleich: Es sind nur 107 Liter Bier.

Das Wuppertaler Fairhandelshaus will Afrika künftig mehr in den Blick nehmen. „Es ist der ärmste Kontinent“, sagt Geschäftsführer Schaumberger. Dort wird meist Kaffee der Sorte Robusta angebaut, der bei Kennern bisher eher kein besonders gutes Image hat. Die Experten wollen diese Bohnen in neuen Mischungen auf den Markt bringen. „Wenn Robusta gut aufbereitet ist, hat er eine Superqualität!“, meint Kaffeefachmann Garcia. Es sei die ideale Sorte für Milchkaffee.

Im Kaffee-Labor in Wuppertal untersucht Garcia, der Fachmann aus Peru, eine Probe. Konzentriert, in kreisenden Bewegungen, gießt er heißes Wasser in Tassen. Dann schöpft er schnell den Schaum ab und saugt den Aufguss mit lautem Zischen blitzschnell ein. Wenn bei einer Probe etwas nicht stimmt, muss der Hauptteil der Ware, der noch nicht verschifft ist, von den Produzenten erneut ausgelesen werden.

Garcia ist jedes Jahr bei den Kaffeebauern in Lateinamerika. „Man sieht wie die Bauern langsam die Häuser ausbauen“, berichtet er. Es kämen Schlafzimmer für Eltern und Kinder dazu, Matratzen, fließendes Wasser, Toiletten. Ein Bauer aus Honduras, der Bio-Kaffee liefert, habe in seiner Genossenschaft einen neuen Chef: Es sei sein Sohn, der Betriebswirtschaft studiert habe.

Von

dpa

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