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13.10.2016

19:05 Uhr

Kaiser's Tengelmann

Rewes vergiftetes Angebot

VonChristoph Kapalschinski

Rewe-Chef Alain Caparros erteilt der Einigung mit Kaiser's Tengelmann eine brüske Absage – und macht dem Eigentümer Karl-Eriwan Haub gleichzeitig ein Angebot, das zu verlockend ist, um wahr zu sein.

Kaiser’s Tengelmann

Kehrtwende: Zerschlagung der Supermarktkette unausweichlich?

Kaiser’s Tengelmann: Kehrtwende: Zerschlagung der Supermarktkette unausweichlich?

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HamburgRewe-Chef Alain Caparros ist, das kann man wohl so sagen, ein gerissener Taktiker. Gerade noch hatte er signalisiert, eine friedliche, einvernehmliche Einigung mit allen Beteiligten beim Verkauf der Kaiser's-Supermärkte an Edeka finden zu wollen. Dabei hatte er während des gesamten, sich elendig hinziehenden Verfahrens die Rolle des Rumpelstilzchens gespielt. Jetzt sah es so aus, als wolle er sich mit einigen Filialen zufriedengeben – und den Weg für den Verkäufer Tengelmann freigeben. Bis zum Donnerstagabend.

Rewe-Erklärung im Wortlaut: „Haub muss entscheiden, ob er seine Verweigerungshaltung fortsetzt“

Rewe-Erklärung im Wortlaut

„Haub muss entscheiden, ob er seine Verweigerungshaltung fortsetzt“

Rewe-Chef Alain Caparros unterbreitet dem Kaiser's-Tengelmann-Eigentümer Karl-Eriwan Haub erneut ein Angebot – und bessert sogar nach. Die Erklärung im Wortlaut.

Seitdem ist klar: Caparros denkt gar nicht daran. Stattdessen unterbreitet er dem Kaiser's-Tengelmann-Eigentümer Karl-Eriwan Haub erneut ein Angebot – und bessert sogar nach. Er wolle Tengelmann als Ganzes übernehmen, schreibt er, samt Fleischwerken und Verwaltung. Und alle Arbeitsplätze erhalten. Rewe würde ab sofort alle Verluste der Kette auf sich nehmen – obwohl das Kartellamt erst langwierig prüfen würde. Schließlich war es die Bonner Behörde, die den Verkauf zunächst gestoppt hatte. Rewe ist zwar kleiner als Edeka, aber als Marktzweiter immer noch eine Macht. Laut aktuellen Studien gäbe es auch bei dem Kölner Händler Kartellprobleme – vor allem in NRW.

Caparros schreckt das nicht ab. Dies ist sein letzter Versuch, Haub in die Ecke zu drängen. Der wäre, würde er dem Lockangebot nachgeben, zunächst alle Sorgen los. Unternehmer Haub hat über zwei Jahre alle Räder gedreht, die sich drehen lassen – ja, sogar Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) auf seine Seite gezogen. Der erteilte eine Ministererlaubnis für die Übernahme – die aber vor Gericht wohl keinen Bestand hat. Erst die Richter brachten Haub dazu, Einigungsgesprächen zuzustimmen. Er hätte wohl zugestimmt, einzelne Filialen an Rewe und andere abzugeben, um den Deal mit Edeka in letzter Minute zu retten.

Die schier unendliche Geschichte einer Übernahme

7. Oktober 2014

Die Tengelmann-Gruppe gibt bekannt, aus dem Supermarktgeschäft auszusteigen und seine 451 Kaiser's-Tengelmann-Filialen mit knapp 16.000 Angestellten an Edeka verkaufen zu wollen.

17. Februar 2015

Das Bundeskartellamt äußert Bedenken wegen einer möglichen „Verdichtung der ohnehin schon stark konzentrierten Marktstrukturen“ und Nachteilen für Verbraucher und Lebensmittel- und Konsumgüterhersteller.

1. April 2015

Das Kartellamt untersagt die Übernahme. Die Unternehmen gehen gegen das Verbot gerichtlich vor.

28. April 2015

Tengelmann und Edeka beantragen bei Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) eine Sondererlaubnis, um das Nein des Kartellamts auszuhebeln. Sie betonen, dass nur die Gesamtübernahme durch Edeka die 16.000 Arbeitsplätze von Kaiser's Tengelmann sichere und bei einer Zerschlagung mindestens 8000 Stellen wegfallen würden.

3. August 2015

Die Monopolkommission fordert Gabriel auf, das Geschäft nicht zu genehmigen – auch nicht unter Auflagen. Sie argumentiert, dass mögliche Gemeinwohlvorteile die zu erwartenden Wettbewerbsbeschränkungen nicht aufwiegen. Zudem zweifelt die Kommission die Jobsicherung an: Bei Doppelstandorten könnten Stellen bei Edeka wegfallen.

12. Januar 2016

Gabriel stellt eine Ministererlaubnis unter Bedingungen in Aussicht. Er kündigt an, das Geschäft zu genehmigen, wenn Edeka 97 Prozent der Jobs bei Kaiser's Tengelmann für mindestens fünf Jahre sichert. Auch soll Edeka die drei Birkenhof-Fleischwerke mindestens drei Jahre halten.

22. Februar 2016

Gabriel verschärft die Auflagen: Zusätzlich zu den „aufschiebenden Bedingungen“, die vor Vollzug der Übernahme erfüllt sein müssen, formuliert er „auflösende Bedingungen“. Das Geschäft könnte damit bei Verstößen gegen diese Auflagen rückgängig gemacht werden.

17. März 2016

Der Minister gibt seine Erlaubnis unter Auflagen bekannt. Er begründet dies mit der Sicherung der Arbeitsplätze. Rewe, Markant und Norma reichen Beschwerde beim Oberlandesgericht (OLG) Düsseldorf ein. Parallel stellen Rewe und Markant einen Eilantrag, um zu verhindern, dass die Übernahme vor der Gerichtsentscheidung unter Dach und Fach gebracht wird.

12. Juli 2016

Das OLG Düsseldorf legt die Übernahme auf Eis. Es stuft die Ministererlaubnis im Eilverfahren als rechtswidrig ein – unter anderem wegen möglicher Befangenheit Gabriels. Außerdem sieht das Gericht im Erhalt der Arbeitnehmerrechte keinen Gemeinwohlgrund. Gabriel weist die Vorwürfe zurück.

4. August 2016

Edeka legt gegen den OLG-Eilbeschluss beim Bundesgerichtshof (BGH) eine sogenannte Nichtzulassungsbeschwerde ein. Auch Tengelmann und das Bundeswirtschaftsministerium rufen den BGH kurz darauf an.

9. August 2016

Edeka hat sämtliche Tarifverträge mit Verdi für die Übernahme von Kaiser's Tengelmann in der Tasche. Wenige Tage später folgt die Einigung mit der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten für die rund 400 Beschäftigten der drei Birkenhof-Fleischwerke. Damit erfüllt Edeka Auflagen der Ministererlaubnis.

11. August 2016

Das OLG Düsseldorf setzt für den 16. November eine Verhandlung für das Hauptverfahren gegen die Ministererlaubnis an. Am 15. November will der BGH über die Beschwerden gegen das Vorgehen des OLG aus dem Eilverfahren entscheiden.

22. September 2016

Verdi ruft zu einem Spitzengespräch. Tengelmann, Edeka, Rewe, Markant und die Gewerkschaft einigen sich darauf, an einer „tragfähigen, gemeinsamen Lösung“ arbeiten zu wollen.

23. September 2016

Nach einer Aufsichtsratssitzung erklärt Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub, er gebe der Suche nach einer gemeinsamen Lösung noch eine letzte Chance. Die Frist dafür beträgt zwei Wochen. Dann entscheidet er, ob er die Kette zerschlägt.

6. Oktober 2016

Bei einem zweiten Spitzentreffen vereinbaren die Supermarktchefs überraschend, dass die Edeka-Konkurrenten ihre Klage zurückziehen und damit den Weg frei machen für die Übernahme. Sie geben sich Zeit bis zum 17. Oktober.

13. Oktober 2016

Die Gespräche werden am 13. Oktober vor Ablauf der Einigungsfrist abgebrochen. Tengelmann-Eigentümer Karl-Erivan Haub fühlt sich von Rewe-Chef Alan Caparros übervorteilt und will die Mitarbeiter am 14. Oktober über die Zerschlagung der Supermarktkette informieren.

20. Oktober 2016

Die Discount-Kette Norma will ihre Beschwerde gegen die Ministererlaubnis von Sigmar Gabriel zurückziehen.

23. Oktober 2016

Auch Markant gibt bekannt, die Beschwerde gegen die Erlaubnis von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel zurückziehen zu wollen. Damit hält nur noch die Supermarktkette Rewe an der Beschwerde fest,

24. Oktober 2016

Die Rettungsbemühungen um Kaiser's Tengelmann gehen hinter den Kulissen weiter. Altbundeskanzler Gerhard Schröder soll zusammen mit dem Ex-Wirtschaftsweisen Bert Rürup das Schlichtungsverfahren im festgefahrenen Konflikt leiten.

11. November 2016

Wegen der laufenden Schlichtung legt der Bundesgerichtshof nach dem Oberlandesgericht das Tengelmann-Verfahren auf Eis.

18. November 2016

Rewe und Edeka einigen sich über Kaufpreis für Berliner Kaiser's-Filialen. Trotzdem sind „letzte Details” zu klären.

Doch Caparros wird er nicht zusagen. Die „Süddeutsche Zeitung“ schreibt bereits über wütende Reaktionen von Haub: Caparros habe sich nur auf Gespräche eingelassen, um Daten von einzelnen Filialen aufzusaugen. Jetzt wolle Haub die Zerschlagung verkünden. Bei Tengelmann in Mülheim heißt es, eine Erklärung komme noch am Donnerstagabend.

Eine Einigung auf einen anderen Frieden als auf sein Angebot schließt der lautstarke Rewe-Chef Caparros aus: Weil die Gerichte ihm Recht geben würden, wäre ein Kompromiss eine Treuepflichtverletzung gegen die Rewe-Gruppe und ihre Mitarbeiter, poltert er – und weint Krokodilstränen: „Ich hatte wirklich gehofft, dass die Mahnung von Bundeswirtschaftsminister Gabriel und der Beschäftigten von Kaiser's Tengelmann – Eigentum verpflichtet – beim Eigentümer von Kaiser's Tengelmann die Bereitschaft zu einem Kompromiss befördern würde“, schreibt er.

Kommentare (5)

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Herr Wolfgang Trantow

14.10.2016, 08:09 Uhr

Die armen Kaisers-Mitarbeiter werden jetzt bedauert. Es ist die falsche Nachricht. Warum werden die Manager, Führungskräfte nicht angeklagt wegen Totalvernichtung, Totalversagen, Klage wegen nicht erfüllung des Arbeitsvertrages: " Zum Wohl der Firma" zu arbeiten? Dies schließt natürlich auch zum Wohl der Mitarbeiter ein. Aber so ist Deutschlands neue, erfolgreiche Managergeneration. Versagen wird belohnt, wie z.B. Banker.

Herr Manfred Zimmer

14.10.2016, 09:11 Uhr

Herr Trantow, Sie haben vergessen die Richter aufzuzählen, die entscheidenden Anteil an der Zerschlagung haben.

Während diese Richter weiterhin Gehälter und später Pensionen beziehen müssen andere Familien um's Überleben kämpfen.

Ob Gabriel etwas richtig oder falsch gemacht hat, ist nicht die Frage. Wenn Richter nicht nachweisen können, dass sie etwas "Fotokopierbares" gesehen haben, dann sollte man auch sie zur Rechenschaft ziehen.

Ich weiß, es wird nicht gemacht. Aber haben wir es dann nicht mit einem Systemfehler zu tun, den es abzustellen gilt?

Peter Meyfarth

14.10.2016, 09:28 Uhr

 Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.http://www.handelsblatt.com/netiquette

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