Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

14.10.2016

17:50 Uhr

Kaiser’s-Tengelmann vor der Zerschlagung

Die Mitarbeiter machen einfach weiter

Gefüllte Regale und ein freundliches „Guten Tag“ für die Kunden: Die Mitarbeiter von Kaiser’s Tengelmann arbeiten weiter. Über Sorgen sprechen sie nicht. Den Kunden geht das Schicksal der Supermarktkette nahe.

Die Supermarktkette steht nun endgültig vor dem Aus. dpa

Kaiser’s Tengelmann

Die Supermarktkette steht nun endgültig vor dem Aus.

DüsseldorfDas Fach mit Tomaten ist gefüllt, die Salatköpfe liegen sattgrün da. Alles wie immer in den Läden von Kaiser's Tegelmann? In einer Filiale in Düsseldorf trägt eine junge Angestellte schwarz. Auf die Frage nach der Zukunft des Ladens sagt die Frau am Freitag knapp: „Wenn Sie was wissen möchten, rufen Sie die Zentrale in Mülheim an.“ Dabei zittert ihre Stimme, und dann schüttelt sie zum Abschied mit kalten Fingern die Hand.

„Wir wissen selbst nichts“, sagt eine Mitarbeiterin im Firmen-T-Shirt mit der Kaffeekanne. Dabei räumt sie Quark und Milch ins Kühlregal. Die Beschäftigten der Supermarkt-Kette reagieren kontrolliert und schweigsam auf die gescheiterten Rettungsverhandlungen für ihren Arbeitgeber. Keiner sagt etwas zur Zukunft des Unternehmens oder den eigenen Existenzängsten.

Dafür reden die Kunden um so mehr. „Ich würde sie vermissen“, erklärt eine grauhaarige Nachbarin beim Rausgehen aus einer Filiale im angesagten Stadtteil Unterbilk in Düsseldorf. Seit Jahrzehnten wohnt die 64-Jährige in der Nähe und kauft regelmäßig in dem Laden ein. Die Stammkundin kennt das Personal mit Namen, man spricht miteinander. Auch über die Sorgen der Beschäftigten, verrät sie.

Die schier unendliche Geschichte einer Übernahme

7. Oktober 2014

Die Tengelmann-Gruppe gibt bekannt, aus dem Supermarktgeschäft auszusteigen und seine 451 Kaiser's-Tengelmann-Filialen mit knapp 16.000 Angestellten an Edeka verkaufen zu wollen.

17. Februar 2015

Das Bundeskartellamt äußert Bedenken wegen einer möglichen „Verdichtung der ohnehin schon stark konzentrierten Marktstrukturen“ und Nachteilen für Verbraucher und Lebensmittel- und Konsumgüterhersteller.

1. April 2015

Das Kartellamt untersagt die Übernahme. Die Unternehmen gehen gegen das Verbot gerichtlich vor.

28. April 2015

Tengelmann und Edeka beantragen bei Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) eine Sondererlaubnis, um das Nein des Kartellamts auszuhebeln. Sie betonen, dass nur die Gesamtübernahme durch Edeka die 16.000 Arbeitsplätze von Kaiser's Tengelmann sichere und bei einer Zerschlagung mindestens 8000 Stellen wegfallen würden.

3. August 2015

Die Monopolkommission fordert Gabriel auf, das Geschäft nicht zu genehmigen – auch nicht unter Auflagen. Sie argumentiert, dass mögliche Gemeinwohlvorteile die zu erwartenden Wettbewerbsbeschränkungen nicht aufwiegen. Zudem zweifelt die Kommission die Jobsicherung an: Bei Doppelstandorten könnten Stellen bei Edeka wegfallen.

12. Januar 2016

Gabriel stellt eine Ministererlaubnis unter Bedingungen in Aussicht. Er kündigt an, das Geschäft zu genehmigen, wenn Edeka 97 Prozent der Jobs bei Kaiser's Tengelmann für mindestens fünf Jahre sichert. Auch soll Edeka die drei Birkenhof-Fleischwerke mindestens drei Jahre halten.

22. Februar 2016

Gabriel verschärft die Auflagen: Zusätzlich zu den „aufschiebenden Bedingungen“, die vor Vollzug der Übernahme erfüllt sein müssen, formuliert er „auflösende Bedingungen“. Das Geschäft könnte damit bei Verstößen gegen diese Auflagen rückgängig gemacht werden.

17. März 2016

Der Minister gibt seine Erlaubnis unter Auflagen bekannt. Er begründet dies mit der Sicherung der Arbeitsplätze. Rewe, Markant und Norma reichen Beschwerde beim Oberlandesgericht (OLG) Düsseldorf ein. Parallel stellen Rewe und Markant einen Eilantrag, um zu verhindern, dass die Übernahme vor der Gerichtsentscheidung unter Dach und Fach gebracht wird.

12. Juli 2016

Das OLG Düsseldorf legt die Übernahme auf Eis. Es stuft die Ministererlaubnis im Eilverfahren als rechtswidrig ein – unter anderem wegen möglicher Befangenheit Gabriels. Außerdem sieht das Gericht im Erhalt der Arbeitnehmerrechte keinen Gemeinwohlgrund. Gabriel weist die Vorwürfe zurück.

4. August 2016

Edeka legt gegen den OLG-Eilbeschluss beim Bundesgerichtshof (BGH) eine sogenannte Nichtzulassungsbeschwerde ein. Auch Tengelmann und das Bundeswirtschaftsministerium rufen den BGH kurz darauf an.

9. August 2016

Edeka hat sämtliche Tarifverträge mit Verdi für die Übernahme von Kaiser's Tengelmann in der Tasche. Wenige Tage später folgt die Einigung mit der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten für die rund 400 Beschäftigten der drei Birkenhof-Fleischwerke. Damit erfüllt Edeka Auflagen der Ministererlaubnis.

11. August 2016

Das OLG Düsseldorf setzt für den 16. November eine Verhandlung für das Hauptverfahren gegen die Ministererlaubnis an. Am 15. November will der BGH über die Beschwerden gegen das Vorgehen des OLG aus dem Eilverfahren entscheiden.

22. September 2016

Verdi ruft zu einem Spitzengespräch. Tengelmann, Edeka, Rewe, Markant und die Gewerkschaft einigen sich darauf, an einer „tragfähigen, gemeinsamen Lösung“ arbeiten zu wollen.

23. September 2016

Nach einer Aufsichtsratssitzung erklärt Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub, er gebe der Suche nach einer gemeinsamen Lösung noch eine letzte Chance. Die Frist dafür beträgt zwei Wochen. Dann entscheidet er, ob er die Kette zerschlägt.

6. Oktober 2016

Bei einem zweiten Spitzentreffen vereinbaren die Supermarktchefs überraschend, dass die Edeka-Konkurrenten ihre Klage zurückziehen und damit den Weg frei machen für die Übernahme. Sie geben sich Zeit bis zum 17. Oktober.

13. Oktober 2016

Die Gespräche werden am 13. Oktober vor Ablauf der Einigungsfrist abgebrochen. Tengelmann-Eigentümer Karl-Erivan Haub fühlt sich von Rewe-Chef Alan Caparros übervorteilt und will die Mitarbeiter am 14. Oktober über die Zerschlagung der Supermarktkette informieren.

20. Oktober 2016

Die Discount-Kette Norma will ihre Beschwerde gegen die Ministererlaubnis von Sigmar Gabriel zurückziehen.

23. Oktober 2016

Auch Markant gibt bekannt, die Beschwerde gegen die Erlaubnis von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel zurückziehen zu wollen. Damit hält nur noch die Supermarktkette Rewe an der Beschwerde fest,

24. Oktober 2016

Die Rettungsbemühungen um Kaiser's Tengelmann gehen hinter den Kulissen weiter. Altbundeskanzler Gerhard Schröder soll zusammen mit dem Ex-Wirtschaftsweisen Bert Rürup das Schlichtungsverfahren im festgefahrenen Konflikt leiten.

11. November 2016

Wegen der laufenden Schlichtung legt der Bundesgerichtshof nach dem Oberlandesgericht das Tengelmann-Verfahren auf Eis.

18. November 2016

Rewe und Edeka einigen sich über Kaufpreis für Berliner Kaiser's-Filialen. Trotzdem sind „letzte Details” zu klären.

Als vor einigen Jahren der Laden endlich renoviert wurde, „da haben wir uns gefreut“, erzählt sie. Außerdem gehen viele ältere Leute im Viertel seit langem in der Filiale einkaufen. „Aber das interessiert die ja nicht ...“, urteilt die schlanke Grauhaarige über die Chefetage, in deren Hand die Zukunft der Kette liegt. „Eine Schande“, sagt eine andere Kundin und stellt die prall gefüllte Einkaufstasche ab.

Auch in der Apotheke gegenüber ist Kaiser's Tengelmann ein Thema. „Die ganzen Anwohner nimmt das mit“, sagt eine Angestellte über das Hin und Her in den langen Verhandlungen. Dieser Supermarkt sei auch für die anderen Geschäfte in der Straße ein Anziehungspunkt. Und dann gibt es noch zwei Altenheime in der Nähe. Deren Bewohner kämen immer zum Einkaufen, erzählt die Frau im weißen Kittel. „Die sind glücklich, wenn sie es geschafft haben.“

Seine Morgeneinkäufe hat ein sportlicher 60-Jähriger verstaut und schwingt sich nun aufs Fahrrad. Auch er weiß Bescheid über die Lage und rätselt über die gescheiterte Rettung. „Man müsste das eigentlich regeln können, wenn man wollte“, meint er und äußert Mitgefühl für die Mitarbeiter in den Läden, die seit langem nicht wissen, wie es weitergeht. „Das ist wie beim Schachspiel, die Bauern müssen zuerst dran glauben.“

Kaiser's Tengelmann

Sigmar Gabriel: „Es wäre schockierend, nicht diese 16.000 Arbeitsplätze zu erhalten.“

Kaiser's Tengelmann: Sigmar Gabriel: „Es wäre schockierend, nicht diese 16.000 Arbeitsplätze zu erhalten.“

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Von

dpa

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×