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15.07.2015

06:01 Uhr

Kampf um Premium-Kunden

Amazons „Prime Day“ weckt die Konkurrenz

Alle zehn Minuten ein neues „Blitzangebot“: Amazon will mit dem „Prime Day“ am heutigen Mittwoch weltweit neue Kunden für das Premium-Programm werben. Doch die Konkurrenz schläft nicht.

„Wir haben gehört, dass manche Händler 100 Dollar für den Zugang zu Rabattaktionen verlangen.“ dpa

Amazon wirbt um Prime-Kunden

„Wir haben gehört, dass manche Händler 100 Dollar für den Zugang zu Rabattaktionen verlangen.“

SeattleSeit 6 Uhr geht es rund. Ein neues „Blitzangebot“ alle zehn Minuten verspricht Amazon den Kunden, die Mitglied im Premium-Programm Prime sind. Der Online-Händler hat den 15. Juli zum „Prime Day“ erklärt und kündigte rund 3000 wechselnde Sonderangebote an.

Bei Prime bekommen die Abo-Kunden für 49 Euro im Jahr eine kostenlose und schnellere Lieferung ohne Mindestbestellwert. Ansonsten liefert Amazon erst ab 29 Euro versandkostenfrei. Prime-Kunden erhalten außerdem Zugang zu Amazons Videostreaming-Dienst und auch der Leihbücherei auf Kindle-Geräten. Durch den „Prime Day“ sollen es mehr Nutzer werden. Doch mit der Werbung für den Aktionstag im Vorfeld hat Amazon zunächst vor allem die Konkurrenz aufgeschreckt.

Aufstieg mit Schattenseiten: Wie funktioniert Amazon?

Wie fing Amazon an?

Jeff Bezos gründete amazon.com im Jahr 1995. Den deutschen Ableger amazon.de gibt es seit 1998. Groß wurde das Unternehmen mit dem Versand von Büchern, Videos und Musik-CDs. Seit dem Jahr 2000 können auch fremde Händler ihre Produkte bei Amazon anbieten. Mittlerweile macht der Konzern mit Sitz in Seattle zwei Drittel seines Umsatzes mit Waren wie Computern, Digitalkameras, Mode oder Lebensmitteln. Amazon ist auch einer der Vorreiter bei elektronischen Büchern sowie Musik- und Video-Downloads. Zweites großes Standbein neben dem Handel sind die Webservices mit dem Cloud Computing.

Wie konnte der Konzern so mächtig werden?

Amazon fährt eine riskante Wachstumsstrategie: Der Konzern lockt die Kunden mit günstigen Preisen sowie einer schnellen und vielfach kostenlosen Lieferung. Zudem investiert er kräftig, in die Versandzentren wie auch in die Entwicklung neuer Technologie. Dieser Wachstumskurs hat jedoch eine Kehrseite: Die Gewinnmargen sind eher dünn. 2012 machte Amazon einen Verlust von 39 Millionen Dollar. Im Jahr 2013 blieben unterm Strich 274 Millionen Dollar (204 Millionen Euro) – bei einem Nettoumsatz von 74,45 Milliarden Dollar im Jahr 2013.

Wie relevant ist der deutsche Markt?

Es ist der größte Auslandsmarkt. 2012 setzte Amazon hierzulande 8,7 Milliarden Dollar um, umgerechnet sind das derzeit etwa 6,5 Milliarden Euro. Damit lag Deutschland noch vor Japan mit 7,8 Milliarden Dollar und Großbritannien mit 6,5 Milliarden Dollar. Der wichtigste Markt überhaupt ist allerdings Nordamerika mit 34,8 Milliarden Dollar. Amazon wuchs in seiner Heimat zuletzt auch deutlich schneller als im Ausland.

Wie wichtig ist Amazon für Deutschland?

Gemessen am Einzelhandelsumsatz insgesamt ist die Rolle von Amazon überschaubar. Etwa 1,5 Prozent trägt Amazon zum Branchenumsatz von fast 428 Milliarden Euro bei. Das meiste sind jedoch Lebensmittel. Betrachtet man den Online-Handel von Unterhaltungselektronik bis hin zu Büchern, sieht die Sache ganz anders aus: Amazon hält hier fast ein Viertel des Marktes.

Wie ist der Konzern aufgestellt?

In Deutschland unterhält das Unternehmen Logistikzentren in Graben bei Augsburg, Bad Hersfeld, Leipzig, Rheinberg, Werne, Pforzheim, Brieselang und Koblenz. Dort arbeiten nach Auskunft von Amazon etwa 10.000 fest angestellte Vollzeitmitarbeiter. In Spitzenzeiten wie dem Weihnachtsgeschäft kommen in jedem dieser Zentren Tausende Saisonkräfte hinzu. Weltweit arbeiteten 124.600 Mitarbeiter (Stand: März 2014) im Unternehmen.

Schadet der Shitstorm?

Amazon selbst äußerte sich auf Nachfrage bisher nicht dazu, ob seit der Ausstrahlung der ARD-Doku weniger bestellt wurde. Doch ein Vergleich legt nahe: Zu große Sorgen muss sich Amazon wohl nicht machen. Auch über den deutschen Rivalen Zalando tobte bereits ein - wenn auch kleinerer - Sturm der Aufregung nach Berichten über schlechte Arbeitsbedingungen. Am rasanten Umsatzwachstum änderte das nichts. Von 2011 auf 2012 verdoppelte Zalando seine Erlöse von 510 Millionen auf 1,15 Milliarden Euro.

Folgen des Leiharbeiterskandals

Das ist schwer abzuschätzen. Die Empörung hat auch die Politik erreicht und es ist Wahlkampf. Die Vorwürfe wegen der schlechten Behandlung von Leih- und Zeitarbeitern richten sich aber primär gegen die Leiharbeitsfirmen. Denen droht das Bundesarbeitsministerium inzwischen mit einer Sonderprüfung. Die Firmen selbst äußern sich nicht. Die Bezahlung bei Amazon entspricht aber wohl den gültigen Standards. Mit einem Bruttostundenlohn von mindestens 9,55 Euro zahlt Amazon mehr als den gesetzlichen Mindestlohn für Zeitarbeiter, der derzeit im Westen bei 8,19 Euro und im Osten bei 7,50 Euro liegt.

Wo Amazon noch Ärger hat

In Großbritannien gab es im vergangenen Jahr eine Debatte darüber, wie sich Amazon und andere US-Konzerne mit legalen Tricks vor dem Steuerzahlen drückten. Ein Amazon-Vertreter musste vor einem Ausschuss des Parlaments erscheinen und wurde dort von den Parlamentariern vor laufenden Kameras in die Mangel genommen. In den USA hatten sich Mitarbeiter darüber beschwert, dass sie im heißen Sommer in unklimatisierten Lagerhallen schuften mussten. Nach US-Medienberichten erlitten mehrere Beschäftigte Schwächeanfälle. Amazon reagierte und rüstete Klimaanlagen nach.

Am Heimatmarkt USA wehrt sich der Einzelhandelsriese Wal-Mart gegen den Rivalen aus dem Netz. Am Montag kündigte die Supermarkt-Kette eine Gegenoffensive an: Tausende Produkte werden in dieser Woche zum Kampfpreis angeboten. Außerdem hat Wal-Mart den Bestellwert, ab dem die Waren gratis verschickt werden, im Web-Shop von 50 auf 35 Dollar heruntergesetzt. Und: Jeder Kunde kann zuschlagen, ein Abo ist nicht notwendig.

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Was bringt eine Firma schneller zu mehr Erfolg – das vermeintlich unattraktive Cloud-Geschäft oder ein selbstfahrendes Auto? Amazon hat ein neues Geschäftsmodell gefunden, das Google immer noch fehlt. Eine Analyse.

An einem Abo-Modell arbeitet der Supermarkt-Konzern aber auch und will dies für lediglich 50 Dollar im Jahr anbieten. Amazons Prime-Mitglieder in den USA zahlen 99 Dollar. Fernando Madeira, Chef des Wal-Mart-Online-Shops, konnte sich einen Seitenhieb auf den Konkurrenten nicht verkneifen: „Wir haben gehört, dass manche Händler 100 Dollar für den Zugang zu Rabattaktionen verlangen“, so Madeira in einem Blog-Eintrag. „Aber Kunden extra zahlen zu lassen, damit sie Geld sparen, ergibt für uns keinen Sinn.“

Unklar ist ohnehin, wie erfolgreich Amazons Prime-Programm ist. Firmenchef Jeff Bezos sieht es als wichtiges Instrument der Kundenbindung, auch wenn immer wieder darüber spekuliert wird, dass es hohe Kosten für den Versand verursache. Der Konzern selbst nennt keine Zahlen dazu.

Kommentare (2)

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Herr wulff baer

15.07.2015, 09:04 Uhr

Gegen Amazon ist kein Kraut gewachsen.
Jeder, der einmal zur Konkurrenz gewechselt hat (wenn es überhaupt eine gibt), ist reumütig zurückgekommen.
So auch ich, seit vielen Jahren begeisterter Prime-Kunde, der auf dem Land wohnend fast alle Produkte in diesem Super-Warenhaus einkauft und dabei viel Zeit, Geld und Autofahrten spart, die er sonst in deutschen Läden mit ihrem Mini-Sortiment und ihrem Wegduck-Personal nicht erhalten würde.

Herr Hubert Senf

15.07.2015, 13:28 Uhr

Ich Frage mich ernsthaft, warum das eine Meldung wert ist? Es ist eine Marketing-Aktion wie jeder andere auch. Klar kann man dabei, wenn man Artikel eh benötigte, was sparen, aber was ist so besonders daran? Klar ist Amazon Innovativ, aber der Prime Day? Amazon "blitz-Angebote" gibt es schließlich ständig!
Setzen 6!

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