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24.05.2012

18:44 Uhr

Karstadt-Investor

Nicolas Berggruen bietet für Schlecker

Karstadt-Retter Nicolas Berggruen ist ins Bieterrennen um Schlecker eingestiegen. Am Freitag könnte der Gläubigerausschuss sich bereits für den Investor entscheiden. Auch eine Zerschlagung ist weiter möglich.

Nicolas Berggruen bietet um die insolvente Drogeriemarktkette Schlecker mit. dpa

Nicolas Berggruen bietet um die insolvente Drogeriemarktkette Schlecker mit.

Ehingen/StuttgartFür die verbliebenen 13.500 Mitarbeiter der insolventen Drogeriekette Schlecker gibt es einen Hoffnungsschimmer. Der einstige Karstadt-Retter Nicolas Berggruen interessiere sich für die insolvente Drogeriemarktkette Schlecker, berichten die „Stuttgarter Nachrichten“ (Freitag) unter Berufung auf mit den Vorgängen vertraute Personen. Die Information wurde Handelsblatt Online aus Finanzkreisen bestätigt.

Berggruen sei erst vor zwei Wochen in den Investorenprozess eingestiegen. Er sei an dem gesamten Konzern interessiert und biete einen Kaufpreis zwischen 100 und 150 Millionen Euro, berichten die „Stuttgarter Nachrichten“. Ein Geschäftskonzept liege dem Hauptgläubiger Euler Hermes bereits vor.

Die Investorensuche von Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz gestaltet sich bisher schwierig, weil hohe Verluste des Unternehmens sowie tausende Kündigungsschutzklagen von Ex-Mitarbeitern im Weg stehen. Nach Angaben eines Sprechers aus der vergangenen Woche gibt es für Schlecker noch fünf Interessenten, mit drei davon würden "intensive Gespräche" geführt. Mit vier potenziellen Investoren befinde man sich in der sogenannten Due-Diligence-Phase, einer tiefgehenden Unternehmensprüfung.

Schleckers Aufstieg und Fall

Drogerieriese und Familiengeschichte

Deutschlands gemessen an der Zahl der Filialen größte Drogeriekette ist untrennbar mit der Familie Schlecker verbunden. In rund 36 Jahren wuchs aus den Anfängen in Baden-Württemberg ein europaweit agierender Handelsriese.Wichtige Stationen in Familie und Firma Schlecker:

1944

Anton Schlecker wird am 28. Oktober in Ulm geboren

1965

Schlecker beginnt seine Berufslaufbahn im Unternehmen seines Vaters, einer Fleischwarenfabrik samt 17 Metzgereien. Erste Selbstbedienungswarenhäuser entstehen in mehreren Orten im Südwesten.

1974

Die Preisbindung für Drogerieartikel fällt weg. Zur gleichen Zeit startete auch dm-Gründer Götz Werner seine ersten Gehversuche als Drogerist. Vorher hatte es nur kleine Drogeriefachgeschäfte gegeben.

1975

Schlecker eröffnet in Kirchheim/Teck (Kreis Esslingen) seine erste Drogerie. Zwei Jahre später sind es 100 Filialen.

1977

Der 100. Discounter mit dem Namen Schlecker eröffnet.

1984

Im Jahr 1984 öffnet Filiale Nummer 1000 die Türen.

1987

Als ersten Auslandsmarkt erschließt Schlecker Österreich; später folgen Spanien, die Niederlande, 1991 - durch die Übernahme von „Superdrug“ - Frankreich

Dezember 1987

Am 22. Dezember überfallen drei Maskierte die Familie Schlecker, als Anton und Christa mit den beiden Kindern Meike und Lars nach Hause kommen; die beiden Kinder werden entführt, ihr Vater handelt das Lösegeld von 18 auf 9,6 Millionen Mark herunter. Nach der Übergabe können sich die 14 und 16 Jahre alten Geschwister am 23.12. selbst befreien. Die Polizei wird erst später informiert. Die Familie zieht sich noch stärker als bisher aus der Öffentlichkeit zurück

1990er

Nach dem Fall der Mauer expandiert Schlecker auch relativ schnell in die neuen Bundesländer.

1994

Schlecker betreibt nach eigenen Angaben rund 5000 Läden; zugleich werfen Gewerkschafter dem Konzern vor, Mitarbeiter systematisch zu schikanieren und zu schlecht zu bezahlen - solche Kritik prägt in den kommenden Jahren immer wieder die Schlagzeilen über den „Drogeriekönig“. Schlecker weist Vorwürfe stets zurück und spricht von Einzelfällen.

2007

Schlecker übernimmt zum Ende des Jahres die ehemals insolvente Osnabrücker Kette "Ihr Platz"

1998

Das Amtsgericht Stuttgart erlässt gegen Christa und Anton Schlecker Strafbefehle von jeweils zehn Monaten auf Bewährung wegen vielfachen Betrugs - weil sie Mitarbeitern eine tarifliche Bezahlung bloß vorgetäuscht hätten.

2008

Der Drogerieriese macht nach Gewerkschaftsangaben 52 Millionen Euro Verlust bei 7,42 Milliarden Euro Umsatz

2010

Im Januar erneute Kritik über Arbeitsbedingungen bei Schlecker, wo bestehende Arbeitsplätze mit Leiharbeitsverträgen ersetzt werden sollten; die Bundesregierung will mit einer „Lex Schlecker“ gegensteuern. Zugleich muss der Drogerieriese einen Umsatzrückgang von rund 650 Millionen Euro auf noch etwa 6,55 Milliarden, davon 4,51 Milliarden Euro im Inland, hinnehmen und schreibt weiter rote Zahlen.

November 2010

Patriarch Anton Schlecker holt im November seine Kinder Meike und Lars in die Führungsspitze und gibt einen Teil seiner Verantwortung ab; der Familienrat bleibt aber wichtigstes Entscheidungsgremium

2011

Schlecker beginnt einen radikalen Umbau seines Filialnetzes; aus den überall verfügbaren Billigläden sollen hochwertige Drogerien in der Nachbarschaft werden - samt Slogan „For You. Vor Ort.“; Neue Führungsgrundsätze sollen schlechte Mitarbeiterführung ein für alle Mal verhindern; das Magazin „Forbes“ führt Anton Schlecker auf seiner Reichen-Liste noch mit 3,1 Milliarden Dollar Vermögen (rund 2,4 Milliarden Euro)

2012

Nach Wochen voller Gerüchte um finanzielle Engpässe gibt Schlecker am 20. Januar bekannt, in die Planinsolvenz gehen zu wollen.

An diesem Freitag dürfte sich bei der Sitzung des Gläubigerausschusses entscheiden, ob der Vorschlag des Investors akzeptiert werde. Ein bindendes Angebot der Berggruen-Holdings liege jedoch noch nicht vor. Die Gläubiger könnten aber auch eine Zerschlagung Schleckers beschließen, wie die „Stuttgarter Nachrichten“ und das „Manager Magazin“ am Mittwoch berichteten.

In dem Ausschuss sitzen die größten Gläubiger Schleckers. Dazu gehören die Kreditversicherung Euler Hermes, die Lieferantengruppe Markant Finanz AG und die Agentur für Arbeit in Ulm. Im Ausschuss sind außerdem je ein Vertreter von Gewerkschaft und Arbeitnehmerschaft. Fällt eine Entscheidung, wird sie am 5. Juni bei der vom Amtsgericht Ulm festgelegten Gläubigerversammlung endgültig beschlossen.

Ein Sprecher des Insolvenzverwalters ließ am Mittwoch zur Gläubigerversammlung alle Fragen offen: „Was am Freitag passieren wird, weiß kein Mensch. Theoretisch ist und war auch immer alles möglich.“ Er räumte aber ein, dass es immer wieder kritische Momente mit den Gläubigern gegeben habe. Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz sei aber weiter mit drei möglichen Investoren in „vertieften Gesprächen“.

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Geiwitz muss die Gläubiger davon überzeugen, das Schlecker bald kostendeckend geführt werden kann. „Erscheint eine Fortführung wirtschaftlich nicht sinnvoll, könnten die Gläubiger sehr kurzfristig den Insolvenzverwalter auffordern, die Geschäfte zu beenden“, sagte der Vorsitzende des Insolvenzverwalterverbands (VID), Christoph Niering, am Mittwoch. „Bei dieser Entscheidung blickt jeder Gläubiger durch seine eigene Brille.“

Sowohl die 4000 Kündigungsklagen von Ex-Mitarbeitern als auch das schwierige Image von Schlecker belasteten die angestrebte Investorenlösung. „Je länger die Investorensuche dauert, desto zurückhaltender sind die Chancen zu beurteilen, dass diese erfolgreich abgeschlossen wird“, sagte Insolvenzexperte Niering. Eigentlich wollte Geiwitz bis Pfingsten einen Investor präsentieren.

Kommentare (6)

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beo

24.05.2012, 18:46 Uhr

Es scheint auch hier gibt wird es asset stripping geben, d.h. wie bei Karstadt werden die Immobilien ausgesondert und verkauft waehrend die operative Gesellschaft pleite geht. Daher sitzt auch Schroeder's Frau im Vorstand seiner Stifftung.. die lokale Mafia muss bei solchen Geschaeften immer mit im Boot sitzten.

Thomas-Melber-Stuttgart

24.05.2012, 19:26 Uhr

Bloß daß Schlecker wohl keine Ladengeschäfte besitzt; diese sind zumeist gepachtet.

puk

24.05.2012, 22:20 Uhr

Das ist doch albern, Herrn Berggruen als Retter von Karstadt zu apostrophieren. Das Gegenteil ist doch wohl richtig. wer den Bericht in der ARD gesehen hat, bekommt eine Ahnung davon worauf diese Heuschrecke abzielt. Filetieren und Vermögen abziehen und abwickeln, das ist das Ziel, dieses Herrn. "Hurra wir retten uns zu Tode" kann man da nur sagen.

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