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17.06.2015

11:47 Uhr

Karstadt nach Kaufhof-Schlappe

„Neuausrichtung dürfte Benkos Möglichkeiten übersteigen“

VonFlorian Kolf

Karstadt-Eigner René Benko ist mit seinem Gebot für Konkurrent Kaufhof gescheitert. Die Gewerkschaft Verdi fordert nun eine Offensive der Traditions-Warenhauskette. Doch Experten sind skeptisch, ob das gelingen kann.

Hudson's Bay

Schlappe für Benko: Kaufhof geht nach Kanada

Hudson's Bay: Schlappe für Benko: Kaufhof geht nach Kanada

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DüsseldorfDie Arbeitnehmer bei Karstadt fordern nach der Niederlage ihres Eigners Rene Benko im Übernahme-Rennen um den Konkurrenten Kaufhof ein klares Bekenntnis zur Zukunft des Essener Traditionskonzerns. Benkos Holding Signa müsse umgehend in die Warenhauskette und in die Beschäftigten investieren, sagte Verdi-Vertreter Arno Peukes am Mittwoch. Gesamtbetriebsrat und Verdi stünden bereit, „um gemeinsam mit der Eigentümerseite die jetzt notwendigen Veränderungen zu gestalten“.

Immobilieninvestor Benko hatte für Kaufhof geboten, die Konzernmutter Metro entschied sich aber für den nordamerikanischen Handelsriesen Hudson's Bay. Dieser kündigte Investitionen in den Karstadt-Konkurrenten an und plant, den Marktanteil von Kaufhof auszubauen. Benko will sich nun darauf konzentrieren, Karstadt voranzubringen. „Wir freuen uns auf einen fairen Konkurrenzkampf unserer Warenhäuser“, sagte Karstadt-Gesamtbetriebsratschef Hellmut Patzelt.

Karstadt und Kaufhof - Zwei Warenhäuser mit Tradition

Keine Deutsche Warenhaus AG

Das Rennen um die größte deutsche Warenhauskette Galeria Kaufhof ist gelaufen. Der Metro-Konzern hat im Juni 2015 seine Tochter für 2,8 Milliarden Euro an den kanadischen Handelskonzern Hudson's Bay verkauft. Das Nachsehen hat damit der Eigner der Konkurrenz-Kette Karstadt, Rene Benko, der ebenfalls an Kaufhof interessiert war. Für den angeschlagenen Karstadt-Konzern könnte es nun noch schwieriger werden, im Wettbewerb zu bestehen. Hudson's Bay will Kaufhof als Sprungbrett für eine weitere Expansion in Europa nutzen.

Galeria Kaufhof

Kaufhof erwirtschaftete im Geschäftsjahr 2013/2014 mit rund 21.500 Mitarbeiter gut drei Milliarden Euro Umsatz und verdiente operativ fast 200 Millionen Euro. Rund zwei Millionen Kunden besuchen täglich eines der 104 Waren- und 16 Sporthäuser in mehr als 80 Städten in ganz Deutschland. In Belgien betreibt Kaufhof zudem 16 Filialen unter dem Namen „Galeria Inno“. Kaufhof mit Sitz in Köln blickt auf eine fast 140-jährige Geschichte zurück: 1879 eröffnete der Kaufmann Leonhard Tietz in Stralsund ein kleines Textilgeschäft und legte damit den Grundstein für das Warenhaus. Metro-Chef Olaf Koch hatte Kaufhof zum Verkauf gestellt, weil er für das Warenhaus-Konzept unter dem Dach der Metro keine ausreichenden Expansionschancen sieht.

Karstadt

Eine fast ebensolange Tradition wie Kaufhof hat Karstadt. 1881 gründete Rudolph Karstadt sein erstes Ladengeschäft in Wismar. Das Filialnetz wuchs schnell. Karstadt verleibte sich den Neckermann Versand mehrheitlich ein, übernahm Hertie und fusionierte Ende der 1990er Jahre mit dem Versandhaus Quelle zu KarstadtQuelle. Doch das Geschäftsmodell begann zu kriseln. Karstadt schloss Häuser, verkaufte seine Immobilien, schlidderte aber dennoch 2009 zusammen mit seinem damaligen Mutterkonzern Arcandor in die Insolvenz. 2010 übernahm dann der Milliardär Nicolas Berggruen Karstadt aus der Insolvenz heraus. Vier Jahre später reichte er Karstadt dann komplett an den österreichischen Immobilien-Investor Rene Benko weiter. Der Essener Konzern betreibt heute mit etwa 16.000 Mitarbeitern noch 81 Warenhäuser, bis spätestens 2016 sollen fünf weitere geschlossen werden. 2012/2013 häufte Karstadt einen Verlust von 131 Millionen Euro an, der Umsatz sank um neun Prozent auf 2,67 Milliarden Euro.

Hudson's Bay

Hudson's Bay wurde 1670 gegründet und gilt als ältestes Unternehmen Nordamerikas. Bislang operiert der in Toronto ansässige und einst durch den Pelzhandel groß gewordene Konzern nur in Kanada und den Vereinigten Staaten. Das börsennotierte Unternehmen bietet unter seinen Marken Hudson Bay, Lord & Taylor und Saks Fifth Avenue Bekleidung, Accessoires, Schuhe, Schönheitsprodukte und Haushaltswaren an. In Kanada und den USA betreibt Hudson's Bay über 300 Geschäfte. 2014 betrug der Umsatz des Konzerns 8,2 Milliarden Kanadische Dollar (etwa 5,8 Milliarden Euro), der Gewinn erreichte unter dem Strich beinahe 240 Millionen Dollar.

Konkurrenz in Europa

Kaufhof soll für die Kanadier Sprungbrett sein für eine Expansion in Europa. Hier müssen sie sich vorrangig mit der italienischen Traditionskette La Rinascente sowie der größten europäischen Warenhauskette, der spanischen El Corte Ingles, auseinandersetzen. La Rinascente war 2011 mehrheitlich von der thailändischen Central Group übernommen worden. Die übernahm jüngst zudem 50,1 Prozent des operativen Geschäftes der Karstadt-Luxushäuser von Benko: das KaDeWe in Berlin, das Hamburger Alsterhaus und das Warenhaus Oberpollinger in München.

Experten unterstützen die Forderungen der Arbeitnehmer. „Es sind jetzt massive Investitionen nötig, damit Karstadt auf Augenhöhe mit Hudson's Bay mithalten kann“, sagt Jörg Funder, Handelsfachmann der Hochschule Worms. Nach seiner Einschätzung kann Hudson's Bay insbesondere mit seinem Textilsortiment und seiner Kompetenz in der Verknüpfung von Online und stationärem Handel punkten.

„Es wäre eine mögliche Nische für Karstadt, sich auf ein sehr lokales Sortiment zu fokussieren“, rät Funder. Eine gute Alternative sei eine engere Zusammenarbeit mit Verbundgruppen wie Electronic Partner oder Vedes. „Dann könnte aus Karstadt ein Kaufhaus der Verbundgruppen werden“, so Funder. Das könnte helfen, bei der Beschaffung zu sparen und trotzdem ein attraktives Angebot zu präsentieren.

Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein ist jedoch skeptisch, ob eine Neupositionierung von Karstadt überhaupt noch gelingen kann. „Es müsste jetzt eine echte Online-Offensive kommen“, sagt er. Eine wirkliche Transformation in ein zukunftsfähiges Geschäftsmodell erfordere aber unheimlich viel Kraft und Geld. Dafür sei es für Karstadt wahrscheinlich schon zu spät. „Die Neuausrichtung von Karstadt würde so viel Kapital erfordern, das dürfte selbst die Möglichkeiten von Benko übersteigen“, so Heinemann.

Karstadt-Strategie: Benkos Masterplan

Karstadt-Strategie

Premium Benkos Masterplan

Der Karstadt-Eigner René Benko gibt die Mehrheit an den Luxushäusern rund um KaDeWe an die italienische Kaufhausgruppe La Rinascente ab. Mit diesem Schritt zeigt sich ein Vorgehen, das zu neuem Wachstum führen könnte.

„Jetzt noch einmal zu sagen, wir erfinden Karstadt neu, das dürfte nicht funktionieren“, warnt der Handelsexperte. Es würde wahrscheinlich weniger kosten, ein zweites Zalando aufzubauen, als Karstadt zukunftsfähig zu machen.

Dabei ist bei Karstadt zurzeit eher von Sparen als von Investieren die Rede. Der österreichische Investor Benko hatte Karstadt im vergangenen Jahr übernommen und danach den Rotstift angesetzt. Das Aus für einige Warenhäuser, etwa in Stuttgart, Recklinghausen und Bottrop, ist bereits verkündet. Verdi hatte erst im April die Befürchtung geäußert, die Kürzungspläne bedrohten in den Waren- und Sporthäusern insgesamt etwa 40 Prozent der verbliebenen rund 15.800 Mitarbeiter, Signa hatte dies damals nicht kommentiert.

Verdi verhandelt mit dem Karstadt-Management zudem über eine Rückkehr in die Tarifbindung. Bei der Warenhauskette herrscht eine „Tarifpause“, Karstadt spart sich damit anders als Kaufhof für die Branche ausgehandelte Lohnerhöhungen. Karstadt-Chef Stephan Fanderl hatte den Beschäftigten zuletzt aber Hoffnung auf eine Rückkehr in den Tarifvertrag gemacht. Er schließe das nicht aus, sagte er in einem Interview.

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