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15.04.2012

22:32 Uhr

Keine Geldgeber

Europäische Ratingagentur vor dem Aus

Es sollte der große Wurf werden: Mit einer europäischen Ratingagentur wollte ein Mitarbeiter von Roland Berger die Branche revolutionieren. Doch es finden sich einfach zu wenige Investoren. Die Idee steht vor dem Aus.

Die Hoffnungen auf eine europäische Ratingagentur schwinden. dpa

Die Hoffnungen auf eine europäische Ratingagentur schwinden.

BerlinMarkus Krall hatte sich aufgemacht, die Welt der Ratingagenturen zu verändern. Deutlich zu verändern. Der Mann von der Beraterfirma Roland Berger zog aus, um für eine europäische Variante von Standard & Poors’s Ratings Services (S&P) und Moody’s zu werben. Für diese neue Ratingagentur musste Krall Geld sammeln, 300 Millionen Euro Startkapital wären notwendig. Schon Mitte März zeigte sich, wie schwierig dieses Vorhaben ist. Krall musste den Start der Agentur verschieben, er bekam das Geld bis Ende März nicht zusammen. Als neuen Termin setzte er das dritte Quartal 2012.

Jetzt scheint klar: Dei Idee der europäischen Agentur ist gescheitert. Roland Berger gehe nicht mehr davon aus, 300 Millionen Euro Startkapital für den Aufbau des Prestigeobjektes zusammenzukriegen, berichtet die „Financial Times Deutschland“. Berger hatte vor allem auf die Unterstützung deutscher und französischer Großbanken gehofft, stieß demnach jedoch auf wenig Interesse. Auch aus der deutschen Industrie sei Gegenwind gekommen.

Ratingagenturen: Der schwierige Kampf gegen die großen Drei

Ratingagenturen

Der schwierige Kampf gegen die großen Drei

Die Macht der angelsächsischen Rating-Agenturen ist enorm. Jetzt versucht ein deutscher Pionier, sie zu brechen. Doch der Weg zu Europas Ratingagentur ist steinig, wie sich jetzt zeigt: Es gibt zu wenige Geldgeber.

Bislang braucht jedes Unternehmen, jede Bank, jeder Staat, der sich von Investoren am Kapitalmarkt Geld besorgen will, ein Urteil über seine Kreditwürdigkeit. Je besser es ausfällt, desto günstiger lässt sich Geld besorgen. Ein gutes Urteil signalisiert Investoren: Hier ist dein Geld sicher. Und für solch ein Urteil wenden sich fast alle an die großen drei. Ihre Macht ist tief in Vorschriften verankert, ihre Beliebtheit bei Investoren ungebrochen.

Ratingagenturen Marktanteile

Drei Ratingagenturen teilen sich den weltweiten Markt zu 95 Prozent auf, wobei Fitch von diesen drei mit Abstand der kleinste Spieler ist.

Das von Berger-Partner Markus Krall erdachte Ratingkonzept hätte das Geschäftsmodell der Branche umgekrempelt. Anstelle der Emittenten, die Wertpapiere begeben, sollten die Investoren für Ratings bezahlen. So hätten die Agenturen keinen Anreiz mehr, sich mit übertrieben guten Noten Aufträge zu sichern. Die Berger-Pläne sahen ein Stiftungsmodell vor. Insgesamt 30 Investoren aus der Finanzbranche sollten jeweils zehn Millionen Euro beisteuern. Nach fünf bis sieben Jahren sollte sich die neue Agentur soweit etabliert haben, dass die Geldgeber aus dem Cashflow heraus ausbezahlt werden können.

Der Rating-Markt wird derzeit von den drei in den USA ansässigen Agenturen Standard & Poor's (S&P), Moody's und Fitch geprägt. Die Agenturen sehen sich in Europa seit längerem heftiger Kritik ausgesetzt. Ihnen wird nicht nur wegen Fehlbewertungen eine Mitschuld an der Finanzkrise gegeben. Auch ihre Rolle bei der Beurteilung der dramatischen Rettungsbemühungen und -konzepte für hoch verschuldete Euro-Länder wie Griechenland, Portugal und Irland ist umstritten. Das Urteil der Ratingagenturen prägt letztlich vielfach die Marktreaktionen auf solche Bemühungen.

Von

rtr

Kommentare (16)

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Account gelöscht!

16.04.2012, 00:54 Uhr

Ich glaube da gibt es so ein gewisses Missverständnis im "Business Model" wie es so in der Beratersprache heißt.

Ja, so ein regulierter Kredit-Investor braucht Ratings, also so eine Einschätzung über die Kreditqualität. Das kann dieser Kredit-Investor (a) selber erstellen, oder (b) einfach eines von einer Ratingagentur übernehmen.

Wenn es nun Meinungsverschiedenheiten bzgl. der Qualität von Schuldtiteln gibt, z.B. mit der Regulierungsbehörde, dann nimmt diese Regulierungsbehörde (falls vorhanden) die Ratings der Ratingagenturen (z.B. das schlechtere 2 Ratings, bzw. das mittlere von 3 Ratings). Es ist letztlich die Regulierungsbehörde die KEINE eigene Kreditprüfung zu einem bestimmten Schuldttiel durchführt und nicht der Kredit-Investor.

Als nächstes wird ein Kredit-Investor vor allem dann ein eigenes Ratings (Kreditprüfung) durchführen je mehr auf dem Spiel steht. Sprich je größer der Kredit, desto eher lohnt es sich da mal einen oder mehrere hausinterne Kreditanalysten auf die Sache anzusetzen.

Jeder Kredit-Investor weiß (solange er nicht total naiv ist), dass Ratingagenturen zwar "umsonst" ihre Dienste anbieten, sondern die Ratings auch inflationiert seien könnten. Wenn nun ein Kredit-Investor für Teile seines Kreditportfolios sich auf externe Ratings verlässt, dann muss er ab und zu mal Stichproben machen. Und die Kosten für diese Stichproben plus die Kosten von externen Ratings getäuscht geworden zu sein, die hätte ein "Business Model" wo diese Kredit-Investoren selber die Ratings bezahlen, geschlagen werden müssen.

Sorry das Vorhaben von Roland-Berger Modell hätte nur dann eine Chance, wenn S&P, Moodys und Fitch ebenfalls ihr "Business Model" umgestellt hätten. Man hätte dies eventuell sogar denen aufzwingen können, z.B. wenn Regulierungsbehörden und EZB nur solche Schuldtitel zulassen wo das externe Rating nachweislich von Kredit-Investoren (oder den Regulierer selbst) bezahlt wurde.

Kea

16.04.2012, 01:09 Uhr

Komisch, dass die Banken sich zu keiner Unterstützung für Kralls Konzept haben durchringen können; hätte es doch ein wenig in Richtung Ehrlichkeit tendiert. Wer will das schon, wenn die Steuergelder sowieso immer wieder von korrupten Politikern an die Volksgeldvernichter zur Rettung verteilt werden und die Lebensarbeitszeiten dadurch krass nach oben getrieben werden, weil der Staat, der mit Absicht schon seit Jahrzehnten verabsäumt, Steuern auch der Großindustrie und der Banken einzufordern - und zwar massiv -, sich nichts mehr leisten kann.

Es lebe der Ein-Euro-Job bis zum Pensionsantrittsalter von 75, wie es hinter teilweise (sonst würde ich's nicht wissen!) verschlossenen Türen schon gefordert wird!

EiEiEi

16.04.2012, 01:32 Uhr

Was ein A..ch, der hat doch wirklich genug Geld selbst.

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