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06.07.2015

17:20 Uhr

Kindle Unlimited

Autoren kritisieren „Preis pro Seite“-Vergütung von Amazon

Amazon plant, Autoren künftig pro gelesener Seite zu bezahlen. Das neue Bezahlsystem bei digitalen Bücher-Flatrates stößt bei Schriftstellern auf Widerstand. Sie sehen das Verhältnis des Lesers zum Autor gefährdet.

„Eingriff in den intimen Dialog des Lesers mit dem Buch“: dpa

Amazon Kindle

„Eingriff in den intimen Dialog des Lesers mit dem Buch“:

BerlinDie Idee von Amazon, bei seinen digitalen Bücher-Flatrates die Vergütung der Urheber von der Zahl gelesener Seiten abhängig zu machen, ist auf Kritik bei Autoren in Deutschland gestoßen. „Dies ist ein kontrollierender Eingriff in den intimen Dialog des Lesers mit dem Buch und das damit verbundene Verhältnis zum Autor“, erklärte die Vorsitzende des Verbandes deutscher Schriftsteller in der Gewerkschaft Verdi, Eva Leipprand, am Montag.

Amazon stellte zum Monatsanfang das Verfahren für Tantiemen-Zahlungen im Abo-Angebot Kindle Unlimited und der Kindle-Leihbücherei um. Sie orientieren sich nicht mehr an der Zahl der Ausleihen eines Titels, sondern daran, wie viele Seiten dabei tatsächlich gelesen wurden. Autoren hätten um diese Änderung gebeten, erklärt der Konzern.

Beim Schriftstellerverband seien sich Bundesvorstand und Landesvorsitzende einig, „dass dieses System bei einer weiteren Verbreitung eine Katastrophe für die Literaturlandschaft bedeute“, hieß es. Autoren könnten sich genötigt sehen, die Leser „kontinuierlich im "Cliffhängerstil" von einer Seite zur nächsten zu treiben“.

Aufstieg mit Schattenseiten: Wie funktioniert Amazon?

Wie fing Amazon an?

Jeff Bezos gründete amazon.com im Jahr 1995. Den deutschen Ableger amazon.de gibt es seit 1998. Groß wurde das Unternehmen mit dem Versand von Büchern, Videos und Musik-CDs. Seit dem Jahr 2000 können auch fremde Händler ihre Produkte bei Amazon anbieten. Mittlerweile macht der Konzern mit Sitz in Seattle zwei Drittel seines Umsatzes mit Waren wie Computern, Digitalkameras, Mode oder Lebensmitteln. Amazon ist auch einer der Vorreiter bei elektronischen Büchern sowie Musik- und Video-Downloads. Zweites großes Standbein neben dem Handel sind die Webservices mit dem Cloud Computing.

Wie konnte der Konzern so mächtig werden?

Amazon fährt eine riskante Wachstumsstrategie: Der Konzern lockt die Kunden mit günstigen Preisen sowie einer schnellen und vielfach kostenlosen Lieferung. Zudem investiert er kräftig, in die Versandzentren wie auch in die Entwicklung neuer Technologie. Dieser Wachstumskurs hat jedoch eine Kehrseite: Die Gewinnmargen sind eher dünn. 2012 machte Amazon einen Verlust von 39 Millionen Dollar. Im Jahr 2013 blieben unterm Strich 274 Millionen Dollar (204 Millionen Euro) – bei einem Nettoumsatz von 74,45 Milliarden Dollar im Jahr 2013.

Wie relevant ist der deutsche Markt?

Es ist der größte Auslandsmarkt. 2012 setzte Amazon hierzulande 8,7 Milliarden Dollar um, umgerechnet sind das derzeit etwa 6,5 Milliarden Euro. Damit lag Deutschland noch vor Japan mit 7,8 Milliarden Dollar und Großbritannien mit 6,5 Milliarden Dollar. Der wichtigste Markt überhaupt ist allerdings Nordamerika mit 34,8 Milliarden Dollar. Amazon wuchs in seiner Heimat zuletzt auch deutlich schneller als im Ausland.

Wie wichtig ist Amazon für Deutschland?

Gemessen am Einzelhandelsumsatz insgesamt ist die Rolle von Amazon überschaubar. Etwa 1,5 Prozent trägt Amazon zum Branchenumsatz von fast 428 Milliarden Euro bei. Das meiste sind jedoch Lebensmittel. Betrachtet man den Online-Handel von Unterhaltungselektronik bis hin zu Büchern, sieht die Sache ganz anders aus: Amazon hält hier fast ein Viertel des Marktes.

Wie ist der Konzern aufgestellt?

In Deutschland unterhält das Unternehmen Logistikzentren in Graben bei Augsburg, Bad Hersfeld, Leipzig, Rheinberg, Werne, Pforzheim, Brieselang und Koblenz. Dort arbeiten nach Auskunft von Amazon etwa 10.000 fest angestellte Vollzeitmitarbeiter. In Spitzenzeiten wie dem Weihnachtsgeschäft kommen in jedem dieser Zentren Tausende Saisonkräfte hinzu. Weltweit arbeiteten 124.600 Mitarbeiter (Stand: März 2014) im Unternehmen.

Die Größe des Fonds, aus dem sich die Zahlungen speisen, werde auf monatlicher Basis berechnet, erklärte Amazon. So solle es Mitte Juli den Wert für den Juni geben. In Medienberichten hatte es vor wenigen Tagen geheißen, dass aktuell Stand rund 0,6 US-Cent pro Seite ausgeschüttet würden. Auf 1,9 Milliarden gelesene Seiten im Juni käme eine Summe von mindestens elf Millionen Dollar, schrieb etwa die Zeitung „Guardian“.

Von

dpa

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