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08.06.2017

09:36 Uhr

Kinnevik

Großaktionär steigt bei Rocket Internet komplett aus

VonMiriam Schröder

Rocket Internet verliert seinen Großaktionär Kinnevik komplett. Die Beteiligungsgesellschaft aus Schweden hat ihre letzten Aktien an dem Berliner Unternehmen verkauft. Dem Aktienkurs bekam das nicht gut.

Das Berliner Unternehmen verliert seinen Großaktionär Kinnevik. Reuters

Rocket Internet

Das Berliner Unternehmen verliert seinen Großaktionär Kinnevik.

Stockholm, BerlinDer schwedische Großaktionär Kinnevik ist bei Rocket Internet ausgestiegen. Der Investor nahm mit dem Verkauf seiner verbliebenen 6,6-prozentigen Beteiligung 217 Millionen Euro ein, wie Kinnevik am Donnerstag mitteilte. Das Engagement bei der Berliner Start-up-Holding hat sich für den Risikokapitalgeber gelohnt, seinen Einsatz hat er versechsfacht: Durch Aktienverkäufe und Dividenden kassierte er 936 Millionen Euro, investiert hatte er insgesamt 155 Millionen Euro. Dem Kurs der Rocket-Internet-Aktie bekam die Neuigkeit nicht gut. Er rutschte zuletzt um fast fünf Prozent ab.

Der Schritt kommt nicht wirklich überraschend. Bereits im Februar hatten die Schweden die erste Hälfte ihrer Anteile verkauft und sich vorbehalten, den Rest nach einer Haltefrist ebenfalls abzustoßen. Diese ist nun abgelaufen. Hinzu kommt, dass die Rocket-Aktie für ihre Verhältnisse gerade gut steht: Der angekündigte Börsengang von Delivery Hero hat den Kurs, der lange bei 16 Euro dümpelte, erstmals wieder über 20 Euro steigen lassen.

Rocket-Chef Oliver Samwer: Visionär ohne Vision

Rocket-Chef Oliver Samwer

Premium Visionär ohne Vision

Der Rocket-Internet-Chef sucht noch immer das nächste Zalando. Die Erfolgsgeschichte, die Hunderte von Millionen Euro in die Kasse gespült hat, hat sich bislang nicht wiederholt. Die Aktionäre verlieren die Geduld.

Es gebe einen „Interessenkonflikt“, sagte Joakim Andersson, Interims-Chef bei Kinnevik, damals gegenüber dem Handelsblatt. „Unsere Geschäftsmodelle sind sich zu ähnlich geworden. Rocket baut nicht mehr nur junge Firmen auf, sondern investiert auch in größere Unternehmen. Wir tun dasselbe.“

Mit dem Verkauf der Aktien habe man vor allem Gewinne realisieren und für neue Investitionen bereitstellen wollen. Der Zeitpunkt sei günstig gewesen, die Nachfrage da. „Das Investment in Rocket war fantastisch“, betonte Andersson. „Wir haben unseren Einsatz versechsfacht.“

Cristina Stenbeck, die Erbin des schwedischen Familienunternehmens Kinnevik, groß geworden mit Papier- und Holzhandel, hat 2010 erstmals in Rocket Internet investiert – und sich mit Samwers Hilfe ein Portfolio aus E-Commerce-Unternehmen erschaffen. Kinnevik und Rocket investierten gemeinsam in den Modehändler Zalando und in dessen Klon für die Entwicklungsländer, die Global Fashion Group. Mit Stenbecks Geld bauten Samwers Leute Marktplätze in Afrika, und die Online-Möbelhändler Westwing und Home 24.

Zitate von Oliver Samwer

Über Investmentregeln

„Die alte Investorenregel, wonach acht von zehn Engagements in die Hose gehen dürfen, solange zwei das große Geld bringen, lehnen wir ab. Wir wollen, dass aus allen 20 Eiern, die wir bebrüten, ein Küken schlüpft und sich jedes Küken zu einem prachtvollen Vogel entwickelt. Mag sein, dass am Ende das eine Unternehmen am Ende eine Million Euro wert ist und das andere hundert Millionen. Aber wir geben keines unserer Engagements verloren. Notfalls ändern wir das Geschäftsmodell – und niemals lassen wir einen Entrepreneur fallen.“

Oliver Samwer im August 2007 über die Ambitionen des EFF

Über den Kopie-Vorwurf

„Ich verweise gerne auf das Beispiel der Banken. So ist Citibank eine Großbank, aber das Bankenwesen erfunden haben beispielsweise eher die Medici. [...] Es gibt ganz wenige 'Einstein-Unternehmer' wie den Erfinder der Glühbirne oder des Telefons. Aber zu 99 Prozent entscheidet die Umsetzung der Idee. Am Ende kommt es nicht darauf an, ob ich als Erster eine Idee gehabt habe, sondern darauf, ein Unternehmen aufzubauen, das langfristig existiert und Kunden zufriedenstellt. […] In der Internetindustrie gibt es Einsteins und Typen wie Bob, der Baumeister. Ich bin ein Bob, der Baumeister.“

Oliver Samwer zum Copycat-Vorwurf

Über die Beteiligung von Tengelmann

„Im Oktober 2009 habe ich beschlossen: Den Herrn Haub rufe ich an und frage ihn mal, ob er nicht ein Unternehmen für seine Kinder aufbauen möchte. Ich habe ihm gesagt: Ich denke, dass E-Commerce auf jeden Fall passieren wird. Und ich glaube nicht, dass Sie es mit Ihrem Unternehmen alleine schaffen werden. Wollen Sie nicht auf ein zweites Pferd setzen? […] [Andere klassische Händler] setzen nur auf ein Pferd, auf ihr eigenes Pferd. Sie denken: Ich bin Händler, ich kenne das Geschäft seit 30 Jahren, vielleicht schon in der dritten Generation. Das mit dem E-Commerce ist doch nichts anderes als ein Laden oder ein Versandhausgeschäft.“

Oliver Samwer über seine Beteiligungsehe mit Tengelmann

Aus seiner „Blitzkrieg“-Mail

In seiner Zeit bei Groupon schrieb Oliver Samwer eine Mail, die als „Blitzkrieg“-Mail bekannt wurde. Das sind einige Zitate aus dem Dokument:

„Wir müssen den Zeitpunkt für unsere Blitzkrieg weise wählen, also sagt mir jedes Land mit seinem Blut, wenn es soweit ist. Ich bin bereit – immer!“

„Ich gebe euch all mein Geld um zu gewinnen, ich gebe auch all mein Vertrauen, aber wehe, ihr kommt zurück und habt eure Erfolge nicht erreicht.“

„Ich bin der aggressivste Mann im Internet auf dem Planeten. Ich werde sterben, um zu gewinnen, und ich erwarte von euch dasselbe!“

Über die Internationalisierung

„[L]aufen eine Milliarde Inder nackt rum? Oder 240 Millionen Indonesier? Nein, die wollen was kaufen! Die Logik ist doch klar. Wir gehen dorthin, wo es nicht schon 100 Zalandos gibt. […] Am Ende des Tages sind wir Unternehmer, um zu sagen: Was immer dazu notwendig ist. Wenn es nötig ist, dass ich die letzte Meile selbst baue und im Prinzip eine Post entwickle, bin ich auch bereit, die pakistanische Post zu bauen. Warum nicht? Vor sieben Jahren hatten wir keine Ahnung von E-Commerce, vor 15 Jahren hatte ich keine Ahnung vom Internet. […] Wir machen alles, was notwendig ist. Und das kann der Bau von Warenhäusern, der Bau der letzten Meile oder das Mitbringen von Geld ins Land sein.“

Oliver Samwer über die weltweite Internationalisierung

Über Pragmatismus bei der Internationalisierung

„Wir gehen in ein Land immer mit Touristen-Visa. […] Google geht mit Business-Visa. Aber ein Business-Visum zu erhalten kann drei Monate dauern. Ich erinnere mich noch, als eine Art Polizei unsere Büros besucht hat und wir alle zu Hause gearbeitet haben an diesem Tag. Alles war leer, nur Einheimische waren da. […] Ich denke, man muss einfach ultra pragmatisch sein. Und keine Zeit darauf verwenden, was wäre wenn usw. Die Leute denken allgemein zu viel darüber nach, was das Problem ist, worin die Herausforderung besteht. Wirklich, für eine Internationalisierung ist es in jedem Land dasselbe. Nur bei China würde ich sagen, dass ich fernbleibe.“

Oliver Samwer über den Pragmatismus seiner weltweiten Internationalisierung

Über Ambitionen bei Gründungsvorhaben

„Wenn wir jetzt nur noch alle gestarteten Unternehmen möglichst schnell in die Gewinnzone führen würden, wären wir durchfinanziert. Dann bräuchten wir kein frisches Geld mehr. Aber das wäre völlig falsch. Ein Börsengang ist bei sehr vielen unserer Unternehmen das Ziel. In 40 Jahren soll im Wikipedia-Eintrag über uns zu lesen sein, dass niemand weltweit so viele Internet-Unternehmen so systematisch gebaut hat wie wir.“
Oliver Samwer über die Ambitionen seiner weltweiten Gründungsvorhaben

Quelle

Joel Kaczmarek, „Die Paten des Internets“, erschienen im Finanzbuchverlag FBV, ISBN: 978-3-89879-880-8

In den letzten Jahren war in Investorenkreisen öfter von Konflikten zwischen den Parteien die Rede. Auffällig war, dass Kinnevik die gemeinsamen Beteiligungen stets konservativer – meistens niedriger – bewertete als Rocket Internet.

Bei der Hauptversammlung am vergangenen Freitag hatte Oliver Samwer noch gesagt, er wisse nicht, wann die Schweden den Rest ihrer Anteile abstoßen wollten. Nach einem innigen Verhältnis klang das nicht. „Kinnevik ist meistens Mehrheitseigener, dort, wo sie investieren“, sagte Samwer. „Bei uns hatten sie diese Kontrolle nicht.“

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