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28.12.2016

17:01 Uhr

Kommentar zum Veggie-Streit

Es geht um die wahre Wurst

VonFlorian Kolf

Agrarminister Christian Schmidt will Bezeichnungen wie die „vegane Currywurst“ verbieten lassen. Doch mit solchen Forderungen verwechselt der CSU-Mann Lobbyismus mit Politik – und verkauft die Konsumenten für dumm.

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt und der Thüringer Bratwurstkönig sind beide große Liebhaber der guten alten Wurst. Die Bezeichnungen einer fleischlosen Variante des geliebten Produkts findet der Agrarminister schlichtweg „irreführend“ und fordert ein Verbot der Namensgebung. „Als wenn tatsächlich auch nur ein Kunde irrtümlich eine „vegetarische Currywurst“ gekauft – und zu Hause enttäuscht festgestellt hat, dass sie kein Fleisch enthält. So dumm ist nun wirklich kein Konsument“, befindet Handelsblatt-Redakteur Florian Kolf in seinem Kommentar. Findige Leser haben sich auf Facebook und per Mail zu Wort gemeldet und weitere klare Verbrauchertäuschungen ausfindig gemacht. picture alliance/dpa

Fleischfreunde

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt und der Thüringer Bratwurstkönig sind beide große Liebhaber der guten alten Wurst. Die Bezeichnungen einer fleischlosen Variante des geliebten Produkts findet der Agrarminister schlichtweg „irreführend“ und fordert ein Verbot der Namensgebung. „Als wenn tatsächlich auch nur ein Kunde irrtümlich eine „vegetarische Currywurst“ gekauft – und zu Hause enttäuscht festgestellt hat, dass sie kein Fleisch enthält. So dumm ist nun wirklich kein Konsument“, befindet Handelsblatt-Redakteur Florian Kolf in seinem Kommentar. Findige Leser haben sich auf Facebook und per Mail zu Wort gemeldet und weitere klare Verbrauchertäuschungen ausfindig gemacht.

Das wünschen sich doch die Bürger: einen Minister, der für ihre Rechte kämpft. Ganz besonders, wenn es um ihre Interessen als Verbraucher geht. Das weiß auch Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt von der CSU. Deshalb umwirbt er das Wahlvolk mit populären Vorschlägen. Seine neueste Forderung: Vegetarische oder vegane Lebensmittel dürften sich künftig nicht mehr mit Bezeichnungen wie Wurst oder Schnitzel schmücken. Dies sei „komplett irreführend“ und verunsichere die Konsumenten. Das solle im „Sinne einer klaren Verbraucherkennzeichnung“ verboten werden, sagte der Minister in einem Interview.

Doch den Verbraucherschutz bringt Schmidt damit kein Stück weiter. Als wenn tatsächlich auch nur ein Kunde irrtümlich eine „vegetarische Currywurst“ gekauft – und zu Hause enttäuscht festgestellt hat, dass sie kein Fleisch enthält. So dumm ist nun wirklich kein Konsument. Mit dem gleichen Argument müsste der Minister dann auch die Fleischtomate verbieten. Es ist ihm offenbar auch noch nicht aufgefallen, dass in seiner bayerischen Heimat Leberkäse angeboten wird, der weder Leber noch Käse enthält.

Veggie-Produkte: Bundesagrarminister fordert Verbot von Fleischnamen

Veggie-Produkte

Bundesagrarminister fordert Verbot von Fleischnamen

Bundesagrarminister Christian Schmidt will Bezeichnungen wie „vegane Currywurst“ verbieten lassen. Fleischbezeichnungen für vegetarische und vegane Lebensmittel würden als „Pseudo-Fleischgerichte“ Käufer irreführen.

Das zeigt: Dem Minister geht es weniger um Produktklarheit, er bedient publikumswirksam Vorbehalte in einigen Bevölkerungsschichten gegen vegane Ernährung – und das auf Stammtischniveau. Seine Botschaft: Beschmutzt mir nicht das gute deutsche Schnitzel mit dem Etikett vegetarisch oder gar vegan. Wie ideologisch aufgeladen sein angeblicher Kampf für Bürgerrechte und Gesundheit ist, zeigt eine zweite Forderung von ihm im gleichen Interview: In deutschen Kindergärten und Schulen gehöre regelmäßig Schweinefleisch auf den Speisezettel. Natürlich begründet er das auch mit dem Wunsch nach einer ausgewogenen Ernährung. Doch seine Forderung bezieht sich ausdrücklich auf den vermeintlichen Kniefall vor den Essgewohnheiten der steigenden Zahl von muslimischen Kindern. Der Beifall am rechten Rand darf ihm gewiss sein.

Immerhin ist sein Vorgehen konsequent. Denn durch seine ganze bisherige Amtszeit zieht sich ein roter Faden: Der frühere Verteidigungsexperte der CSU sieht sich offenbar als Sturmgeschütz der deutschen Fleischindustrie. Immer wenn er deren Interessen in Gefahr sieht, springt er mit Vorschlägen oder gezielter Abwiegelung von kritischen Stimmen zur Seite. So hat er jüngst das millionenfache Töten männlicher Küken als alternativlos bezeichnet.

Was wirklich hinter den Siegeln steckt

Bio

Das Bio-Siegel der EU wurde im Juli 2010 eingeführt. Ein Produkt, das dieses Label trägt, darf höchsten 0,9 Prozent gentechnisch verändertes Material enthalten und muss zu mindestens 95 Prozent aus ökologischer Landwirtschaft kommen. Vielen Bio-Herstellern sind die Kriterien an das Bio-Siegel nicht scharf genug, deswegen haben sie eigene Siegel wie Demeter oder Naturland, die höhere Anforderungen erfüllen müssen.

Fairtrade

Das Label steht für weltweit gültige Standards, die Kleinbauern stabile und auskömmliche Preise und möglichst direkte Handelsbeziehungen sichern. Dazu gehören auch die Vorfinanzierung der Produktion und ein garantierter Mindestpreis. Bei einem Produkt, das dieses Siegel trägt, müssen alle Zutaten, die unter Fairtrade-Bedingungen erhältlich sind, zu 100 Prozent Fairtrade-zertifiziert sein.

FSC

Die Non-Profit-Organisation Forest Stewardship Council vergibt dieses Siegel, um nachhaltige Forstwirtschaft zu zertifizieren. Die Produzenten müssen dafür zehn Kriterien erfüllen, die die ökonomischen, ökologischen und sozialen Standards bei den Forstbetrieben verbessern sollen. Umweltverbände kritisieren aber immer wieder, das Siegel würde zu leichtfertig vergeben.

MSC

Die private Organisation Marine Stewardship Council, die das Label für nachhaltigen Fischfang vergibt, wurde vom Konzern Unilever und der Naturschutzorganisation WWF gegründet. Betriebe die das Label bekommen, müssen unter anderem Überfischung vermeiden und das Ökosystem schützen. Auch hier gibt es Kritik an der Vergabe, beispielsweise rügt Greenpeace, dass nur 60 bis 80 Prozent der Standards erfüllt sein müssten, damit eine Fischerei das Gütesiegel erhält.

PEFC

Auch dieses Siegel soll die nachhaltige Waldbewirtschaftung sicherstellen. Im Gegensatz zum FSC, das Betriebe zertifiziert, vergibt PEFC das Siegel an Regionen. Die Nachhaltigkeit der Waldbewirtschaftung wird dann auf regionaler Ebene kontrolliert. Die Einhaltung der Standards wird regelmäßig stichprobenartig überprüft. Während das FSC-Siegel meist für Tropenholz verwendet wird, zertifiziert PEFC in der Regel europäische Wälder.

UTZ

Mit dem Label werden nachhaltig angebaute Agrarprodukte gekennzeichnet, speziell Kaffee, Tee und Kakao. Die Produzenten müssen soziale Kriterien festlegen, Anforderungen an die Umweltverträglichkeit erfüllen und eine effiziente Bewirtschaftung sicherstellen. Ein Label für fairen Handel ist UTZ jedoch nicht.

V

Das V-Siegel, das vom Vegetarierbund Deutschland (VEBU) vergeben wird, kennzeichnet vegetarische Lebensmittel. Produzenten müssen für die Zertifizierung ihre Zutatenliste offenlegen und ihre Produktion vor Ort überprüfen lassen. Sie müssen auf jegliche Tierkörperbestandteile, also auch etwa auf Gelatine, verzichten. Es wird inzwischen von über 250 Lizenzpartnern verwendet, zum Beispiel von Alpro, Frosta, Katjes, Valensina und Voelkel.

Deswegen auch macht er gegen den Trend zur fleischlosen Ernährung mobil. Obwohl er bei jeder Gelegenheit betont, er sei ein Gegner von Ernährungsverboten und Essensideologien, beklagt er wortreich die Gefahren bedenklicher Mangelernährung bei einer veganen Ernährung. Natürlich: Ohne künstliche Nahrungszusätze enthält eine rein vegane Ernährung zu wenig Vitamin B12, was insbesondere bei Heranwachsenden zu einer Blutarmut führen kann. Darauf weisen auch viele Ärzte hin. Doch glaubhaft würde Schmidts Engagement für die Volksgesundheit erst, wenn er mit der gleichen Verve auf die unbestreitbaren gesundheitlichen Folgen einer zu fleischlastigen Ernährung hinweisen würde.

Das gilt auch für seinen Vorstoß zum Essen in Schulen und Kindergärten: Das Problem ist weniger das Fehlen von Schwein als das geringe Budget, das in den meisten Einrichtungen für den Mittagstisch zur Verfügung steht. Da ist eine überwiegend vegetarische Ernährung wahrscheinlich gesünder als Gerichte mit Billigfleisch. Doch das ist ihm keine Erwähnung wert.

Selbst wenn Schmidt heikle Themen in der Fleischproduktion anpackt, scheut er davor zurück, harte Maßnahmen zu ergreifen. So rühmt er sich, mit einer Novelle des Arzneimittelgesetzes den Einsatz von Antibiotika in der Tiermast reduziert zu haben. Auf den ersten Blick stimmt das: Durch stärkere Kontrollen hat sich die Verwendung von Antibiotika im Tierbereich seit 2011 mehr als halbiert. Doch die eigentlich größte Gefahr, vor der alle Ärzte warnen, ist der zunehmende Einsatz sogenannter Reserveantibiotika in der Tiermast. Diese Wirkstoffe sind eigentlich das letzte wirksame Mittel bei der Behandlung von Menschen gegen resistente Keime.

Die Horrorvorstellung der Mediziner: In der Tiermast eingesetzt, können auch diese Arzneimittel bald ihre Wirksamkeit verlieren. Doch ein Verbot lehnt Schmidt ab, das sei rechtlich und medizinisch nicht möglich, behauptet er. Nur eine Reduktion strebt er an, ohne dafür bereits konkrete Maßnahmen vorgestellt zu haben. Die Tiermäster werden es ihm danken. Offenbar verwechselt der Minister Politik mit Lobbyarbeit – und das führt zu einer bedenklichen Schieflage in seiner Arbeit.

Kommentare (6)

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Herr Peter Petersen

28.12.2016, 17:23 Uhr

Dem Kommentar kann ich nur Zustimmen.
Aber der Wähler in Deutschland ist so Dumm.
Das ist das Problem.
Warum sonnst kann VW in Deutschland noch Autos verkaufen?
Solange VW nicht auch die Deutschen Käufer entschädigt,
sagt jeder Käufer ich will beschissen werden.
Jeder Christ kennt das mit den 7 Fetten und 7 Mageren Jahren.
Denkt an die Rente und fragt warum die C Parteien kein Lösung für
die Gesetzliche Rente Sehen.
Fragt die SPD als Arbeitnehmer Partei nach H4 und Leiharbeit

Und trotzdem werden die noch gewählt.
Also wir sind so dumm

Ali Baba

28.12.2016, 17:28 Uhr

Vegi Wurscht wichtig für Ali wie laue warme Wurscht für Hauptversammlung von die Stinkerauto.

Herr Martin Wienand

28.12.2016, 17:42 Uhr

Schmidt ist unerträglich. Sein kleiner Trick mit dem Scannen von Eiern für 2017 (jetzt wohl frühestens 2019) bringt über 100.000.000 Küken zusätzlich in den Schredder.

Und der unglaublich massive Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung wird hier vielen Menschen das Leben kosten. Besonders auch Kindern, deren Immunsystem noch nicht so ausgebaut ist.

Ich weiß gar nicht, wie Schmidt das mit seinem Gewissen vereinbaren kann.

Mit meinem Gewissen ist es nicht mehr vereinbar, die CSU zu wählen.

Danke an die Handelsblatt-Redaktion für den guten Artikel.

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