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29.04.2015

11:54 Uhr

Kommentar zur Lufthansa

Zu viele Baustellen für Carsten Spohr

VonJens Koenen

Lufthansa-Chef Carsten Spohr will die Germanwings-Katastrophe für einen Neustart bei dem Konzern nutzen. Doch sein Konzept verfängt bei den Aktionären nicht so richtig. Ein Kommentar.

Der Lufthansa-Chef will bei dem Konzern einen Neustart wagen. ap

Carsten Spohr

Der Lufthansa-Chef will bei dem Konzern einen Neustart wagen.

HamburgSie sollen Lufthansa in die Zukunft führen, den Konzern wettbewerbsfähig machen: die Billigangebote auf der Kurz- und Langstrecke. Doch der Plan von Konzernchef Carsten Spohr will bei den Aktionären nicht so richtig verfangen. Viele sind skeptisch, vor allem was die Billigpläne zu touristischen Zielen angeht. Der oberste Lufthanseat musste sich im Congress Center Hamburg kritischen Fragen stellen.

Nun müssen die Billigangebote nicht bei den Aktionären ankommen, sie müssen in erster Linie die Kunden überzeugen. Und vielleicht hat Spohr ja den richtigen Riecher. Vielleicht warten da draußen viele Fluggäste darauf, von einer neuen Airline, auf deren Leitwerk Eurowings steht, in den Urlaub geflogen zu werden.

Der Autor ist Redakteur im Ressort Unternehmen und Märkte. Pablo Castagnola

Jens Koenen

Der Autor ist Redakteur im Ressort Unternehmen und Märkte.

Doch Fragen bleiben. Etwa die, warum eine zusätzliche Wettbewerbsfront mit Tourismus-Airlines wie Condor oder Air Berlin öffnet? Hat der Kranich etwa nicht genug Rivalen, die Golf-Carrier, Turkish Airlines und Billig-Fluggesellschaften wie Ryanair und Easyjet? Er hat. Die Rivalen haben ihre Angriffe in der schwersten Krise der „Hansa“ nicht zurückgestellt.

Klar, Spohr kann den deutschen und europäischen Markt nicht einfach weitgehend dem Wettbewerb überlassen. Anders als etwa British Airways hat Lufthansa kein zentrales Drehkreuz wie London, das alleine genug Passagiere für die eigene Flotte bereitstellt. Der deutsche Branchenprimus braucht dazu mindestens zwei Drehkreuze, Frankfurt und München. Damit braucht er aber auch zumindest ein europäisches Netz mit einer gewissen Größe.

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Doch die Idee, auch mit dem Billigkonzept auf die Langstrecke zu gehen, lässt sich damit nicht begründen. Spohr bestreitet, dass dieser Plan nur ein Experiment ist. Man sei mit vollem Ernst bei der Sache. Doch die Geduld der Aktionäre ist begrenzt. Das hat die Hauptversammlung in Hamburg gezeigt. Der Druck auf den Lufthansa-Chef ist gewachsen.

Es sieht so aus, als will Spohr die Katastrophe zu einer Art Neuanfang nutzen. Das Angebot an die Pilotengewerkschaft, ab sofort über alle offenen Fragen in einer Verhandlung sprechen zu wollen, ist hierbei ein wichtiger Schritt. Doch wichtiger ist noch, dass alle Gruppen im Konzern künftig ihre Partikularinteressen etwas stärker in den Hintergrund stellen und gemeinsam an der strategischen Neuausrichtung des Konzerns arbeiten. Und dabei sollte auch die Strategie noch einmal intensiv geprüft werden. Nur so kann die Lufthansa ihr Ziel erreichen: die Nummer eins zu werden – bei den Passagieren aber auch bei den Aktionären.

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Quelle: dpa

Billig-Airlines

Vor allem der größte europäische Player im Billigsegment, Ryanair, heizt den Wettbewerb an. Nachdem die Iren über Jahre vor allem auf kleinere Flughäfen in der Provinz gesetzt hatten, bedienen sie nun zunehmend auch große Flughäfen wie Berlin oder Köln. Zudem bieten inzwischen auch Billig-Airlines gegen entsprechenden Preisaufschlag Leistungen an, die sich vor allem an Geschäftsreisende richten – ein Segment, in dem vor allem etablierte Fluggesellschaften unterwegs sind.

Expansive arabische Konkurrenten

Emirates, Qatar Airways und Etihad punkten vor allem auf der lukrativen Langstrecke. Die Airlines vom arabischen Golf haben rasante, von den Herrscher-Familien unterstützte Wachstumspläne. Weite Teile des Verkehrs nach Südostasien und Ozeanien haben sie bereits fest im Griff und bei einigen europäischen Airlines sitzen sie mit am Steuerknüppel – zum Beispiel Etihad bei Air Berlin oder Alitalia.

Probleme mit dem Personal

Ein Tarifkonflikt ist nach wie vor ungelöst: Der Dauerstreit mit den Piloten kann nach bisher 13 Streikrunden jederzeit wieder eskalieren. Die Kabinengewerkschaft UFO war im November in einen einwöchigen Streik getreten, einigte sich mit Lufthansa im Januar aber auf Eckpunkte eines neuen Tarifvertrags. Für das Bodenpersonal gab es zuvor schon eine Einigung mit der Gewerkschaft Verdi.

Das komplizierteste Thema bei den Piloten sind die vom Unternehmen zum Jahresende 2013 gekündigten Betriebs- und Übergangsrenten. Lufthansa will künftig nur noch feste Arbeitgeberbeiträge zahlen, aber nicht mehr für die endgültige Rentenhöhe garantieren.

Eurowings-Konzept

Neben der klassischen Premium-Lufthansa baut Lufthansa-Chef Spohr eine Billigschiene mit Eurowings auf, die im Europa-Verkehr Ryanair oder Easyjet Paroli bieten soll. Kern des Konzepts ist „Eurowings Europe“ mit Sitz in Wien. Derzeit stellt sie Piloten zu deutlich geringeren Gehältern ein, als bei der Lufthansa-Mutter gezahlt werden.

Der Konzernumbau belastet die Tarifverhandlungen, insbesondere mit den Piloten. Außerdem läuft es bei Eurowings selbst noch nicht rund. Die neue Billig-Airline hat mit Verspätungen auf ihren Fernflügen zu kämpfen.

Germanwings-Absturz

Der vom Co-Piloten Andreas L. im Frühjahr herbeigeführte Absturz einer Germanwings-Maschine mit 150 Toten war das größte Unglück in der Geschichte des Lufthansa-Konzerns. Finanzielle Soforthilfe von zunächst 50.000 Euro pro Opfer wurde schnell auf den Weg gebracht. Um Schmerzensgeldzahlungen ist allerdings ein Millionenpoker entbrannt. Opfer-Anwälte lehnten die Lufthansa-Vorschläge als zu niedrig ab.

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