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21.01.2010

10:25 Uhr

Konzertveranstaltung

Plattenfirmen wagen die totale Vermarktung

VonSilke Bigalke

Weil ihnen der CD-Verkauf allein immer weniger Geld bringt, versuchen sich die großen Musiklabels nun zusätzlich als Konzertveranstalter und bauen eigene Agenturen auf. Die Branche kündigt bereits Widerstand an - und auch die Stars drohen die Plattenfirmen zu verlassen.

Mundharmonika-Spieler Michael Hirte ließ sich durch Sony Music vermarkten. dpa

Mundharmonika-Spieler Michael Hirte ließ sich durch Sony Music vermarkten.

KÖLN. Sie können alles von Michael Hirte haben. Den Castingshow-Gewinner mit der Mundharmonika bekommen Fans nicht nur auf CD, sondern auch auf Tour, auf T-Shirts, Tassen, einer Lern-DVD für Mundharmonika-Anfänger oder in der Hirte-Biografie. Die Rechte, all diese Produkte zu vermarkten, lagen bis Jahresanfang bei einer Tochterfirma von Sony Music, bei der Hirte damals unter Vertrag stand. Wie alle großen Plattenfirmen gibt sich Sony längst nicht mehr nur mit Platten zufrieden. In einer Branche, in der die CD-Verkäufe seit Jahren sinken, ist der Wettlauf auf den übrigen Geschäftsfeldern in vollem Gange.

Die Strategie der Musikindustrie heißt 360-Grad-Konzept - statt nur CDs zu verkaufen, vermarkten die Firmen ihre Künstler komplett. "2009 haben wir 30 Prozent unseres Umsatzes außerhalb des klassischen Tonträgergeschäfts gemacht", sagt Johannes Hugger, der bei Sony für neue Projekte zuständig ist. Das Unternehmen ist als erstes der vier Major-Labels Sony, Warner, Universal und Emi vor zwei Jahren ins Live-Geschäft eingestiegen, indem es Anteile an Veranstaltungsagenturen kaufte.

Ein vielversprechender Ansatz, denn von 1995 bis 2007 sind die Umsätze in diesem Bereich permanent gestiegen. 2008 machten Musikveranstaltungen einen Umsatz von 2,6 Mrd. Euro. Heute sind Konzerte und daran gekoppelte Sponsorenverträge die wichtigste Einnahmequelle vieler etablierter Künstler.

Ein Beispiel sind die Fantastischen Vier, die mit Four Artists ihre eigene Konzertagentur betreiben. "Unsere CDs sind nur noch das Marketinginstrument für unser eigentliches Geschäft, nämlich live zu spielen. Das ist aus Plattenfirmensicht natürlich eine sehr unentspannte Situation", sagt Sänger Smudo.

Das ist verständlich: Die Labels haben in die Vermarktung der Künstler investiert und möchten von deren Erfolgen profitieren. Die Mehrheit möchte daher eigene Booking-Agenturen aufbauen. Die Veranstalter sind vom Vorgehen der Plattenfirmen nicht begeistert. "Jetzt wollen Menschen Konzerte veranstalten, die nicht mal ihr eigenes Kerngeschäft in den Griff bekommen haben", wettert Jens Michow, Präsident des Bundesverbands der Veranstaltungswirtschaft.

Dabei ist das große Geld auch im Konzertgeschäft nicht garantiert. 2008 kamen 32,7 Mio. Menschen zu Live-Veranstaltungen, das waren 1,3 Mio. weniger als 2007. Obwohl die Tickets teurer geworden sind, sank der Umsatz der Branche 2008 um sieben Prozent. Auch für 2009 erwartet Michow einen Rückgang.

Gleichzeitig wird der Wettbewerb härter: Während Konzerte von Stars wie AC/DC oder U2 schnell ausverkauft sind, nehmen sich die kleineren Bands gegenseitig die Zuschauer weg. "In Großstädten macht sich ein Veranstalter inzwischen selbst Konkurrenz, weil er am selben Abend mehrere Top-Konzerte anbietet", sagt Experte Michow.

Kommentare (1)

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Jonas

21.01.2010, 14:03 Uhr

"2008 kamen 32,7 Mio. Menschen zu Live-Veranstaltungen, das waren 1,3 Mio. weniger als 2007. Obwohl die Tickets teurer geworden sind, sank der Umsatz der branche 2008 um sieben Prozent"

Laffer Punkt der maximalen Rendite überschritten, wer zu gierig ist, den bestraft der Kunde durch fernbleiben. Das nennt man Martwirtschaft, es wäre besser, die Aktuere würden das mal lernen.

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