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20.08.2011

09:17 Uhr

Krankenkasse

AOK wirft Apotheken organisierten Rezeptbetrug vor

Deutsche Apotheken haben nach Darstellung der AOK bundesweit im großen Stil Rezepte falsch abgerechnet. Die Ortskrankenkassen wollen nun die Staatsanwaltschaften einschalten. Der Apotheker-Verband wehrt sich.

Medikamente in der Schublade eines Apothekenschranks in Frankfurt am Main. Laut Allgemeinen Ortskrankenkassen haben Apotheken Medikamente im großen Stil falsch abgerechnet. ap

Medikamente in der Schublade eines Apothekenschranks in Frankfurt am Main. Laut Allgemeinen Ortskrankenkassen haben Apotheken Medikamente im großen Stil falsch abgerechnet.

BerlinInsgesamt dürften mehrere Tausend Apotheken Medikamente zulasten der Allgemeinen Ortskrankenkassen abgerechnet haben, die gar nicht auf dem Markt gewesen seien, teilte der AOK-Bundesverband am Freitag in Berlin mit. Was an die Patienten stattdessen abgegeben worden sei, könne anhand der Rezepte nicht nachvollzogen werden. „Die AOK prüft derzeit die Vorfälle und wird entsprechend die zuständigen Staatsanwaltschaften einschalten“, fügte der Sprecher hinzu.

Nach Angaben der AOK wurden allein im Juni mehr als 30.000 Fälle bekannt, in denen Rezepte mit einem derzeit nicht am Markt befindlichen anderen Medikament bedruckt und abgerechnet wurden. Eine akute Gesundheitsgefahr für Patienten bestehe aber nicht, wenn es sich bei den tatsächlich abgegebenen Medikamenten um wirkstoffgleiche Präparate handele. Das Präparat müsse aber insbesondere aus Gründen der Arzneimittelsicherheit zwingend auf dem Rezept vermerkt werden.

Bei den bekanntgewordenen Fällen handelt es sich der AOK zufolge möglicherweise „um die Spitze eines Eisberges“. Derart falsch abgerechnete Arzneimittel fielen im Normalfall nicht auf. Der Stein sei ins Rollen gekommen, weil in einem Fall das aufgedruckte Medikament nachweislich noch nie am Markt verfügbar gewesen sei, der Hersteller aber trotzdem Rechnungen für den gesetzlich festgelegten Großhandelsrabatt erhalten habe.

Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) wies die Kritik zurück. Der AOK-Bundesverband verunsichere „wider besseren Wissens“ die Öffentlichkeit und versuche, eigene Fehler zu kaschieren. Eigentliches Problem seien die Rabattverträge der AOK mit Pharmaherstellern, erklärte die ABDA. Einige Hersteller, die einen Zuschlag von der AOK erhalten hätten, seien noch immer nicht lieferfähig. „Das heißt faktisch: Die Apotheke ist verpflichtet, ein Medikament abzugeben, das nicht existiert.“ Trotzdem hätten die Apotheken zigtausende AOK-Patienten in dieser Lage versorgen müssen. „Das haben die Apotheken getan und haben wirkstoffgleiche Arzneimittel gesucht, abgegeben und damit den Patienten versorgt.“

AOK: Mindestens 30.000 Verdachtsfälle

Laut AOK kann in mindestens 30.000 Fällen nicht mehr über die Rezepte zurückverfolgt werden, welcher Patient welches konkrete Medikament erhalten habe. Komme es etwa zu einem Rückruf des Medikaments - etwa bei einer gefährlichen Verunreinigung oder Falschdosierung - sei eine direkte Information der Patienten nicht möglich. Bei den falsch bedruckten Rezepten gehe es deshalb in erster Linie nicht um Abrechnungsbetrug, „sondern vor allem um einen relevanten Verstoß gegen die Arzneimittelsicherheit“, fügte der Sprecher hinzu. Es gebe keine Konstellation, in der eine Apotheke ein anderes Medikament abrechnen dürfe als abgegeben.

Der Chef des Deutschen Apotheker Verbandes (DAV), Fritz Becker, nannte es grotesk, wenn die AOK Rabattverträge mit Herstellern abschließe, die nicht eine einzige Packung liefern könnten „und am Ende die Apotheken für die Folgen verantwortlich gemacht werden“. Fehlerhafte Dokumentationen müssten korrigiert und klargestellt werden. Dies sei jedoch zwischen AOK und DAV und durch Mitteilungen an die Apothekerverbände längst geklärt.

Die Pharmaindustrie zeigte sich besorgt, dass sie wegen der möglichen Falschabrechnungen zu viele Abschläge gezahlt haben könnte. Es müsse ein Weg gefunden werden, dass diese nur dann geltend gemacht würden, wenn die jeweilige Arznei auch abgegeben worden sei, sagte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie (BPI), Henning Fahrenkamp.

Von

rtr

Kommentare (5)

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poolliter

20.08.2011, 11:16 Uhr

Wir haben in Deutschland die höchsten Preise für Medikamente.
Trotzdem funktioniert das System anscheinend nicht. Wirklich großartige Gesundheitsreformen der Regierung(en)

deruebersWassergehenkann

20.08.2011, 11:39 Uhr

und, welche Träumer überrascht das nun wieder?
es wird bei uns doch an jeder Ecke beschissen, betrogen und bestochen, warum soll das bei den Apotheken anders sein
darüber hinaus müsste jedem wirtschaftlich halbwegs bewanderten Idioten klar sein, dass unsere Arzneimitteldistribution a) viel zu teuer ist und b) aufgrund der begrenzten Umsätze pro Apotheke kaum eine vernünftige Rentabilität zu erzielen ist. Also schaut jeder Apotheker, wo er bliebt. Gehen die legalen Möglichkeiten aus, dann nutzt man eben illegale.
Warum soll eine Apotheke anders funktionieren als ein Tante-Emma-Laden? Diese sind seit den 70er Jahren mangels Rentabilität aber so ziemlich alle verschwunden bzw. in Filialbetrieben aufgegangen. Die Struktur bei den Apotheken hat sich dagegen kaum verändert, obwohl das Geschäftsmodell sich kaum unterscheidet.
Wenn man es sich leisten will, teilweise im Umkreis von 500m drei Apotheken zu haben, dann hat dies eben seinen Preis.
Offensichtlich sind unsere Lehrer-, Beamten-, Juristenpoliktiker aber nicht in der Lage, selbst diese einfachen wirtschaftlichen Zusammenhänge zu verstehen. Deshalb kommt bei Gesundheitsreformen eben nur Schwachsinn raus.

Jupiter

20.08.2011, 11:44 Uhr

Auf das Medikament scheint es gar nicht anzukommen. 30.000 ein nicht verordnetes Medikament verkauft. Darf der Apotheker die Anordnung eines Arztes verändern ? Und das auch noch ohne Beleg für die Übernahme der Verantwortung ?

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