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27.10.2015

16:41 Uhr

Krebswarnung der WHO

Deutschland verteidigt die Ehre seiner Wurst

VonElena Brenk-Lücke

Fleischkonsum erhöht die Krebsgefahr, warnt die WHO. Wurst und Schinken seien gefährlich. Die deutschen Fleischhersteller fühlen sich zu Unrecht beschuldigt. Was aber sagt der Verbraucher?

Vor allem rotes Fleisch

800 Studien: WHO stuft Wurst als krebserregend ein

Vor allem rotes Fleisch: 800 Studien: WHO stuft Wurst als krebserregend ein

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Düsseldorf„Wenn wir all das aus unserer Ernährung streichen würden, was die WHO als krebserregend bezeichnet, können wir zurück in die Höhlen gehen“, kommentierte der australische Agrarminister Barnaby Joyce am Dienstag die jüngste Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Deren Krebsforschungsagentur (IARC) hatte am Montag davor gewarnt, dass der regelmäßige Verzehr von Wurst, Schinken und anderem verarbeiteten Fleisch das Krebsrisiko erhöhe. Demnach gehen pro Jahr 34.000 Krebstodesfälle auf verarbeitetes und möglicherweise 50.000 auf rotes Fleisch zurück. Zum Vergleich: Das Rauchen verursacht laut IARC eine Million Krebstote pro Jahr, Alkohol 600.000 und Luftverschmutzung 200.000.

Joyce ist nicht der Einzige, dem die Studie übel aufstößt. „Niemand muss Angst haben, wenn er mal eine Bratwurst isst. Die Menschen werden zu Unrecht verunsichert, wenn man Fleisch mit Asbest oder Tabak auf eine Stufe stellt,“ sagte der deutsche Agrarminister Christian Schmidt (CSU). Auch die deutschen Hersteller kritisieren die Studie hart. So hat der Schutzverband Schwarzwälder Schinkenhersteller der WHO eine Verunsicherung der Verbraucher vorgeworfen. Die WHO habe ihre Vorwürfe nicht mit Zahlen belegt, die Debatte sei ideologisch gefärbt, sagte Verbandschef Hans Schnekenburger. Von Schinken gehe keine Gesundheitsgefahr aus. Er könne ohne Bedenken gegessen werden.

Ungesunder Fleischkonsum: WHO stuft Wurst als krebserregend ein

Ungesunder Fleischkonsum

WHO stuft Wurst als krebserregend ein

Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) stufen verarbeitete Fleischprodukte wie etwa Wurst als krebserregend ein. Der regelmäßige Konsum solcher Produkte könne die Entwicklung von Darmkrebs begünstigen.

Der Bundesverband der Deutschen Fleischwarenindustrie bestätigte das. „Für die Entstehung von Krebs ist sicherlich nicht ein einzelnes Lebensmittel verantwortlich, sondern auch weitere Einflussfaktoren wie die persönliche Lebensweise, erbliche Vorbelastungen oder Umwelteinflüsse.“ Andere Unternehmen wollten sich gegenüber dem Handelsblatt nicht äußern. Auch ein Sprecher des Unternehmens Tannenhof, ein Schwarzwälder-Schinken-Hersteller, wollte die Studie gegenüber dem Handelsblatt nicht kommentieren, wies aber darauf hin, dass deren Ergebnisse nicht neu seien.

Und tatsächlich: Bereits 2012 warnten Harvard-Mediziner: Wer täglich rotes Fleisch, Wurst oder Schinken isst, verkürzt seine Lebenserwartung deutlich. Es folgten diverse Studien, die einen Zusammenhang zwischen hohen Fleischkonsum und einer schweren Erkrankung sehen. Auf insgesamt 800 solcher Studien hat sich die WHO jetzt gestützt und die Erkenntnisse noch einmal bestätigt.

Genau das kritisiert der Verein Die Lebensmittelwirtschaft. Ihm fehlen „klare wissenschaftliche Beweise dafür“, dass rotes oder verarbeitetes Fleisch wirklich ursächlich krebserregend sei. „Bislang konnte nie wissenschaftlich geklärt werden, welche Inhaltsstoffe aus dem Fleisch dem Menschen schaden könnten – ob es also tatsächlich das Fleisch selbst ist, oder vielleicht doch eher die Verarbeitung durch Pökeln, Räuchern oder Fermentieren“, sagt Geschäftsführer Stephan Becker-Sonnenschein. Eine Erklärung liefere die neue WHO-Studie jedenfalls nicht.

Die zehn größten Fleischwaren-Konzerne in Deutschland

Platz 10

Auf Platz 10 rangiert die Sprehe-Gruppe aus dem niedersächsischen Lorup. Der Konzern, der vor allem mit Geflügel sein Geld macht, verzeichnete 2014 einen Umsatz vom 800 Millionen Euro (2013: 780 Millionen Euro).
Quelle: fleischwirtschaft.de

Platz 9

Mit 825 Millionen Euro Umsatz in 2014 liegt die Zur-Mühlen-Gruppe auf Platz 9. Der Produzent der bekannten Böklunder Würstchen erreichte auch 2013 schon einen Umsatz in gleicher Höhe.

Platz 8

Kaufland Fleischwaren kommt mit einem Umsatz von 830 Millionen Euro 2014 auf den achten Rang (2013: keine Angabe). Die Fleischbetriebe sind Teil der Unternehmensgruppe Kaufland.

Platz 7

Die Müller Gruppe aus der Nähe von Pforzheim schlachtet hauptsächlich Rinder und Schweine und kam damit 2014 auf einen Umsatz von 885 Millionen Euro (2013: 883 Millionen Euro) – Platz 7.

Platz 6

2013 erwirtschaftete die Rothkötter Unternehmensgruppe erstmals einen Umsatz von einer Milliarde Euro. 2014 konnte das Unternehmen der Geflügelbranche diesen Umsatz bestätigen und landet damit auf Rang 6.

Platz 5

Die Heristo Aktiengesellschaft aus dem niedersächsischen Bad Rothenfelde steht auf dem fünften Platz im Ranking. Das schon seit 1913 bestehende Unternehmen erwirtschaftete 2014 einen Umsatz von 1,45 Milliarden Euro (2013: 1,48 Milliarden Euro).

Platz 4

Die PHW-Gruppe ist der größte deutsche Geflügelzüchter und -verarbeiter. Das Unternehmen mit der bekannten Marke Wiesenhof landet mit 2,27 Milliarden Euro Umsatz 2014 auf Rang 4 (2013: 2,21 Milliarden Euro).

Platz 3

Mit einem Umsatz von 2,51 Milliarden Euro in 2014 ist der Konzern Westfleisch aus Münster das drittgrößte fleischverarbeitende Unternehmen in Deutschland (2013: 2,51 Milliarden Euro).

Platz 2

Vion Food Germany ist der deutsche Ableger des niederländischen Nahrungsmittelkonzerns Vion N. V. Der Umsatz 2014 betrug 3,29 Milliarden Euro (2013: 3,7 Milliarden Euro), das bedeutet Rang 2.

Platz 1

Die Tönnies-Gruppe aus dem nordrhein-westfälischen Rheda-Wiedenbrück ist Deutschlands größter Schlachtbetrieb für Schweine. Der Umsatz des Familienunternehmens lag 2014 bei 5,6 Milliarden Euro und damit auf dem gleichen Wert wie 2013. Damit liegt die Tönnies-Gruppe auf Platz 1 der Fleischproduzenten.

Was bedeutet sie jetzt aber für den Verbraucher? Sollte er Fleisch ab sofort komplett vom Speiseplan verbannen? Wie die IARC selbst eingeräumt hat, ist das individuelle Risiko, Darmkrebs durch Fleischkonsum zu bekommen, relativ gering. Es steigt jedoch mit der Menge des konsumierten Fleischs. Deshalb raten Ernährungsexperten seit Jahren schon zu einer gesunden Lebensweise mit viel Bewegung, einer möglichst ausgewogenen Ernährung und einem maßvollen Fleischkonsum.

Die Gesellschaft für Ernährung empfiehlt beispielsweise, nicht mehr als 300 bis 600 Gramm Fleisch und Wurstwaren pro Woche zu essen. An diesem Grundsatz rüttelt auch die Studie nicht. Ganz im Gegenteil: Laut WHO-Chef Christopher Wild bestätigte sie einmal mehr die geltenden Gesundheitsempfehlung.

Für den Verbraucher heißt das also: Entwarnung. Alles bleibt beim Alten. Oder um es mit den Worten des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann zu sagen: „Alles ist Gift, nur die Dosis entscheidet die Wirkung.“

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