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21.01.2013

17:11 Uhr

Krise der Schifffahrt

Die deutsche Handelsflotte muss schrumpfen

Die deutsche Handelsflotte steht vor einer Schrumpfkur. Nach vier Jahren Krise sind etliche Reedereien finanziell ausgezehrt. Die größte Charterreederei trennt sich nun zwangsweise von 14 Schiffen.

Containerschiffe im Hafen von Hamburg. dpa

Containerschiffe im Hafen von Hamburg.

HamburgDie Krise in der Schifffahrt hält unvermindert an und kostet die Anleger in Schiffsfonds sehr viel Geld. Die Hamburger Reederei Claus-Peter Offen muss auf Druck der Banken 14 kleinere Containerschiffe verkaufen, die ihre Kredite nicht mehr bedienen können. Die Anleger mochten kein frisches Geld mehr in die Schiffe investieren. „Die finanzierenden Banken haben nunmehr erklärt, dass sie die Kapitalmaßnahme als gescheitert betrachten“, heißt es in einem Schreiben an die Anleger, das der Nachrichtenagentur dpa vorliegt. Sie sollen dem Verkauf zustimmen.

Für die Anleger bedeutet das den Totalverlust ihres eingezahlten Kapitals. Der Verkaufserlös für die gebrauchten Schiffe wird nicht ausreichen, um die Kredite der Schiffsbanken zu tilgen. Die hoffen, bei einem geordneten Verkauf mehr zu erlösen als bei einer Insolvenz und einer Zwangsversteigerung. Die Reederei Offen dirigiert mehr als 100 Schiffe, die meisten davon Containerfrachter, und ist damit die größte deutsche Charterreederei.

Die größten Werft-Pleiten Deutschlands

Mai 1996

Der Bremer Vulkan geht als größter deutscher Werftenverbund in Konkurs. Knapp 2000 Beschäftigte verlieren ihren Job. Der Konzern hatte umgerechnet mindestens 435 Millionen Euro Subventionen zweckentfremdet, die eigentlich für Tochterfirmen in Ostdeutschland bestimmt waren. Der im Herbst 1995 zurückgetretene Vorstandschef Friedrich Hennemann und zwei weitere Mitarbeiter werden später wegen Untreue zu Bewährungsstrafen verurteilt.

Februar 2004

Die Lloyd Werft Bremerhaven mit rund 500 Beschäftigten beantragt Insolvenz. Die finanziellen Probleme entstanden vor allem durch die Havarie des gekenterten Kreuzfahrtschiffes „Pride of America“. In der Folgezeit gelingt die Sanierung des Unternehmens, 2006 steigen die italienische Staatswerft Fincantieri und eine Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Landes Bremen als Gesellschafter ein. 2011 arbeiten 200 Menschen bei Lloyd.

September 2008

Die Kieler Traditionswerft Lindenau stellt Insolvenzantrag. Die auf Doppelhüllen-Tanker spezialisierte Werft verfügt nach eigenen Angaben über Aufträge von zusammen 225 Millionen Euro. Anfang 2012 geht der Millionenauftrag für eine größere Reparatur des Marine-Segelschulschiffes Gorch Fock an die Konkurrenz. Von den ehemals 370 Beschäftigten arbeiten noch 38 bei Lindenau.

Januar 2009

Die Bremerhavener Schichau Seebeck Werft meldet Insolvenz an. Offene Verbindlichkeiten bei Lieferanten konnten trotz eines gut gefüllten Auftragsbuches nicht beglichen werden. Auf der Werft arbeiten mehr als 300 Beschäftigte. Kurz darauf wird die Werft geschlossen.

Juni 2009

Für die Wadan-Werften in Wismar und Rostock-Warnemünde wird trotz staatlich verbürgter Kredite in dreistelliger Millionenhöhe Insolvenz beantragt. Es scheitern zunächst alle Versuche, vorhandene Aufträge zu sichern und neue Investoren zu finden. Im August stimmt der Gläubigerausschuss dem Verkauf an den russischen Investor Igor Jussufow zu, der mit 40,5 Millionen Euro einsteigt. Auf den später in Nordic Yards umbenannten Werften arbeiten 2011 noch knapp 970 der einst 2400 Beschäftigten.

November 2011

Deutschlands älteste Werft, die Hamburger Sietas-Gruppe, geht in die Insolvenz. Im Juni 2012 wird das Unternehmen zerschlagen: Die Sietas-Werft geht an die niederländische Veka-Gruppe. Die Bremer Lürssen-Gruppe übernimmt die Reparaturwerft Norderwerft. Die norwegische TTS Group ASA erhält den Zuschlag für die Neuenfelder Maschinenfabrik. Seit dem Insolvenzantrag sind 350 der ehemals 1000 Arbeitsplätze gestrichen worden.

29. August 2012

Die P+S-Werften stellen beim Amtsgericht Stralsund einen Insolvenzantrag für die beiden Schiffbaubetriebe in Stralsund und Wolgast. Knapp 2000 Beschäftigte bangen um ihre Jobs.

Deutschland ist durch die Finanzierungsmodelle der Schiffsfonds zu einer der weltweit führenden Schifffahrtsnationen geworden. Die Anleger brachten das Eigenkapital auf, die Schiffsbanken gaben Fremdkapital und die Reedereien vercharterten die Schiffe an den Meistbietenden. Das war bis 2008 ein sicheres und einträgliches Geschäft, weil die Schifffahrt über Jahrzehnte ein Markt mit teils zweistelligen Wachstumsraten war. 2007 sammelten die Schiffsfonds noch rund drei Milliarden Euro bei Anlegern ein.

So bauten die deutschen Reeder eine der größten Handelsflotten der Welt auf, mit mehr als 3700 Schiffen und einer großen Dominanz vor allem in der Containerschifffahrt. Im Glauben, dass sich das Wachstum weiter fortsetzen werde, bestellten die Reeder weit mehr Schiffe als gebraucht wurden.

Mit der Finanz- und Wirtschaftskrise brachen die Preise völlig zusammen, für den Gütertransport, für das Chartern eines Schiffes und für gebrauchte Schiffe. Nach den meisten Prognosen werden die Schifffahrtsmärkte erst im nächsten Jahr wieder ein Gleichgewicht finden.

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