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10.01.2012

13:43 Uhr

Kritik an Arbeitsbedingungen

„Aldi, Lidl und Kik hängen sich Sozialmäntelchen um“

VonIlka Kopplin

Billig, billiger, menschenunwürdig: Vor fünf Jahren prangerte eine Nichtregierungsorganisation die Discounter Lidl, Aldi und Kik für die Arbeitsbedingungen ihrer Zulieferer an. Jetzt wurden erneut Mitarbeiter befragt.

DüsseldorfMassive Vorwürfe hatte die Kampagne für Saubere Kleidung (CCC) im Auftrag der Christlichen Initiative Romero vor fünf Jahren nach einer ersten Befragung von Mitarbeitern in den Textil-Zulieferbetrieben von Lidl, Aldi und Kik erhoben. Eine aktuelle Befragung in Bangladesch, China, Indien und anderen Billiglohnländern zeigt: Die Situation ist nach wie vor verheerend.

 

Aldi, Lidl und Kik haben an den Arbeitsbedingungen der Zulieferbetriebe in Billiglohnländern nach wie vor nichts verändert. dpa

Aldi, Lidl und Kik haben an den Arbeitsbedingungen der Zulieferbetriebe in Billiglohnländern nach wie vor nichts verändert.

Die Umfrage belegt: Die Mehrheit der Mitarbeiter schuftet weiterhin ohne einen Arbeitsvertrag, Überstunden zwischen 30 und 100 Stunden monatlich sind eher die Regel als die Ausnahme und werden nicht ausreichend bezahlt. „Das Arbeitspensum ist de facto so immens, dass es nicht ohne Überstunden zu schaffen ist“, sagt Sandra Dusch Silva von der Christlichen Initiative Romero.

Eine Sechs-Tage-Woche und Arbeitsschluss um Mitternacht sei daher nichts Ungewöhnliches. Gewerkschaftliche Organisierung wird nach wie vor unterbunden und Diskriminierung von Frauen, von verbalen Drohungen bis hin zur sexuellen Misshandlung, gehört auch weiterhin zum Alltag in den Fabriken. Dort arbeiten vorwiegend Frauen als Näherinnen.

 

Warum Aldi billig ist

Es ging ums Sattwerden

Es ist eine Gretchenfrage: Wie viele Artikel biete ich meinen Kunden an? 1946 ging es um nichts mehr als ums Sattwerden. Die Aldi-Brüder schauten auf ihren Tages- und Wocheneinkauf. Erst im Laufe der Jahre kamen Non-Food-Artikel hinzu – anfangs waren sie verpönt.

Zahl der Artikel

Mit der Zeit pendelte man sich bei 400 Artikeln ein. Inzwischen – in Zeiten der feiner werdenden Nuancen – ist die Zahl auf 900 Artikel gewachsen. Der Stellplatz in den Filialen hat natürliche Grenzen. Zudem ist Produktpflege ein aufwändiges Geschäft.

Das oberste Gebot

Von Beginn an galt bei den Albrechts das Gebot der Warengleichheit: In allen Filialen sollten die Kunden dieselben Produkte finden. Schnell ging es soweit, dass sie es sogar an derselben Stelle fanden.

Die Revolution

Eine echte Revolution war die Einführung von Kühlware in den 70er-Jahren. Sowohl bei Aldi Nord als auch bei Aldi Süd gingen Grundsatz-Diskussionen voraus. Entgegen der Behauptungen gab es darüber aber keinen brüderlichen Zwist. Allerdings musste der vorpreschende Karl Überzeugungsarbeit leisten beim abwägenden Theo. Doch die Kühltruhe kam, erst im Kleinformat, dann immer mehr.

Markenartikel? Nein, Danke!

Seit Jahren macht andere Discounter wie Netto (vorher Plus) gute Geschäfte mit Markenartikeln. Aldi hat stets eine Aversion gegen sie gehabt. Auf der anderen Seite taten sich die Hersteller von Markenartikeln anfangs auch sehr schwer, bei einer Billigkette zu listen, als die Aldi galt.

Aldis Problem

Vereinfacht gesagt besteht Aldis größtes Problem darin, die erforderlichen Liefermengen von mehreren Anbietern zu beziehen. Bei vergleichenden Qualitätsstandards heißt es immer wieder: Bedarfsdeckung versus Preis. Gerade zu Ostern und Weihnachten ist es eine Sisyphusarbeit in Planung und Organisation, für ausreichend Waren zu sorgen und sie auf die Filialen zu verteilen.

Harte Gespräche mit Lieferanten

Die Preisfindung in diesem „Wettkampf“ ist das eigentliche Erfolgsrezept Aldis. Als Marktführer, ausgestattet mit dem Hebel der Mengemacht, hat man hier natürlich Vorteile. Dabei bündeln Aldi Nord und Aldi Süd ihre Einkaufsstrategie in vielen Sortimenten. Auf der anderen Seite hat Aldi auch kein Interesse, die Lieferanten so sehr zu schröpfen, dass sie in den Ruin gehen. 

Die große Verlockung

Lieferanten unterliegen leicht der großen Verlockung, mit Aldi so zu verhandeln, dass die eigentlichen Kapazitätsgrenzen überschritten werden. Zwar kann man mit Aldi vermögend werden, aber das Risiko, sich zu sehr abhängig zu machen, ist groß. Denn Aldi streicht durchaus schnell einen Lieferanten. Fachleute raten dazu, maximal 50 Prozent seiner Produkte an Aldi zu verkaufen.

Das Preisdiktat

Die Wettbewerber sind dem Preisdiktat ausgesetzt. In den vergangenen Jahres war gut zu beobachten, was passiert, wenn Aldi die Preise für Alltagsprodukte wie Milch senkte: Die Konkurrenz zog innerhalb weniger Stunden nach. Preisvergleich und Preispolitik sind Tagesaufgaben.

Wie preissensibel ist der Kunde

Doch warum agieren die Discounter eigentlich so nah am „gerechten Preis“? Die Frage ist durchaus berechtigt, denn die Durchschnittskunde ist eigentlich sehr wenig mit den Preisen vertraut. Er stellt seinen Warenkorb den Bedürfnissen und Gepflogenheiten zusammen. Die meisten gehen nicht mit offenen Augen durch die Läden. Angebote werden auch bei Aldi sehr deutlich mit andersfarbigen Schildern gekennzeichnet, damit sie überhaupt auffallen. Umso wichtiger ist also, dauerhaft der Preisführer zu sein – und dieses Image zu pflegen.

„Das Sündenregister der Discounter ist skandalös“, sagt Dusch Silva. Damals hatten die deutschen Billig-Supermärkte Besserung gelobt. Während Aldi keinerlei Anstrengungen unternahm, führten Lidl und Kik Trainings bei Produzenten in Bangladesch und China durch. Doch die hätten nichts mit der arbeitsrechtlichen Situation der Arbeitnehmer zu tun gehabt, sondern beispielsweise mit Brandschutz- und Sicherheitsmaßnahmen, sagt Dusch Silva.

Hinzu komme, dass an diesen Trainings vorwiegend das mittlere Management nach der Arbeitszeit teilgenommen habe. Von den einfachen Arbeitern seien nur vereinzelt welche ausgewählt worden. „Aldi, Lidl und Kik hängen sich ein Sozialmäntelchen um“, kritisiert sie.

Discounter: Lidls Preisvorteil ist laut ARD-Dokufilmern überschätzt

Discounter

Lidls Preisvorteil ist laut ARD-Dokufilmern überschätzt

Die ARD hat gestern zur besten Sendezeit eine Unternehmensdokumentation gezeigt. Der Sender nahm Lidl unter die Lupe. Es war der Auftakt einer Serie von Wirtschaftsreportagen. Der Discounter kam dabei schlecht weg.

Befragt wurden 162 Arbeiter in zehn Zulieferbetrieben in Billiglohnländern wie Bangladesch, China und Indien. Ursprünglich waren es sogar elf Betriebe. „Aber in einer Fabrik, die für Aldi produziert, mussten wir die Befragung abbrechen“, sagt Dusch Silva. Dort sei den Frauen mit Jobverlust, Gewalt und sogar einer Gefängnisstrafe gedroht worden, wenn sie an der Befragung teilnehmen.

Kommentare (2)

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OnkelSam

17.01.2012, 08:12 Uhr

Dieser Sachverhalt ist doch schon seit Jahren bekannt. Warum wird er erst oder gerade jetzt thematisiert? Die genannten Discounter sind das Ergebnis einer Lohnpolitik nach unten. Zudem werden die Menschen in Deutschland nicht dazu angehalten, sich bewusster zu ernähren oder mit ihrem Kaufverhalten zu signalisieren, dass sie diese Dumpinglöhner mit ihrer unzureichenden Personalbetreuung in ihren Betriebsstätten in Südostasien meiden. Nein, die Menschen hier wurden mit dem Slogan: Geiz ist geil auf eine Wirtschaftspolitik eingestimmt, deren oberstes Ziel die Kosteneinsparung ist. Man muss heute nicht mehr nach Vietnam oder sonstwo hingehen, um das Ergebnis dieser verheerenden Wirtschaftsphilosophie zu beobachten. Längst ist in Deutschland ähnliches zu beanstanden. Es ist den Medien zu konstatieren, dass sie endlich solche Missstände anprangern, muss aber auch erinnern, dass dieselben Medien jahrelang weggeschaut haben. Die Thematisierung hat offenbar noch einen anderen Grund. Man will mit selektierter Aktualität von den eigentlichen Problemen ablenken. Denn, was Deutschland als Regierung in der Eurokrise tut, ist nicht viel besser. Wir schneiden seit Jahren den Menschen in Deutschland ihre Teilhabe am Wohlstand ab und untergraben die Wettbewerbsfähigkeit ganzer Nationen mit unserer Kostendrückerrei bei Löhnen, Renten und Sozialleistungen. Deutschland hat sich einen Neo-Merkantilismus auf die Fahne geschrieben, der Europa sogar zum Scheitern bringen könnte. Da ist es willkommen, wenn das Interesse davon abgelenkt wird. Die Politiker werden dankbar dafür sein und die Gelegenheit nutzen, im Hintergrund schlimmeres auszukungeln.

Heinzcologne

25.03.2012, 16:19 Uhr

Bei Lidl werden alle mit 80h, 100h, 120h eingestellt. Die Überstunden werden bezahlt und man kommt auf die Woche 40h. Das war in den letzten 5 Jahre und habe gut verdient. Gespart haben die wenn ich Krank wurde oder wenn ich Urlaub hatte. Denn es wurde laut Vertrag nur 80h bezahlt. Ich habe einen 80h Stundenvertrag als Erwachsene Familienvater bekomme und trotz jahrelange Bettler gespielt keine Verlängerung bekommen.
Neuerdings wurden immer mehr Leute eingestellt. Alle mit 120h! Und werden in Filialen eingesetzt wo dann die deren Stunden mit unseren Stunden verrechnet wird. Überstunden werden nach Umsatz bezahlt. Je mehr Personal um so weniger Stunden gibt es zu verteilen. Jetzt ist es so das eben keine Überstunden entstehen. Wir ältere Mitarbeiter wurden zu Halbtagsmitarbeiter verdammt. Meine Kollegen haben teils 100h und ganz wenige 120h. Nur der Chef takkert mit Freude mit 163h (alte Vertrag).

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