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27.03.2012

09:34 Uhr

Länder entscheiden

Für Schlecker beginnen die Tage der Wahrheit

Heute fällt die Vorentscheidung: Bürgen die Länder für eine Transfergesellschaft für gekündigte Schlecker-Mitarbeiter? Bisher halten die FDP-Minister dagegen.

Eine geschlossene Filiale der Drogeriemarktkette Schlecker in Düsseldorf. dpa

Eine geschlossene Filiale der Drogeriemarktkette Schlecker in Düsseldorf.

EhingenDer Ausgang der Zitterpartie über eine Schlecker-Transfergesellschaft ist weiter offen. Mehrere Bundesländer wollen heute entscheiden, ob sie sich an einer Bürgschaft zur Absicherung einer Auffanglösung für die 11.000 vor der Entlassung stehenden Schlecker-Beschäftigten beteiligen. Ihnen liegt ein Gutachten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PriceWaterhouseCoopers (PwC) vor, das die Aussichten für die insolvente Drogeriekette skeptisch sieht.
Niedersachsens Wirtschaftsminister Jörg Bode (FDP) hatte am Montag angesichts der Gutachter-Ergebnisse gefordert, alle bisherigen Überlegungen zur Zukunft Schleckers erneut auf den Prüfstand
zu stellen. Denn Voraussetzung für die Vergabe der Bürgschaft ist es, dass Schlecker nach einer Sanierung in der Lage sein wird, die Kredite für die Transfergesellschaft zurückzuzahlen.

Das von Baden-Württemberg in Auftrag gegebene Gutachten kommt zum Ergebnis, dass eine Rückzahlung der Kredite über Erträge aus dem laufenden Schlecker-Geschäft „mit hohen Unsicherheiten
verbunden“ sei. Eine Rückzahlung könnte dann gelingen, wenn Schlecker seine Gesellschaften in Spanien und Frankreich verkaufe.

Schleckers Aufstieg und Fall

Drogerieriese und Familiengeschichte

Deutschlands gemessen an der Zahl der Filialen größte Drogeriekette ist untrennbar mit der Familie Schlecker verbunden. In rund 36 Jahren wuchs aus den Anfängen in Baden-Württemberg ein europaweit agierender Handelsriese.Wichtige Stationen in Familie und Firma Schlecker:

1944

Anton Schlecker wird am 28. Oktober in Ulm geboren

1965

Schlecker beginnt seine Berufslaufbahn im Unternehmen seines Vaters, einer Fleischwarenfabrik samt 17 Metzgereien. Erste Selbstbedienungswarenhäuser entstehen in mehreren Orten im Südwesten.

1974

Die Preisbindung für Drogerieartikel fällt weg. Zur gleichen Zeit startete auch dm-Gründer Götz Werner seine ersten Gehversuche als Drogerist. Vorher hatte es nur kleine Drogeriefachgeschäfte gegeben.

1975

Schlecker eröffnet in Kirchheim/Teck (Kreis Esslingen) seine erste Drogerie. Zwei Jahre später sind es 100 Filialen.

1977

Der 100. Discounter mit dem Namen Schlecker eröffnet.

1984

Im Jahr 1984 öffnet Filiale Nummer 1000 die Türen.

1987

Als ersten Auslandsmarkt erschließt Schlecker Österreich; später folgen Spanien, die Niederlande, 1991 - durch die Übernahme von „Superdrug“ - Frankreich

Dezember 1987

Am 22. Dezember überfallen drei Maskierte die Familie Schlecker, als Anton und Christa mit den beiden Kindern Meike und Lars nach Hause kommen; die beiden Kinder werden entführt, ihr Vater handelt das Lösegeld von 18 auf 9,6 Millionen Mark herunter. Nach der Übergabe können sich die 14 und 16 Jahre alten Geschwister am 23.12. selbst befreien. Die Polizei wird erst später informiert. Die Familie zieht sich noch stärker als bisher aus der Öffentlichkeit zurück

1990er

Nach dem Fall der Mauer expandiert Schlecker auch relativ schnell in die neuen Bundesländer.

1994

Schlecker betreibt nach eigenen Angaben rund 5000 Läden; zugleich werfen Gewerkschafter dem Konzern vor, Mitarbeiter systematisch zu schikanieren und zu schlecht zu bezahlen - solche Kritik prägt in den kommenden Jahren immer wieder die Schlagzeilen über den „Drogeriekönig“. Schlecker weist Vorwürfe stets zurück und spricht von Einzelfällen.

2007

Schlecker übernimmt zum Ende des Jahres die ehemals insolvente Osnabrücker Kette "Ihr Platz"

1998

Das Amtsgericht Stuttgart erlässt gegen Christa und Anton Schlecker Strafbefehle von jeweils zehn Monaten auf Bewährung wegen vielfachen Betrugs - weil sie Mitarbeitern eine tarifliche Bezahlung bloß vorgetäuscht hätten.

2008

Der Drogerieriese macht nach Gewerkschaftsangaben 52 Millionen Euro Verlust bei 7,42 Milliarden Euro Umsatz

2010

Im Januar erneute Kritik über Arbeitsbedingungen bei Schlecker, wo bestehende Arbeitsplätze mit Leiharbeitsverträgen ersetzt werden sollten; die Bundesregierung will mit einer „Lex Schlecker“ gegensteuern. Zugleich muss der Drogerieriese einen Umsatzrückgang von rund 650 Millionen Euro auf noch etwa 6,55 Milliarden, davon 4,51 Milliarden Euro im Inland, hinnehmen und schreibt weiter rote Zahlen.

November 2010

Patriarch Anton Schlecker holt im November seine Kinder Meike und Lars in die Führungsspitze und gibt einen Teil seiner Verantwortung ab; der Familienrat bleibt aber wichtigstes Entscheidungsgremium

2011

Schlecker beginnt einen radikalen Umbau seines Filialnetzes; aus den überall verfügbaren Billigläden sollen hochwertige Drogerien in der Nachbarschaft werden - samt Slogan „For You. Vor Ort.“; Neue Führungsgrundsätze sollen schlechte Mitarbeiterführung ein für alle Mal verhindern; das Magazin „Forbes“ führt Anton Schlecker auf seiner Reichen-Liste noch mit 3,1 Milliarden Dollar Vermögen (rund 2,4 Milliarden Euro)

2012

Nach Wochen voller Gerüchte um finanzielle Engpässe gibt Schlecker am 20. Januar bekannt, in die Planinsolvenz gehen zu wollen.

Die endgültige Entscheidung über die Gründung der Transfergesellschaft fällt aber erst am Mittwoch. Dann will die grün-rote Regierung in Baden-Württemberg beschließen, ob sie mit einer Bürgschaft
von rund 70 Millionen Euro in Vorleistung geht und damit den Weg für die Transfergesellschaft ebnet, die über sechs Monate die betroffenen Schlecker-Mitarbeiter auffangen soll. Nach Ansicht Bodes
lässt das Gutachten den Schluss zu, dass gegebenenfalls auch ein um die Hälfte reduziertes Darlehen ausreichen könnte, um eine Finanzierung der seit Wochen diskutierten Transfergesellschaften
sicherzustellen.

Die Zeit drängt: Sollten die Gespräche bis Mittwoch nicht abgeschlossen sein, sollen noch an diesem Tag die Kündigungen an die rund 11.000 betroffenen Mitarbeiter von Schlecker verschickt werden. Sie wären dann ab der kommenden Woche arbeitslos.

Kommentare (6)

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frankfurter

27.03.2012, 06:25 Uhr

Vorsicht Geiwitz ist ein Interessenvertreter vom Schlecker. war schon früher Berater für dieses Unternehmen.
Hier geht es nur darum, das persönliche Kapital der Schleckerkinder zu retten.
Schafft es der Clan dieses Restunternehmen auch nur wenige Monate weiterzuführen, wird Schlecker das Kapital aus dem Unternehmen ziehen, mit der Konsequenz, dass das Unternehemen entgültig liquidiert wird.
Mögliche Interessenten, die mit Sicherheit nicht einsteigen, werden jetzt vorgeschoben, um staatliche Beihilfen zu erschleichen.

Rene

27.03.2012, 07:41 Uhr

Mal sehen, ob sich Vernunft, Wissen und Erfahrung durchsetzt oder ob die Grün-Roten Arbeitnehmer erster under zweiter Klasse schaffen.

"Die Geschichte lehrt täglich, sie findet nur keine Schüler."

satyricon

27.03.2012, 08:07 Uhr

Mach einen Plan und halte dich an ihn, gewinne mit ihm oder gehe unter mit ihm: Gründerzeitkapitalismus nach Gutsherrenart - lecker.
Was scheren einen die Mitarbeiter.
Vielleicht denkt man ja so in den Führungsetagen bei Schlecker: Aufhebungsverträge werden erst unterschrieben wieder entgegengenommen, selbst auf der Gefahr hin, dass MA solange in der Besenkammer eingeschlossen werden müssen bis sie endlich unterschrieben haben.

Danach wird man dann weiter sehen: notfalls kippt ja noch mal eine Landesregierung, so daß man weitere Druckmittel gegen das Gemeinwesen in der Hand hält als lediglich 11.000 Wähler, die bald auf der Strasse stehen werden.

Halleluja.

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