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08.07.2016

11:01 Uhr

Landwirtschaft

Rettet „Premium“-Milch die Molkereien?

Der dramatische Preisverfall bei Milch zwingt Molkereien, neue Vermarktungswege zu suchen. Dabei kommen Produkte wie Heu- und Weidemilch in den Blick. Experten sehen großes Potenzial.

Die Molkereien reagieren auf den dramatischen Preisverfall bei Milch. dpa

Kohrener Landmolkerei

Die Molkereien reagieren auf den dramatischen Preisverfall bei Milch.

Penig/Rudolstadt Milchkrisen sind für Sirko Hornung nicht neu. 2008 war es, als sein Betrieb mit 1500 Kühen südlich von Leipzig weniger als 20 Cent je Liter bekam. Damals sorgten Proteste von Bauern, die ihre Milch in den Abfluss oder aufs Feld schütteten, für Schlagzeilen. „Uns wurde klar, dass wir vom Rohstofflieferanten zum Produzenten von Endprodukten werden müssen“, erzählt er.

Mit „uns“ meint er sich und fünf weitere Milchbauern aus Sachsen und Sachsen-Anhalt, die daraufhin ihre eigene Molkerei gründeten. Neben herkömmlicher Milch werden dort auch Heu- und Weidemilch produziert, die im Handel derzeit etwa doppelt so viel kosten wie Standardmilch. Produzenten bewerben so Milch von Kühen, die etwa nicht das ganze Jahr im Stall stehen, oder die besonderes Futter bekommen.

Angesichts des Preisverfalls bei Milch suchen Bauern und Molkereien händeringend nach neun Konzepten. Produkte wie Heu- und Weidemilch haben Potenzial, sagt Agrarökonom Achim Spiller. Er verweist auf Studien, wonach die Weidehaltung von Kühen bei Verbrauchern hoch im Kurs steht, und sie bereit sind, etwa 18 Cent mehr für solche Milch im Laden zu zahlen.

Was wirklich hinter den Siegeln steckt

Bio

Das Bio-Siegel der EU wurde im Juli 2010 eingeführt. Ein Produkt, das dieses Label trägt, darf höchsten 0,9 Prozent gentechnisch verändertes Material enthalten und muss zu mindestens 95 Prozent aus ökologischer Landwirtschaft kommen. Vielen Bio-Herstellern sind die Kriterien an das Bio-Siegel nicht scharf genug, deswegen haben sie eigene Siegel wie Demeter oder Naturland, die höhere Anforderungen erfüllen müssen.

Fairtrade

Das Label steht für weltweit gültige Standards, die Kleinbauern stabile und auskömmliche Preise und möglichst direkte Handelsbeziehungen sichern. Dazu gehören auch die Vorfinanzierung der Produktion und ein garantierter Mindestpreis. Bei einem Produkt, das dieses Siegel trägt, müssen alle Zutaten, die unter Fairtrade-Bedingungen erhältlich sind, zu 100 Prozent Fairtrade-zertifiziert sein.

FSC

Die Non-Profit-Organisation Forest Stewardship Council vergibt dieses Siegel, um nachhaltige Forstwirtschaft zu zertifizieren. Die Produzenten müssen dafür zehn Kriterien erfüllen, die die ökonomischen, ökologischen und sozialen Standards bei den Forstbetrieben verbessern sollen. Umweltverbände kritisieren aber immer wieder, das Siegel würde zu leichtfertig vergeben.

MSC

Die private Organisation Marine Stewardship Council, die das Label für nachhaltigen Fischfang vergibt, wurde vom Konzern Unilever und der Naturschutzorganisation WWF gegründet. Betriebe die das Label bekommen, müssen unter anderem Überfischung vermeiden und das Ökosystem schützen. Auch hier gibt es Kritik an der Vergabe, beispielsweise rügt Greenpeace, dass nur 60 bis 80 Prozent der Standards erfüllt sein müssten, damit eine Fischerei das Gütesiegel erhält.

PEFC

Auch dieses Siegel soll die nachhaltige Waldbewirtschaftung sicherstellen. Im Gegensatz zum FSC, das Betriebe zertifiziert, vergibt PEFC das Siegel an Regionen. Die Nachhaltigkeit der Waldbewirtschaftung wird dann auf regionaler Ebene kontrolliert. Die Einhaltung der Standards wird regelmäßig stichprobenartig überprüft. Während das FSC-Siegel meist für Tropenholz verwendet wird, zertifiziert PEFC in der Regel europäische Wälder.

UTZ

Mit dem Label werden nachhaltig angebaute Agrarprodukte gekennzeichnet, speziell Kaffee, Tee und Kakao. Die Produzenten müssen soziale Kriterien festlegen, Anforderungen an die Umweltverträglichkeit erfüllen und eine effiziente Bewirtschaftung sicherstellen. Ein Label für fairen Handel ist UTZ jedoch nicht.

V

Das V-Siegel, das vom Vegetarierbund Deutschland (VEBU) vergeben wird, kennzeichnet vegetarische Lebensmittel. Produzenten müssen für die Zertifizierung ihre Zutatenliste offenlegen und ihre Produktion vor Ort überprüfen lassen. Sie müssen auf jegliche Tierkörperbestandteile, also auch etwa auf Gelatine, verzichten. Es wird inzwischen von über 250 Lizenzpartnern verwendet, zum Beispiel von Alpro, Frosta, Katjes, Valensina und Voelkel.

„Das ist ein guter Weg, um neue Produkte zwischen konventioneller Milch und Bio-Milch zu etablieren“, konstatiert der Fachmann von der Universität Göttingen. Die Mehrkosten für die Bauern schätzt Spiler auf einen halben bis drei Cent je Liter Milch im Vergleich zu reiner Stallhaltung, wie sie immer öfter anzutreffen ist.

In anderen Ländern sind solche Milchprodukte längst etabliert, etwa in Dänemark, Holland oder Österreich. In Deutschland seien sie bisher eine Nische, heißt es beim Milchindustrie-Verband. Zahlen zum aktuellen Marktanteil für Heu- oder Weidemilch gebe es daher nicht.

Für Ralf Hinrichs, Vorstand der Genossenschaftsmolkerei Ammerland, liegt das auch daran, dass etwa der Begriff „Weidemilch“ nicht klar definiert war. Das ist auch bei Verbraucherschützern wiederholt auf Kritik gestoßen.

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Hinrichs Molkerei in der Nähe von Oldenburg in Niedersachsen habe im vergangenen Jahr rund 700 Millionen Kilogramm Weidemilch verarbeitet, aber nur etwa ein Zehntel davon entsprechend vermarkten können - hauptsächlich in Holland. Große Erwartungen setzt er daher in ein neues Label für Weidemilch-Produkte aus dem Projekt „Weideland Norddeutschland“. Ziel sei, die Weidewirtschaft zum Wohl der Tiere zu erhalten und für Bauern 5 Cent mehr je Kilogramm Milch einzunehmen.

Nach Ansicht von Wissenschaftler Spiller wird entscheidend sein, neben Trinkmilch auch andere Produkte wie Butter oder Käse aus solcher „Premium“-Milch herzustellen und mit Mehrerlös zu vertreiben.

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