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15.04.2015

13:02 Uhr

Lehren aus Germanwings-Katastrophe

Flugsicherung will Jets in Notsituationen fernsteuern

VonJens Koenen

Der Chef der Deutschen Flugsicherung spricht sich nach der Germanwings-Katastrophe dafür aus, alle technischen Möglichkeiten zu prüfen. Dazu zählt auch eine Steuerung von Flugzeugen durch die Bodenkontrolle.

Die Deutsche Flugsicherung denkt über eine Fernsteuerung von Flugzeugen nach. dpa

Wenn der Tower alles im Griff hat

Die Deutsche Flugsicherung denkt über eine Fernsteuerung von Flugzeugen nach.

LangenDie Deutsche Flugsicherung spricht sich nach dem durch den Co-Piloten absichtlich herbeigeführten Absturz des Germanwings-Flugs 4U9525 vor, in solchen Fällen die Kontrolle über das Flugzeug durch Fluglotsen übernehmen zu lassen. „Man muss über die heutige Technik hinausdenken, auch über eine Steuerung vom Boden aus“, sagte Klaus-Dieter Scheurle, der Vorsitzende der Geschäftsführung der Deutschen Flugsicherung, am Mittwoch in Langen.

Die DFS habe sich vor einigen Jahren mit anderen Partnern an einem Forschungsprojekt der EU beteiligt. Das habe sich mit solchen Notfällen beschäftigt. Eine Idee dort sei ein Notauslösesystem gewesen. Wenn ein Flugzeug auf einem gefährlichen Kurs sei, könne es automatisch in ein sicheres Fluggebiet geführt werden. „Danach wird dann wird ein neuer Flugplan eingespeist, etwa durch ein System am Boden“, erklärte Scheurle. Diese Flight Reconfiguration System genannte Lösung werde in der Taskforce besprochen, die sich mit den Konsequenzen des Absturzes befasst.

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Die Zeit nach dem Start in Barcelona

„In den ersten 20 Minuten sprechen die Piloten vollkommen normal miteinander, man könnte sagen heiter, höflich, wie normale Piloten während eines Flugs. Es passiert also nichts Ungewöhnliches. Dann hört man den Bordkommandanten die Instruktionen für die Landung in Düsseldorf vorbereiten. Die Antworten des Co-Piloten erscheinen lakonisch. (...) Die Antworten sind kurz, es gibt keinen wirklichen Austausch.“

Der Flugkapitän verlässt das Cockpit

„Dann hört man, wie der Bordkommandant den Co-Piloten bittet, das Kommando zu übernehmen. Man hört das Geräusch eines Sitzes, der nach hinten geschoben wird, und einer Tür, die sich schließt. Man kann legitimerweise davon ausgehen, dass er rausgeht, wahrscheinlich um seine natürlichen Bedürfnisse zu befriedigen.“

Der Co-Pilot leitet den Sinkflug ein

„In diesem Moment ist der Co-Pilot allein am Kommando. Während er allein ist, betätigt der Co-Pilot die Knöpfe des sogenannten Flight Monitoring Systems, um einen Sinkflug der Maschine einzuleiten. Die Aktion auf diesem Höhenregler kann nur gewollt gewesen sein.“

Der Flugkapitän gelangt nicht mehr ins Cockpit

„Man hört mehrere Rufe des Bordkommandanten, der Einlass in das Cockpit verlangt, über (...) eine Gegensprechanlage mit Video. Man kann also sagen, dass er sich gezeigt, identifiziert hat. Aber es gab keine Antwort des Co-Piloten. Er hat geklopft, um die Öffnung der Tür zu verlangen. Aber der Co-Pilot hat nicht geantwortet. (...) Er hat nicht ein einziges Wort gesagt, nachdem der Bordkommandant das Cockpit verlassen hatte.“

Die Kontaktversuche der Flugüberwachung

„Man hört anschließend die wiederholte Kontaktaufnahme des Kontrollturms von Marseille, aber keine Antwort des Co-Piloten. (...) Kein Notsignal, etwa Mayday-Mayday-Mayday, wurde von den Luftraumkontrolleuren empfangen. Und es gab keinerlei Antwort auf die zahlreichen Kontaktaufnahmen der Kontrolleure.“

Der Co-Pilot ist offenbar bei Bewusstsein

„Man hört zu diesem Zeitpunkt ein menschliches Atmen im Inneren des Cockpits, bis zum Aufprall. Das bedeutet, dass der Co-Pilot am Leben war. (...) Er hat anscheinend normal geatmet. Das ist nicht die Atmung von jemandem, der gerade einen Infarkt erleidet. (...) Man hat nicht das Gefühl, dass er Panik hatte.“

Die Sekunden vor dem Aufprall

„Die Alarmsignale gingen los, um der Besatzung die Nähe des Bodens anzuzeigen. Dann hört man heftige Schläge gegen die Tür wie um sie aufzubrechen. (...) Die Opfer haben es vermutlich erst im allerletzten Moment bemerkt. Schreie gibt es in den letzten Momenten vor dem Aufprall. (...) Der Tod trat sofort ein, denn diese Maschine, die mit 700 Stundenkilometern gegen den Berg prallte, ist im wahrsten Sinne des Wortes explodiert.“

Das Fazit der Ermittler

Die für uns plausibelste, die wahrscheinlichste Interpretation ist folgende: Der Co-Pilot hat sich absichtlich geweigert, dem Bordkommandanten die Tür zum Cockpit zu öffnen und hat den Knopf zum Absenken der Flughöhe gedrückt. Wir kennen heute nicht den Grund, aber das kann interpretiert werden als der Wille, dieses Flugzeug zu zerstören. (...) Es war eine willentliche Handlung“

„Wir reden hier nicht über etwas, was morgen eingeführt wird und was auch nicht das Ei des Columbus ist“, sagte Scheurle. Aber man müsse über solche Möglichkeit nachdenken. Trotz des Absturzes biete Fliegen eine hohe Sicherheit, betonte Scheurle. Das würden die Zahlen des vergangenen Jahres belegen. „Es gab im deutschen Luftraum keinerlei Gefährdungen. Es gab fünf Ereignisse, die aber zu managen waren.“

Nach wie vor kämpft die DFS mit einem schwachen Luftverkehrsmarkt in Deutschland. Relevant für die DFS ist die Zahl der Flugbewegungen, nicht die Zahl der beförderten Passagiere. Erstere legte 2014 nur um 0,9 Prozent zu.

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„Das ist ein schwächeres Wachstum als in anderen Märkten“, sagte Scheurle und verwies auf Einbrüche in Zielmärkten wie etwa Polen. Zudem würden häufig statt zusätzlicher vor allem größere Flugzeuge von den Airlines eingesetzt.

Auf der Umsatzsatzseite gab es 2014 sogar einen leichten Rückgang von 1,111 auf 1,105 Milliarden Euro. Der DFS-Chef machte dafür auch die Streiks bei Lufthansa verantwortlich. Jeder Streiktag belaste die Flugsicherung mit Mindereinnahmen von 600.000 Euro.

Kommentare (21)

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Herr Vittorio Queri

15.04.2015, 13:10 Uhr


>> Lehren aus Germanwings-Katastrophe
Flugsicherung will Jets in Notsituationen fernsteuern >>

Wer sagt uns, dass der Absturz der Germanwings nicht bereits ferngesteuert wurde ?

In der Nähe der Absturzstelle befanden sich NATO-Luftstützpunkte.

Sergio Puntila

15.04.2015, 13:11 Uhr

...fly us with your Drones...

Herr Torsten Steinberg

15.04.2015, 13:28 Uhr

Würde das nicht heißen, dass die Bodenkontrolle jederzeit dem Piloten die Kontrolle über das Flugzeug entziehen kann? Dann bin ich mal gespannt, welche Lehren man ziehen wird, wenn es Hackern gelungen sein wird, sich in dieses System einzuloggen und Flugzeuge gleich reihenweise gegen Felswände und sonstwohin dirigiert zu haben. Der Computerwelt hängen die Menschen inzwischen in derart blinden Fortschrittsglauben an und knüpfen an dieselbe derart maßlose, schon religiös zu nennende Allheilsversprechen, dass man dafür schon fast eine (zusätzliche) Kirchensteuer erheben dürfte.

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