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20.02.2013

14:31 Uhr

Leiharbeiter-Affäre

dm überdenkt Zusammenarbeit mit Amazon

VonCarina Kontio

Die Kritik an Amazon reißt nicht ab. Neben der Textilfirma Trigema will nun auch die Drogeriekette dm die Kooperation mit dem US-Händler überdenken. Außerdem herrscht Verwirrung um eine österreichische Leiharbeitsfirma.

Das Logistikcenter des Internet-Versandhändlers Amazon in Bad Hersfeld. dpa

Das Logistikcenter des Internet-Versandhändlers Amazon in Bad Hersfeld.

DüsseldorfDer Online-Händler Amazon bemüht sich nach den schweren Vorwürfen wegen schlechter Arbeitsbedingungen in Deutschland um Schadensbegrenzung. Verwirrung herrscht allerdings um die Rolle des österreichischen Leiharbeitsunternehmens Trenkwalder, der nach eigenen Angaben gut 1.000 Leiharbeiter für das Weihnachtsgeschäft bei Amazon zur Verfügung gestellt hatte.

Der Personaldienstleister hat am Dienstag noch alle Vorwürfe im Zusammenhang mit der schlechten Behandlung der Leiharbeiter zurückgewiesen. Das Unternehmen sei nach einer ARD-Dokumentation über die Arbeitsbedingungen in einem Logistikzentrum des Online-Händlers am Montag einer behördlichen Sonderprüfung unterzogen worden, so Trenkwalder.

„Die Prüfung des Zolls hat zu keiner Beanstandung geführt. Die Prüfung der Bundesagentur für Arbeit hat die öffentlich vorgebrachten Anschuldigungen nicht bestätigt“, heißt es gestern noch in der Stellungnahme. Zudem habe man 2012 nur einen kleinen Teil der Mitarbeiter für das Amazon-Weihnachtsgeschäft gestellt. Der US-Versandkonzern hatte im November von 10.000 zusätzlichen Arbeitskräften gesprochen.

Aufstieg mit Schattenseiten: Wie funktioniert Amazon?

Wie fing Amazon an?

Jeff Bezos gründete amazon.com im Jahr 1995. Den deutschen Ableger amazon.de gibt es seit 1998. Groß wurde das Unternehmen mit dem Versand von Büchern, Videos und Musik-CDs. Seit dem Jahr 2000 können auch fremde Händler ihre Produkte bei Amazon anbieten. Mittlerweile macht der Konzern mit Sitz in Seattle zwei Drittel seines Umsatzes mit Waren wie Computern, Digitalkameras, Mode oder Lebensmitteln. Amazon ist auch einer der Vorreiter bei elektronischen Büchern sowie Musik- und Video-Downloads. Zweites großes Standbein neben dem Handel sind die Webservices mit dem Cloud Computing.

Wie konnte der Konzern so mächtig werden?

Amazon fährt eine riskante Wachstumsstrategie: Der Konzern lockt die Kunden mit günstigen Preisen sowie einer schnellen und vielfach kostenlosen Lieferung. Zudem investiert er kräftig, in die Versandzentren wie auch in die Entwicklung neuer Technologie. Dieser Wachstumskurs hat jedoch eine Kehrseite: Die Gewinnmargen sind eher dünn. 2012 machte Amazon einen Verlust von 39 Millionen Dollar. Im Jahr 2013 blieben unterm Strich 274 Millionen Dollar (204 Millionen Euro) – bei einem Nettoumsatz von 74,45 Milliarden Dollar im Jahr 2013.

Wie relevant ist der deutsche Markt?

Es ist der größte Auslandsmarkt. 2012 setzte Amazon hierzulande 8,7 Milliarden Dollar um, umgerechnet sind das derzeit etwa 6,5 Milliarden Euro. Damit lag Deutschland noch vor Japan mit 7,8 Milliarden Dollar und Großbritannien mit 6,5 Milliarden Dollar. Der wichtigste Markt überhaupt ist allerdings Nordamerika mit 34,8 Milliarden Dollar. Amazon wuchs in seiner Heimat zuletzt auch deutlich schneller als im Ausland.

Wie wichtig ist Amazon für Deutschland?

Gemessen am Einzelhandelsumsatz insgesamt ist die Rolle von Amazon überschaubar. Etwa 1,5 Prozent trägt Amazon zum Branchenumsatz von fast 428 Milliarden Euro bei. Das meiste sind jedoch Lebensmittel. Betrachtet man den Online-Handel von Unterhaltungselektronik bis hin zu Büchern, sieht die Sache ganz anders aus: Amazon hält hier fast ein Viertel des Marktes.

Wie ist der Konzern aufgestellt?

In Deutschland unterhält das Unternehmen Logistikzentren in Graben bei Augsburg, Bad Hersfeld, Leipzig, Rheinberg, Werne, Pforzheim, Brieselang und Koblenz. Dort arbeiten nach Auskunft von Amazon etwa 10.000 fest angestellte Vollzeitmitarbeiter. In Spitzenzeiten wie dem Weihnachtsgeschäft kommen in jedem dieser Zentren Tausende Saisonkräfte hinzu. Weltweit arbeiteten 124.600 Mitarbeiter (Stand: März 2014) im Unternehmen.

Das sieht die Bundesagentur für Arbeit allerdings anders und widerspricht. In einer Pressemitteilung heißt es man habe „gemeinsam mit der Zollverwaltung unverzüglich nach Ausstrahlung der ARD-Dokumentation „Ausgeliefert“ eine Sonderprüfung bei der Firma Trenkwalder durchgeführt. Dabei wurden Verstöße gegen das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz festgestellt. Die Bundesanstalt wird in dem dafür vorgesehenen Verwaltungsverfahren über die Konsequenzen entscheiden.“

Wegen Leiharbeit kritisierte Firmen

Daimler

In der ARD-Reportage „Hungerlohn am Fließband“ (ausgestrahlt am 13. Mai 2013) wird gegen Daimler der Vorwurf erhoben, illegal Leiharbeiter über Werkverträge zu beschäftigen. Das Unternehmen hat die Vorwürfe zurückgewiesen und dem ausführenden SWR unter anderem vorgeworfen, Passagen des 45-minütigen Films „fingiert“ zu haben. Für die Reportage hatte ein Reporter verdeckt für zwei Wochen im Daimler-Stammwerk Stuttgart-Untertürkheim gearbeitet.

Amazon

Februar 2013: Eine ARD-Fernsehreportage über die Arbeits- und Lebensbedingungen von Leiharbeitern am Amazon-Standort im hessischen Bad Hersfeld sorgt für Wirbel. Die Saisonarbeiter sollen dem Bericht zufolge von privaten Sicherheitsdiensten schikaniert worden sein.

BMW

September 2012: BMW kündigt an, die Leiharbeiterquote im Gesamtunternehmen auf acht Prozent zu begrenzen. Zuvor gab es einen jahrelangen Streit mit der Gewerkschaft IG Metall über den Einsatz von Leiharbeitern. Die Arbeitnehmer-Vertreter geben an, zu Spitzenzeiten habe die Quote bei über 15 Prozent gelegen.

Deutsche Post DHL

Mai 2012: Internationale Gewerkschaften werfen der Deutschen Post DHL vor, außerhalb Europas Arbeitnehmerrechte zu verletzen. Die Logistiktochter DHL habe eine „beschämende Bilanz“ beim übermäßigen Einsatz von schlecht bezahlten Zeit- und Leiharbeitern. Die Deutsche Post teilt mit, sie arbeite gemäß nationaler Gesetze und Gepflogenheiten der jeweiligen Länder.

GLS

Mai 2012: In einer TV-Reportage berichtet Journalist Günter Wallraff über seine verdeckte Recherche beim Paketzusteller GLS: Fahrer seien dort zu schwer durchschaubaren Bedingungen und in oft nur mündlichen Verträgen als Subunternehmer verpflichtet worden. Leiharbeiter würden zu Dumpinglöhnen scheinselbstständig angeheuert. GLS weist die Vorwürfe zurück.

Zalando

Juli 2012: Das ZDF berichtet über die Arbeitsbedingungen bei einem Dienstleister des Internet-Versandhandels Zalando in Großbeeren (Brandenburg). Ein großer Teil der Lagerarbeiter dieses Dienstleisters sei als Leiharbeiter beschäftigt. Sie dürften sich während ihrer Arbeitszeit nicht hinsetzen und erhielten nur den Mindestlohn von 7,01 Euro pro Stunde. Zalando weißt darauf hin, dass die 7,01 Euro der Einstiegslohn in der Zeitarbeit in Ostdeutschland sei. Feste Mitarbeiter würden mehr verdienen. Inzwischen hat Zalando ein Maßnahmenpaket zur Verbesserung umgesetzt.


Raimund Becker, Vorstandsmitglied der Bundesanstalt: „Zeitarbeit ist eine etablierte Beschäftigungsform auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Es muss sich aber jeder an die geltenden Spielregeln halten. Wir sehen unsere Aufgabe darin, diese Regeln zu überwachen und bei Verstößen dagegen vorzugehen. Das sind wir auch den Menschen schuldig, die in der Zeitarbeit beschäftigt sind. Wir wollen keine schwarzen Schafe.“

Umstrittene Leiharbeiter: Wie Amazon an Glanz verliert

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Kunden kündigen ihre Nutzerkonten, im Netz hagelt es Beschwerden.

Unterdessen reißt die Kritik an Amazon nicht ab. Neben Verlagen und dem Textilhersteller Trigema will nun auch die Drogeriekette dm die Kooperation mit dem Online-Versandhändler überdenken.

„Wir haben die Vorwürfe sehr aufmerksam zur Kenntnis genommen“, sagt dm-Geschäftsführer Erich Harsch der Neuen Westfälischen Zeitung. Sein Unternehmen erwarte, dass Kooperationspartner sich „menschengerecht“ verhalten. Andernfalls werde die Zusammenarbeit „kritisch hinterfragt“.

Arbeitsbedingungen: Von der Leyen nimmt Amazon ins Visier

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Von der Leyen nimmt Amazon ins Visier

Nach einem TV-Bericht droht einer Leiharbeitsfirma des Handelsriesen der Lizenzentzug.

Die ARD-Reportage hatte vergangene Woche Missstände bei Beschäftigung und Unterbringung von Leiharbeitern bei Amazon aufgezeigt. Daraufhin zog der Konzern bei zwei Partnern die Notbremse und beendete die Zusammenarbeit mit einem umstrittenen Sicherheitsdienst und einem Dienstleister, der sich um die Unterbringung ausländischer Saisonkräfte gekümmert hatte.

Laut ARD sollen ausländische Mitarbeiter von Amazon von dem Sicherheitsdienst H.E.S.S. auf Schritt und Tritt kontrolliert worden sein. Die Firma habe demnach Kontakte in die Neonazi-Szene, was diese zurückwies. Der Internetkonzern stand bereits in der Vergangenheit wegen der Arbeitsbedingungen in der Kritik.

So kämpft die Gewerkschaft Verdi schon seit längerem um gleiche Arbeitsbedingungen für Leiharbeiter. Amazon waren in dem Bericht menschenunwürdige Arbeitsbedingungen von Leiharbeitern aus Spanien und Polen in seinem Versandlager im hessischen Bad Hersfeld vorgeworfen worden. Auch seien die Sozialbeiträge für die Beschäftigten nicht korrekt abgeführt worden. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen drohte der Leiharbeitsfirma mit Konsequenzen.

Kommentare (6)

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Gast

20.02.2013, 15:29 Uhr

Wie steht es denn um die Behandlung der Mitarbeiter bei Trigema und dm?

tokchii

20.02.2013, 15:35 Uhr

Glaubt man der Huffington Post, ist dieser Amazonskandal noch größer. Es geht nun wohl auch um andere Machenschaften. Sachen, wie Facebookfreunde kaufen, Schreiberlinge Mieten, Suchmaschinenoptimierung, und, so toll ist mein Englisch leider nicht, irgendwie um Pornos.
Meine Frage des Tages: Wer hat 50 Shades of Grey gelesen? ;)

Account gelöscht!

20.02.2013, 15:38 Uhr

Das haben wir hier aufgeschrieben: http://www.handelsblatt.com/unternehmen/handel-dienstleister/die-wahrheit-ueber-dm-hier-bin-ich-mensch-hier-kauf-ich-ein-aber-warum/6630552.html

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