Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

06.11.2014

10:07 Uhr

Lokführer-Streik

Deutschland ohne Bahn

VonJulian Mertens, Lisa Hegemann, Dana Heide

Der längste Streik in der Geschichte der Deutschen Bahn hat begonnen. Die Bahnhöfe sind leer – die Straßen umso voller. Nun könnte sogar das Benzin knapp werden. Die Bahn will die Streiks juristisch stoppen.

Stillstand bei der Bahn

Bahnstreik auf Personenzüge ausgeweitet

Stillstand bei der Bahn: Bahnstreik auf Personenzüge ausgeweitet

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Düsseldorf/Köln/WuppertalDie Wuppertaler sind Stillstand gewohnt. Seit dem Sommer ist die Hauptachse durch die Stadt am Hauptbahnhof für drei Jahre gesperrt. Er wird komplett saniert, ein riesiges Projekt. Schon jetzt führt das täglich zu Staus und überfüllten Straßen. Am Donnerstag fällt dann auch noch das Wahrzeichen aus: Die Schwebebahn ist für viele eine ganz normale Station auf dem Weg zur Arbeit, zur Schule. Nun aber Betriebsstörung.

Dann der Hauptbahnhof. Ein überraschendes Geräusch, ein fahrender Zug. Nur ein Gütertransport. Verhöhnung der Fahrgäste? Mitnichten. Denn die meisten sind gar nicht da. Die Kunden bestreiken den Streik.

Chaos, das wird definiert als völliges Durcheinander oder Abwesenheit aller Ordnung. An diesem ersten Tag des Rekordstreiks der Bahn-Lokführer trifft vornehmlich eines zu: Abwesenheit. Auf den hinteren Bahnsteigen, wo normalerweise S-Bahnen fahren, steht niemand.

Auf dem ersten Bahnsteig tummeln sich weniger Pendler als üblich. Kein Drängen, kein lauter Frust. Nur die ständigen Durchsagen und Leuchtanzeigen erinnern an die Ausfälle. Die Privatbahn fährt einmal die Stunde. „Die bisherigen Streiks hatten keine Auswirkungen auf unseren Betrieb“, hatte ein Sprecher der Eurobahn am Vortag versichert. Das wiederholt sich, der Zug ist nicht voller als sonst. Alles wie immer. Die Menschen hören Musik, schlafen, schauen auf ihre Smartphones, lesen.

Die längsten Streiks der deutschen Geschichte

Tarifkampf

Im Tarifstreit bei der Bahn hat die Lokführer-Gewerkschaft GDL mehrfach gestreikt. Der längste Ausstand dauerte 109 Stunden im Güterverkehr und 98 Stunden im Personenverkehr, der längste in der Geschichte der Deutschen Bahn. Im Vergleich zu anderen Branchen ist dies noch moderat. Es folgt eine Zusammenstellung besonders langer Streiks in Deutschland.

1956/1957

1956/57 dauerte der Streik in der Metallindustrie in Schleswig-Holstein 16 Wochen. 34.000 Beschäftigte setzten sich für eine höhere Lohnfortzahlung im Krankheitsfall ein. Sie erreichten eine Aufstockung auf 90 Prozent des Nettoeinkommens.

1984

1984 streikten die Beschäftigten der Metallindustrie in Hessen und Baden-Württemberg sieben Wochen lang für die 35-Stunden-Woche. Die Drucker waren bundesweit sogar zwölf Wochen im Ausstand. Die Arbeitgeber reagierten mit massiven Aussperrungen. Am Ende wurde in beiden Branchen die 38,5-Stunden-Woche vereinbart.

1994

1994 legten 100.000 Drucker 17 Wochen lang die Arbeit nieder, um Vorruhestand-Regelungen und einen besseren Gesundheitsschutz sowie eine Gleichstellung von Frauen durchzusetzen. Die Arbeitgeber verpflichteten sich am Ende nur, über diese Themen zu verhandeln.

2004

2004 blieben in Leverkusen die Busse 395 Tage lang in den Depots, weil die Mitarbeiter einer Tochterfirma der Kraftverkehr Wupper-Sieg (KWS) höhere Löhne verlangten.

2012/2013

2012/2013 streikten Beschäftigte des Verpackungsherstellers Neupack in Hamburg acht Monate lang, um einen Tarifvertrag durchzusetzen. Erreicht wurde eine tarifvertragsähnliche Vereinbarung mit dem Betriebsrat.

2013

2013 legten Beschäftigte im Einzelhandel über einen Zeitraum von acht Monaten immer wieder die Arbeit nieder, bis Anfang 2014 die letzten Lohn-Abschlüsse unter Dach und Fach waren. In mehr als 950 Betrieben wurde vorübergehend nicht gearbeitet.

Dafür ist es auf den deutschen Straßen umso voller. Der ADAC meldet zahlreiche Verkehrsstörungen. Der Weg von Köln nach Düsseldorf etwa dauert am Donnerstagmorgen nicht die üblichen 40 Minuten, sondern anderthalb Stunden – schleichender Verkehr an fast jeder Ausfahrt, hinzu kommen die üblichen Wegverzögerungen durch Baustellen auf der Strecke.  

Auf der A 52 geht es nur im Schneckentempo vorwärts. Erster Gang, zweiter Gang, wieder abbremsen. Stillstand. Dann wieder ganz langsam anrollen. Rund 10 Kilometer lang. Erst nach dem Kaarster Kreuz, als es dreispurig Richtung Düsseldorf geht, fließt der Verkehr wieder mit mehr als 100 km/h.

Nun wird sogar mit Engpässen bei der Kraftstoffversorgunggerechnet. Beim Spritnachschub „wird es aus meiner Sicht auf jeden Fall Engpässe geben, zumal ja auch das Aufkommen im Individualverkehr erhöht sein wird“, sagte Gunnar Gburek vom Bundesverband Materialwirtschaft dem Sender MDR Info. Er rechne mit Engpässen „spätestens Sonntag oder Montag“. Raffinerien hätten Probleme, die Tankstellen zu beliefern.

Kommentare (9)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Michael Müller

06.11.2014, 11:28 Uhr

Wer hat denn die Bahn privatisiert? Doch diejenigen, die jetzt an der Regierung sind! Aber weiterhin schön CDU wählen, liebe Pendler!

Herr Marc Ho

06.11.2014, 11:47 Uhr

Richtig, auf diese Pseudoprivatisierung hätte man gut verzichten können. Die Bahn ist ein Aktiengesellschaft, und alle Aktien gehören dem Staat. Was das mit Privatisierung zu tun haben soll, weiß wohl nicht mehr die Bahn selbst. Im Übrigen fahren sämtliche Privatbahnen (BOB, Veolia, Alex, Meridian, Vogtlandbahn, etc.) allesamt seit Jahren streikfrei und zuverlässig. In Bezug auf Verspätungen sind Sie um nichts schlechter als die Staatsbahn. Insofern kann sich dieser Moloch ruhig zu Tode streiken, es werden sich echte private Betreiber finden und niemand wird die Streikbahn vermissen.

Frau ines guettler

06.11.2014, 11:50 Uhr

wie wär´s, wenn man die Angestellten endlich am Wirtschaftsboom beteiligen würde und vernünftige Lohnerhöhungen anbietet, so wie es für die Führungsetagen üblich ist (z.B. 6% mehr, dann bleibt netto tatsächlich auch was übrig). Sr. Dragi sollte das erfreuen, weil es die Inflation fördert und wir doch so Angst vor einer Deflation haben. Dann kassiert die Bundesregierung eben nicht mehr die gesamten Millionen Rendite, wie wird es verkraften. Die Bahnbeförderungspreise müssen deswegen nicht angehoben werden. Und diese maffiösen Methoden der persönlichen Bedrohung sind einer Regierung, die sich demokratisch nennt, unwürdig. Letztlich ist es, trotz Privatisierung, unsere Regierung die für dieses Desaster verantwortlich ist.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×