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09.01.2017

15:06 Uhr

Luftfahrt

Spritpreis-Schock für die Lufthansa

VonJens Koenen

Steigende Treibstoffpreise belasten die Gewinnaussichten der Lufthansa. Das erhöht den Druck auf das Team um Airline-Chef Carsten Spohr. Er muss bald die Kosten und die Komplexität des Geschäfts in den Griff bekommen.

Die größte deutsche Fluggesellschaft warnt vor steigenden Treibstoffpreisen. dpa

Lufthansa-Maschine wird betankt

Die größte deutsche Fluggesellschaft warnt vor steigenden Treibstoffpreisen.

FrankfurtDie Botschaft der Investoren ist eindeutig: Bloß raus aus dem Papier, lautete am Montag das Motto. Nachdem die Lufthansa am Freitagabend die Anleger auf steigende Treibstoffpreise im laufenden Jahr vorbereitet hatte, brach die Aktie des Konzerns um über fünf Prozent ein. Die Aussagen würden in Erinnerung rufen, dass ein Ergebniswachstum ohne Rückenwind durch die Treibstoffpreise schwierig bleibe, bringt Neil Glynn von Credit Suisse in einer kurzen Analyse die Stimmung unter den Investoren auf den Punkt.

Auf 5,3 Milliarden Euro beziffert die Lufthansa die voraussichtliche Rechnung für das Flugbenzin im laufenden Jahr. Das wären 400 Millionen Euro mehr als im gerade abgelaufenen Jahr. Dabei sind in dieser Kalkulation die beschlossene Komplettübernahme der belgischen Brussels Airlines und das Mieten von 38 Flugzeugen der schwer angeschlagenen Air Berlin noch nicht berücksichtigt. Als Grund nennen die Airline-Verantwortlichen den kräftigen Anstieg beim Rohöl-Preis und den starken Dollar. Denn Kerosin wird weltweit in Dollar gehandelt.

Überraschend ist diese Mitteilung der gemessen am Umsatz größten europäischen Fluggesellschaft nicht. Schon länger erwarten Experten nicht zuletzt wegen der wieder steigenden Treibstoffpreise ein schwieriges Luftfahrtjahr 2017.

Die Baustellen bei Eurowings

Große Herausforderungen für den neuen Chef

Lufthansa hat die Latte für sein neues Vorstandsmitglied Thorsten Dirks ordentlich hoch gelegt. Der frühere Chef der Telekommunikationsanbieter E-Plus und O2 muss ab Mai das Billigkonzept Eurowings zum Erfolg führen, nicht weniger erwarten Aufsichtsrat und Konzernchef Carsten Spohr von dem 53-Jährigen. Neben seiner Rolle als Ideengeber für neue Digitalstrategien muss der frühere Luftwaffen-Pilot handfeste Airline-Probleme lösen, denn die aktuell in der Verlustzone operierende Eurowings ist kompliziert aufgebaut und teurer als die Konkurrenz.

Komplizierte Integration

Die Billig-Plattform Eurowings soll eigentlich auch externen Fluggesellschaften offenstehen. Bislang sind aber nur Gesellschaften der Lufthansa-Familie unter Wings-Flagge unterwegs: Eurowings, Germanwings, die Wiener Eurowings Europe und SunExpress. 2017 kommen die kürzlich komplett übernommene Brussels Airlines und bis zu 35 Jets der Air Berlin dazu, die im so genannten „Wet Lease“ zugemietet werden sollen – die niedrigste vorgesehene Kooperationsstufe mit einem Externen. Lufthansa hat ein detailliertes Regelwerk für die neu zu gewinnenden Partner aufgestellt. „Alles, womit der Kunde in Berührung kommt, soll gleich sein“, sagt der scheidende Vorstand Karl Ulrich Garnadt. Bei der Integration könnten Dirks Erfahrungen aus der Fusion der Mobilfunker E-Plus und O2 sehr nützlich sein.

Wackelkandidat Air Berlin

Wenn alles klappt, gehen die 35 Jets der Air Berlin samt Personal ab Ende März 2017 für Eurowings an den Start. Der mehrjährige Mietvertrag gehört zum Rettungspaket, das AB-Großaktionär Etihad für seine deutsche Beteiligung geschnürt hat, die aber erst einmal über den einnahmeschwachen Winter gebracht werden muss. Helfen soll dabei die 300-Millionen-Euro-Spritze, die Etihad offiziell für den Verkauf der AB-Tochter Niki lockergemacht hat. Doch auch damit ist Air Berlin nicht aus dem Schneider. Dem Vernehmen nach zahlt Eurowings für die Flieger so wenig Miete, dass Air Berlin auch 2017 Geld drauflegt. Seit Jahren hält sich die Gesellschaft nur dank der arabischen Finanzspritzen in der Luft. Ein Aus würde künftig auch Eurowings treffen. Lufthansa-Insider behaupten aber, das Problem einer möglichen Insolvenz im Griff zu haben und den Flugbetrieb auch in diesem Fall schnell weiterführen zu können.

Kein Frieden mit den Gewerkschaften

In den zersplitterten Fluggesellschaften, die Flüge der Marke Eurowings anbieten, haben unterschiedliche Gewerkschaften das Sagen, die zudem nach Berufsgruppen aufgeteilt sind. Die Piloten der Vereinigung Cockpit bekämpfen das Wings-Konzept ohnehin nach Kräften, legten in der Vergangenheit auch immer wieder die größte Teilgesellschaft Germanwings lahm. Beim Kabinenpersonal der kleineren Eurowings GmbH bekämpfen sich die Gewerkschaften Verdi und Ufo mit wechselnden Streikszenarien, wobei eine Klarstellung durch das Tarifeinheitsgesetz noch in weiter Ferne liegt. Bei den Passagieren kann sich der Eindruck festsetzen, dass bei Eurowings und Lufthansa immer irgendwo gestreikt werde.

Kaum noch Nischen

Lufthansa bietet im Eurowings-Plattformkonzept auch Fernflüge an. In den wenigen, ebenfalls geleasten Langstreckenjets sitzen Piloten der deutsch-türkischen Sun Express. Lowcost rechnet sich auf lange Entfernungen aber deutlich schlechter, weil Crews übernachten müssen und komplizierte Umläufe entstehen. Technische Probleme können schnell zu massiven Verspätungen führen, wie die Lufthansa-Tochter bereits mehrfach schmerzhaft erfahren hat. Außerdem drängen andere Gesellschaften wie Norwegian und WOW Air (über Island) in das Nordatlantikgeschäft. Aus den asiatischen Massenmärkten will unter anderem der malaysische Billigriese Air Asia künftig nach Europa und zurück fliegen.

Brexit macht Billig-Konkurrenz aggressiver

Eigentlich könnte der Brexit der Lufthansa fast schnuppe sein. Das Großbritannien-Geschäft ist für den Konzern nicht bedeutend, und das billige britische Pfund lockt zusätzliche Urlauber auf die Insel. Doch der erwartete EU-Austritt des Landes treibt Europas größten Billigflieger Ryanair aus Irland noch stärker auf den Kontinent. Ryanair-Chef Michael O'Leary will seine für das nächste Geschäftsjahr erwarteten 50 neuen Flugzeuge nur außerhalb Großbritanniens einsetzen. Die britische Rivalin Easyjet fürchtet um ihre Verkehrsrechte - und plant den Aufbau eines Flugbetriebs innerhalb der Europäischen Union. Für Lufthansa und ihre Tochter Eurowings droht der Wettbewerb noch härter zu werden, weil sie trotz aller Anstrengungen das Kostenniveau der Herausforderer nicht erreicht. Schon heute macht der Ansturm der Konkurrenz dem Konzern an vielen deutschen Flughäfen zu schaffen. Ab März landet Ryanair auch am größten Lufthansa-Drehkreuz in Frankfurt.

So prognostizierte der Weltluftfahrtverband Iata kurz vor Weihnachten für die kommenden zwölf Monate ein Nettoergebnis aller im Verband organisierten Gesellschaften von 29,8 Milliarden US-Dollar – nach 35,6 Milliarden Dollar im Jahr 2016. Wirklich kalt erwischt dürften die Investoren von dem Lufthansa-Bekenntnis also eigentlich nicht sein.

Doch die Aussagen der Airline-Manager aus Frankfurt dürften einmal mehr den Blick der Anleger für die Kernprobleme der Airline geschärft haben. Sie waren in den zurückliegenden zwölf Monaten durch die Einsparungen beim Kerosin von satten 800 Millionen Euro etwas überdeckt worden. Nach wie vor eines der größten Probleme sind die immer noch hohen Kosten der Airline. Diese stoßen auf ein gleichzeitig immer härter werdendes Umfeld mit sinkenden Margen beim Ticketverkauf.

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