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18.12.2016

17:27 Uhr

Luftfahrtbranche

Air-Berlin-Chef Pichler wird abgelöst

Air Berlin steht vor einem Wechsel an der Konzernspitze. Stefan Pichler muss gehen. Sein Nachfolger bei Deutschlands zweitgrößter Fluggesellschaft soll ausgerechnet von der Lufthansa kommen.

Der Chef der Fluggesellschaft Air Berlin während einer Pressekonferenz: Nach zwei Medienberichten wird spätestens am morgigen Montag des Rücktritt des Managers bekanntgegeben. dpa

Air Berlin - Stefan Pichler

Der Chef der Fluggesellschaft Air Berlin während einer Pressekonferenz: Nach zwei Medienberichten wird spätestens am morgigen Montag des Rücktritt des Managers bekanntgegeben.

BerlinDie Fluggesellschaft Air Berlin bekommt in ihrem Überlebenskampf noch einmal einen neuen Chef. Der derzeitige Vorstandsvorsitzende Stefan Pichler übergibt die Führung von Deutschlands zweitgrößter Fluglinie am 1. Februar 2017 an den Lufthansa-Manager und früheren Germanwings-Chef Thomas Winkelmann, wie Air Berlin am Sonntag nach einer Aufsichtsratssitzung mitteilte. Winkelmann soll den Umbau von Air Berlin weiter vorantreiben.

Der 59-jährige Pichler hatte nach immer höheren Verlusten zuletzt die Aufspaltung der Fluglinie eingeleitet - und zwar auf Druck von Air Berlins Großaktionär Etihad. Der Mitteilung zufolge geht er nach knapp zwei Jahren an der Unternehmensspitze auf eigenen Wunsch.

Air Berlin vermietet ab Februar 38 Maschinen samt Personal an den Lufthansa-Konzern und vor allem an dessen Tochter Eurowings. Zudem soll die österreichische Air-Berlin-Tochter Niki zusammen mit der deutschen Fluglinie Tuifly des Reisekonzerns Tui einen gemeinsamen Ferienflieger mit gut 60 Flugzeugen bilden. Air Berlins künftige Kernflotte wäre mit rund 75 Flugzeugen danach nur noch etwa halb so groß wie heute. Zugleich sollen bis zu 1200 Jobs wegfallen.

Winkelmann hatte rund neun Jahre lang die Lufthansa-Tochter Germanwings geführt und leitet derzeit das Lufthansa-Drehkreuz München. Einem Insider zufolge soll der 57-Jährige dafür sorgen, dass Air Berlin nicht führungslos wird und der Miet-Deal mit der Lufthansa gelingt. Nach Informationen des „Manager-Magazins“ soll er die verbleibende Air Berlin zudem näher an die Lufthansa heranführen.

Wer hat was von der Air-Berlin-Zerschlagung?

Die Beschäftigten

Air Berlin will bis zu 1200 Vollzeitstellen streichen. Den Mitarbeitern sollen Möglichkeiten zur Weiterbeschäftigung innerhalb der Etihad Airways Partners Group angeboten werden. Das fliegende Personal dürfte dagegen zunächst keine Entlassungen fürchten, weil die geplanten Flüge unter der Eurowings-Flagge ja weiter absolviert würden. Bei allen beteiligten Airlines machen sich die Gewerkschaften dennoch Sorgen um das bisherige Lohn-Niveau und die Sicherheit der Arbeitsplätze. Bei Air Berlin hieß es: „Das Unternehmen nimmt unverzüglich Gespräche mit Vertretern der Betriebsräte auf, um bis Februar 2017 freiwillige und betriebsbedingte Kündigungen zu bestätigen.“

Die Passagiere

Weniger Auswahl, höhere Preise – das ist die Gleichung, die der Wettbewerbsexperte Justus Haucap für den Lufthansa-Air-Berlin-Deal aufmacht. „Die Erfahrung zeigt: Wenn man auf einer Strecke die Reduktion von zwei auf einen Anbieter hat, muss man schon sehr gutgläubig sein, wenn man denkt, dass die Preise dort nicht steigen.“ Konkurrenten wie Ryanair und Easyjet bräuchten Zeit, um auf den Strecken nachzuziehen. „10 bis 20 Prozent höhere Preise halte ich für realistisch. Das würde vor allem Vielflieger und Geschäftsreisende treffen.“ Der Experte geht davon aus, dass das Geschäft ein Fall für das Bundeskartellamt wird, das dann möglicherweise wieder für mehr Wettbewerb auf den Strecken sorgt. „In anderen Fusionsverfahren gab es beispielsweise die Auflage, einzelne Slots (Start- und Landerechte) für die Konkurrenz freizugeben.“

Air Berlin selbst sieht den Schritt dagegen als Voraussetzung für mehr Effizienz. „Eine schlankere, dynamische und stärkere Air Berlin ist zukunftsfähig“, betonte Vorstandschef Stefan Pichler. Im Langstrecken-Geschäft sei sogar der Aufbau neuer Verbindungen vor allem in die USA geplant.

Lufthansa

Europas größter Luftverkehrskonzern ist im Billigsegment auf Aufholjagd und will dringend wachsen. Die Europaflotte der Eurowings von derzeit 90 Jets würde mit dem Leasing-Deal schnell und ohne großes wirtschaftliches Risiko um bis 35 Maschinen wachsen und das vorhandene Netz aus Hamburg und Stuttgart ergänzen. Mit einer schnellen Übernahme der touristischen Air-Berlin-Flüge vermeidet Lufthansa zudem, dass die Start- und Landeslots neu vergeben werden.

Weitere 29 Mittelstreckenjets dürften von der bisherigen Minderheitsbeteiligung Brussels Airlines kommen, die Lufthansa Anfang 2017 ganz unter ihre Fittiche nehmen will. Mit dann mehr als 150 Maschinen wäre Eurowings hinter Ryanair (aktuell 357 Jets) und Easyjet (256) die klare Nummer drei in Europa. Brussels hat auch Regionalflugzeuge in der Flotte sowie neun Langstreckenjets vom Typ Airbus A330 - dem gleichen Modell, das auch Eurowings schon auf Billig-Langstreckenflügen einsetzt.

Etihad

Für die arabische Fluglinie ist Air Berlin bisher ein Fass ohne Boden. Seit die Araber Anfang 2012 als Großaktionär und Kooperationspartner bei den Berlinern eingestiegen sind, haben sie schon mehr als eine Milliarde Euro zugeschossen. Mehrere Sanierungsprogramme konnten nicht verhindern, dass Air Berlin immer mehr Geld verschlang, ohne welches zu verdienen. Nur Geldspritzen vom Persischen Golf hielten die Gesellschaft in der Luft. Durch die Deals mit Lufthansa kann Etihad zumindest einen Teil des Lochs stopfen – und Etihad-Chef James Hogan hätte in der Heimat weniger Erklärungsbedarf. Die verbleibende Air Berlin mit 75 Flugzeugen dürfte weiterhin die gewünschte Rolle als Zubringer für Etihads Langstrecken-Drehkreuz Abu Dhabi spielen.

Tui

Für die Mitte 2007 aus dem Billigflieger HLX und Hapagfly entstandene Tuifly könnte die Aufteilung von Air Berlin eine Neuordnung ihres Fluggeschäfts bedeuten. Tuifly als Saison-Airline bietet bislang ohne Drehkreuze vor allem Direktflüge zu den angebotenen Urlaubszielen an. Der Mutterkonzern Tui aus Hannover hat schon heute das Problem, in der Hauptsaison zu wenige und in der Nebensaison zu viele Flugzeuge zu haben. Die langfristig samt Besatzung an Air Berlin vercharterten 14 Boeing-737-Jets müssten nach den bisherigen Spekulationen künftig wieder in Eigenregie profitabel in die Luft gebracht werden. Insidern zufolge kämen noch 17 Maschinen der österreichischen Air-Berlin-Tochter Niki hinzu, so dass auch eine komplette Ausgliederung der Flugsparte möglich scheint.

Winkelmann ist der vierte Air-Berlin-Chef seit dem Abgang von Gründer Joachim Hunold im Jahr 2011. Seither hatten sich Hartmut Mehdorn, Wolfgang Prock-Schauer und Stefan Pichler an der Sanierung versucht. Laut „Bild am Sonntag“ soll Pichler sein Ausscheiden selbst geplant haben, nachdem zentrale Teile des Sanierungskurses eingeleitet worden waren. Etihad-Chef James Hogan sagte, Pichler habe „erfolgreich eine strategische Lösung für Air Berlin gefunden“.

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