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05.05.2017

12:19 Uhr

Lufthansa-Chef

Spohr hält Übernahme von Air Berlin für möglich

VonJens Koenen

Carsten Spohr erhält von den Lufthansa-Aktionären viel Lob. Doch im Fokus der Hauptversammlung stand nicht Europas größte Airline, sondern der schlingernde Rivale Air Berlin. Hier ließ sich Spohr in die Karten schauen.

Defizitäre Airline in der Krise

Zitterpartie an allen Enden – das sind Air Berlins Probleme

Defizitäre Airline in der Krise: Zitterpartie an allen Enden – das sind Air Berlins Probleme

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HamburgDie spannendsten Aussagen gab es von Carsten Spohr an diesem Freitag vor Beginn der eigentlichen Veranstaltung. Unmittelbar vor seinem Auftritt auf der Hauptversammlung von Lufthansa auf dem Messegelände in Hamburg stellte sich der Chef der nach Umsatz größten Fluggesellschaft in Europa den Journalisten. Thema Nummer eins: die Zukunft des schlingernden Rivalen Air Berlin.

Auf den ersten Blick sagte Spohr dazu wenig Neues. Es blieben die drei Kernprobleme, die einer Übernahme von Air Berlin im Wege stünden, betonte er einmal mehr: die hohen Schulden, die hohen Kosten und die Kartellfragen in Deutschland und auch in der EU. Doch anders als bei früheren Auftritten scheint der Lufthansa-Chef nun etwas optimistischer zu sein, die Hürden auch bewältigen zu können.

Die Baustellen bei Eurowings

Große Herausforderungen für den neuen Chef

Lufthansa hat die Latte für sein neues Vorstandsmitglied Thorsten Dirks ordentlich hoch gelegt. Der frühere Chef der Telekommunikationsanbieter E-Plus und O2 muss ab Mai das Billigkonzept Eurowings zum Erfolg führen, nicht weniger erwarten Aufsichtsrat und Konzernchef Carsten Spohr von dem 53-Jährigen. Neben seiner Rolle als Ideengeber für neue Digitalstrategien muss der frühere Luftwaffen-Pilot handfeste Airline-Probleme lösen, denn die aktuell in der Verlustzone operierende Eurowings ist kompliziert aufgebaut und teurer als die Konkurrenz.

Komplizierte Integration

Die Billig-Plattform Eurowings soll eigentlich auch externen Fluggesellschaften offenstehen. Bislang sind aber nur Gesellschaften der Lufthansa-Familie unter Wings-Flagge unterwegs: Eurowings, Germanwings, die Wiener Eurowings Europe und SunExpress. 2017 kommen die kürzlich komplett übernommene Brussels Airlines und bis zu 35 Jets der Air Berlin dazu, die im so genannten „Wet Lease“ zugemietet werden sollen – die niedrigste vorgesehene Kooperationsstufe mit einem Externen. Lufthansa hat ein detailliertes Regelwerk für die neu zu gewinnenden Partner aufgestellt. „Alles, womit der Kunde in Berührung kommt, soll gleich sein“, sagt der scheidende Vorstand Karl Ulrich Garnadt. Bei der Integration könnten Dirks Erfahrungen aus der Fusion der Mobilfunker E-Plus und O2 sehr nützlich sein.

Wackelkandidat Air Berlin

Wenn alles klappt, gehen die 35 Jets der Air Berlin samt Personal ab Ende März 2017 für Eurowings an den Start. Der mehrjährige Mietvertrag gehört zum Rettungspaket, das AB-Großaktionär Etihad für seine deutsche Beteiligung geschnürt hat, die aber erst einmal über den einnahmeschwachen Winter gebracht werden muss. Helfen soll dabei die 300-Millionen-Euro-Spritze, die Etihad offiziell für den Verkauf der AB-Tochter Niki lockergemacht hat. Doch auch damit ist Air Berlin nicht aus dem Schneider. Dem Vernehmen nach zahlt Eurowings für die Flieger so wenig Miete, dass Air Berlin auch 2017 Geld drauflegt. Seit Jahren hält sich die Gesellschaft nur dank der arabischen Finanzspritzen in der Luft. Ein Aus würde künftig auch Eurowings treffen. Lufthansa-Insider behaupten aber, das Problem einer möglichen Insolvenz im Griff zu haben und den Flugbetrieb auch in diesem Fall schnell weiterführen zu können.

Kein Frieden mit den Gewerkschaften

In den zersplitterten Fluggesellschaften, die Flüge der Marke Eurowings anbieten, haben unterschiedliche Gewerkschaften das Sagen, die zudem nach Berufsgruppen aufgeteilt sind. Die Piloten der Vereinigung Cockpit bekämpfen das Wings-Konzept ohnehin nach Kräften, legten in der Vergangenheit auch immer wieder die größte Teilgesellschaft Germanwings lahm. Beim Kabinenpersonal der kleineren Eurowings GmbH bekämpfen sich die Gewerkschaften Verdi und Ufo mit wechselnden Streikszenarien, wobei eine Klarstellung durch das Tarifeinheitsgesetz noch in weiter Ferne liegt. Bei den Passagieren kann sich der Eindruck festsetzen, dass bei Eurowings und Lufthansa immer irgendwo gestreikt werde.

Kaum noch Nischen

Lufthansa bietet im Eurowings-Plattformkonzept auch Fernflüge an. In den wenigen, ebenfalls geleasten Langstreckenjets sitzen Piloten der deutsch-türkischen Sun Express. Lowcost rechnet sich auf lange Entfernungen aber deutlich schlechter, weil Crews übernachten müssen und komplizierte Umläufe entstehen. Technische Probleme können schnell zu massiven Verspätungen führen, wie die Lufthansa-Tochter bereits mehrfach schmerzhaft erfahren hat. Außerdem drängen andere Gesellschaften wie Norwegian und WOW Air (über Island) in das Nordatlantikgeschäft. Aus den asiatischen Massenmärkten will unter anderem der malaysische Billigriese Air Asia künftig nach Europa und zurück fliegen.

Brexit macht Billig-Konkurrenz aggressiver

Eigentlich könnte der Brexit der Lufthansa fast schnuppe sein. Das Großbritannien-Geschäft ist für den Konzern nicht bedeutend, und das billige britische Pfund lockt zusätzliche Urlauber auf die Insel. Doch der erwartete EU-Austritt des Landes treibt Europas größten Billigflieger Ryanair aus Irland noch stärker auf den Kontinent. Ryanair-Chef Michael O'Leary will seine für das nächste Geschäftsjahr erwarteten 50 neuen Flugzeuge nur außerhalb Großbritanniens einsetzen. Die britische Rivalin Easyjet fürchtet um ihre Verkehrsrechte - und plant den Aufbau eines Flugbetriebs innerhalb der Europäischen Union. Für Lufthansa und ihre Tochter Eurowings droht der Wettbewerb noch härter zu werden, weil sie trotz aller Anstrengungen das Kostenniveau der Herausforderer nicht erreicht. Schon heute macht der Ansturm der Konkurrenz dem Konzern an vielen deutschen Flughäfen zu schaffen. Ab März landet Ryanair auch am größten Lufthansa-Drehkreuz in Frankfurt.

„Die Schulden kann nur Abu Dhabi lösen, das wissen die Verantwortlichen dort“, sagte Spohr, der zu Wochenbeginn mit Bundeskanzlerin Angela Merkel in Abu Dhabi gewesen ist. Die dortige Airline Etihad ist mit knapp 30 Prozent der größte Aktionär von Air Berlin und zudem der größte Gläubiger.

Die Kosten müsse der neue Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann in den Griff bekommen. Das geschehe bereits. Und auch die wohl heikelste Frage der kartellrechtlichen Genehmigung hält Spohr für lösbar. Spohr verwies etwa auf andere nationale Übernahmen in Europa, etwa die von British Midland durch IAG oder von Air Inter durch Air France. „Es ist also möglich“, so Spohr. Wenn alle drei Probleme gelöst seien, werde Eurowings noch ein bisschen stärker als bisher wachsen. Gelinge das nicht, werde die Tochter eben organisch wachsen.

Lufthansa als Retter?: Letzter Aufruf für Air Berlin

Lufthansa als Retter?

Premium Letzter Aufruf für Air Berlin

Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann weiß, dass die marode Fluggesellschaft für ihr Überleben dringend die Hilfe eines stärkeren Unternehmens braucht. In seiner neuen Strategie spielt die Lufthansa eine Schlüsselrolle.

Seit drei Jahren steht Spohr mittlerweile an der Spitze von Lufthansa. In dieser Zeit hatte er schon weitaus anstrengendere Aktionärstreffen zu bewältigen als in diesem Jahr. Der Lufthansa-Chef blickt auf durchaus erfolgreiche zwölf Monate zurück. Die rund 3000 Anteilseigner, die sich am Freitagmorgen in der Messehalle 3 in Hamburg versammelten, hatten denn auch einiges an Anerkennung im Gepäck.

Zwar gebe die Aktienkursperformance keinen Anlass zu Jubelstürmen, mahnte Winfried Mathes von Deka Investment. „Aber dafür ist aus der Streikhansa wieder eine Lufthansa geworden“, so Mathes: „Uns Aktionäre freut es, dass die Einigung mit dem Kabinenpersonal geschafft ist, die mit den Piloten ist immerhin in greifbare Nähe gerückt – beides sind wichtige Schritte für die zukunftsfähige Ausrichtung des Unternehmens.“

Doch so ganz zufrieden sind die Investoren mit der aktuellen Entwicklung von Lufthansa dann doch nicht. Vor allem die Kosten sind vielen von ihnen noch ein Dorn im Auge. Obwohl die Treibstoffkosten in den letzten zwei Jahren kumuliert um zwei Milliarden Euro gesunken seien, habe das bereinigte Betriebsergebnis nur um 800 Millionen Euro zugelegt, rechnet Mathes vor. Und weiter: Angesichts der Summe aus Nettokreditverschuldung und Pensionen sei der operative Mittelzufluss (Cashflow) einfach zu gering: „Da müssen wir die Frage stellen: Welche Effekte haben die Einsparungen bei den Treibstoffkosten aufgezehrt?“

Markus Neumann von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) sucht gar nach einer dauerhaft belastbaren Strategie. Nur die Kosten zu senken, reiche nicht: „Wie sichert Lufthansa die nachhaltige Rentabilität? Nur dann wird die Lufthansa überleben. Das ist eine existenzielle Frage.“

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