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30.11.2016

12:06 Uhr

Lufthansa-Kapitän Thomas von Sturm

„Zu Weihnachten würde ich United Airlines buchen“

Der Dauerstreik der Piloten sorgt in Teilen der Lufthansa-Belegschaft für Ärger. Sie machen ihrem Unmut mit einer Demonstration Luft. Ein baldiges Ende des Konflikts ist allerdings nicht in Sicht – im Gegenteil.

Lufthansa-Streik

Verhärtete Fronten – Fordern die Piloten zu viel?

Lufthansa-Streik: Verhärtete Fronten – Fordern die Piloten zu viel?

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DüsseldorfIm Tarifkonflikt mit den Lufthansa-Piloten droht eine endlose Hängepartie. „Wir gehen davon aus, dass die Auseinandersetzung sehr lange dauert“, sagte der Lufthansa-Kapitän und frühere Chef der Pilotenvereinigung Cockpit (VC), Thomas von Sturm, der „Zeit“. „Das halten wir zur Not noch fünf Jahre durch“. Nach Informationen der „Bild“-Zeitung könnte es in den nächsten Tagen auch Ausstände bei der Tochter Germanwings geben. Ein VC-Sprecher sagte dazu: „Davon wird aktuell nicht geredet“. Am Mittwoch setzten die Piloten ihre Streiks bei Lufthansa fort. Allerdings formierte sich in Teilen der Belegschaft dagegen Widerstand.

Nach Polizeischätzungen demonstrierten am Mittwoch zeitweise bis zu 400 Beschäftigte vor der Unternehmenszentrale am Frankfurter Flughafen gegen den Kurs der Piloten. Der Betriebsrats des Frankfurter Bodenpersonals hatte ohne Rückendeckung der Gewerkschaften zu der Kundgebung aufgerufen. Er forderte ein schnelles Ende des „zerstörerischen Streits“ und verlangt von der VC, in eine Schlichtung einzuwilligen.

Streitpunkte: Das fordern die Lufthansa-Piloten

Vergütung

Seit fast vier Jahren verhandelt die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit über höhere Vergütungen, hat bislang aber alle Angebote der Lufthansa abgelehnt. Den Piloten hatte die Airline zuletzt ein Lohnplus von 2,5 Prozent bis Ende 2018 angeboten. Die VC verlangt Tariferhöhungen von zusammen 22 Prozent über einen Zeitraum von fünf Jahren bis April 2017. Die Piloten der Fluggesellschaft erhalten aber auch ohne tarifliche Erhöhungen jedes Jahr automatisch einen Zuschlag von drei Prozent auf ihr Gehalt – bis zu einem Alter von 55 Jahren.

Vorruhestand

Früher mussten Piloten mit 55 Jahren in den Ruhestand gehen – und erhielten für die Zeit bis zum offiziellen Renteneintritt 60 Prozent ihres letzten Gehalts. Doch nicht nur das Bundesarbeitsgericht kippte diese Altersgrenze, sondern auch der Europäische Gerichtshof – und zwar auf Klage mehrerer Piloten. Entsprechend versucht der Vorstand, die sogenannte Übergangsvergütung zu verringern.

Altersrente

In der betrieblichen Altersversorgung garantierte Lufthansa bislang eine Verzinsung von sechs bis sieben Prozent des eingezahlten Betrags. Weil dies in Zeiten der Nullzinspolitik zu überbordenden Pensionsrückstellungen führt, will man sich von der Zusage trennen.

„Was immer die Piloten herausholen, muss am Ende des Tages an anderen Stellen im Unternehmen gegenfinanziert werden“, sagte das Mitglied des Lufthansa-Betriebsrates Frankfurt Boden, Ruediger Fell, der Deutschen Presse-Agentur. Bei Lufthansa gebe es eine schweigende Mehrheit, die von den Streiks die Nase voll habe. Zeitgleich demonstrierten nach Polizeischätzungen etwa 400 Piloten am Flughafen für ihre Belange.

Am Mittwoch strich Lufthansa wegen der Ausstände 890 Flüge, davon waren rund 98.000 Passagiere betroffen. Die Flieger der Töchter Eurowings und Germanwings hoben wie geplant ab. Am Donnerstag will die Airline wieder nahezu nach Plan fliegen. Nach den Streiks am Dienstag und Mittwoch werde es nur noch zu vereinzelten Flugstreichungen kommen. Rund 40 Flüge werden demnach ausfallen.

Lufthansa-Streik

Wie viel Ausfall kann sich die Airline noch leisten?

Lufthansa-Streik: Wie viel Streik kann sich die Lufthansa noch leisten?

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Die Arbeitsniederlegungen der Vereinigung Cockpit treffen den Flugbetrieb bei dem Konzern seit vergangener Woche immer wieder. Bislang sind laut Lufthansa an den sechs Streiktagen seit vergangenem Mittwoch mehr als 525 000 Passagiere von insgesamt 4461 Flugausfällen betroffen. Lediglich am Sonntag und Montag legten die Piloten eine Pause ein. Das Unternehmen geht von einem Schaden von 10 bis 15 Millionen Euro täglich aus.

Lufthansa und Cockpit streiten schon seit Jahren um die Gehälter von rund 5400 Piloten der Lufthansa, Lufthansa Cargo und Germanwings.

Immer wieder Streiks bei Lufthansa und ihren Töchtern

Frühjahr 2001

Flugkapitäne der Lufthansa legen mehrmals die Arbeit nieder. Von dem Premieren-Streik sind mehrere tausend Verbindungen betroffen. Am Ende erstreitet die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) ihren ersten Tarifvertrag. (Quelle: DPA)

Sommer 2008

Das Boden- und Kabinenpersonal der Lufthansa streikt fünf Tage lang. Mehrere hundert Flüge fallen aus. Die Gewerkschaft Verdi und das Unternehmen einigen sich am Ende auf höhere Gehälter.

September 2012

Die Flugbegleiter-Gewerkschaft Ufo verursacht den bis dahin größten Ausfall an einem einzigen Streiktag in der Geschichte der Lufthansa. Rund 1000 Flüge werden gestrichen, es trifft über 100.000 Passagiere. Beide Seiten beschließen eine Schlichtung.

April 2013

Ein Warnstreik des Bodenpersonals legt den Flugverkehr der Lufthansa in Deutschland fast lahm. Der Airline zufolge sind rund 150.000 Passagiere betroffen. Im Mai verabreden Verdi und der Konzern anschließend gestufte Entgelterhöhungen und einen Kündigungsschutz.

2. bis 4. April 2014

Start einer Streikserie von mittlerweile 13 Runden der Lufthansa-Piloten. Anfangs fallen rund 3800 Flüge aus. Es geht um Übergangsrenten, Gehalt, Altersvorsorge und im Hintergrund auch immer um die Billigtochter Eurowings.

6. Juli 2015

Die Piloten erklären die im Mai begonnene Schlichtung für gescheitert. Drei Wochen später bieten sie Lufthansa Einsparungen von über 400 Millionen Euro an, um Job-Verlagerungen zu verhindern.

8. bis 9. September 2015

16 Stunden Ausstand auf der Langstrecke sowie am folgenden Tag auch auf den Kurz- und Mittelstrecken. Das Landesarbeitsgericht Hessen erklärt den Ausstand für unrechtmäßig, weil die VC tariffremde Ziele verfolge.

6. November 2015

Die Flugbegleiter-Gewerkschaft Ufo startet einen einwöchigen Ausstand des Lufthansa-Kabinenpersonals. Der Konflikt wird schließlich vom SPD-Politiker Matthias Platzeck geschlichtet.

27. Oktober 2016

Ufo ruft bei Eurowings und Germanwings das Kabinenpersonal zu einem 24-stündigen Streik auf.

22. November 2016

Ufo-Mitglieder legen an den Standorten Düsseldorf und Hamburg die Arbeit nieder.

23. November 2016

Nachdem Verhandlungen über die Vergütung von rund 5400 Piloten der Kerngesellschaft Lufthansa und der Tochter Germanwings gescheitert sind, ruft die VC erneut zum Streik auf.

Der Tarifexperte des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Hagen Lesch, forderte in der „Rheinischen Post“ eine „obligatorische Schlichtungsvereinbarung“ in Deutschland. „Der Staat schreibt den Tarifparteien vor, dass sie bei unlösbaren Konflikten einen Schlichter ihrer Wahl anrufen und vorsorglich das Procedere festlegen müssen“. Damit habe man in anderen Branchen gute Erfahrungen gemacht.

Doch aktuell ist das Streik-Ende noch offen. Auch Lufthansa-Pilot von Sturm nannte der Zeit keinen genauen Zeitpunkt. Auf die Frage: „Wenn Sie zu Weihnachten nach New York fliegen müssten, was würden Sie tun?“ entgegnete er jedoch: „Wenn ich sicher gehen wollte, würde ich United Airlines buchen.“

Von

dpa

Kommentare (5)

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Account gelöscht!

30.11.2016, 15:12 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. http://www.handelsblatt.com/netiquette 

Herr John Harris

30.11.2016, 16:26 Uhr

„Das halten wir zur Not noch fünf Jahre durch“

Auf keinen Fall, dann ist der Kranich nämlich schon gestorben.
Die Konkurrenz ist im Internet nur noch einen Klick entfernt und wenn man Ärger mit einer Fluggesellschaft ahnt, dann bucht man eben eine andere, auch wenn das Ticket ein bisschen teurer sein sollte.

Emirates et. al. werden sich freuen.

Herr Thomas Röll

30.11.2016, 16:47 Uhr

Jetzt werden schon von den den eigenen Mitarbeitern Empfehlungen gegeben, auf Mitbewerber auszuweichen. Als Arbeitgeber muß man doch in der Lage sein, hier einmal die Konsequenzen zu ziehen und solchen Mitarbeitern die Möglichkeit geben sich schnellstens nach einem anderen Arbeitgeber umzusehen.
Vor allem zeigt es auch, wie weit es in diesem Tarifkonflikt bereits gekommen ist. Die überbezahlten und mit überhohen Pensionen ausgestatteten Piloten streiken die Lufthansa in die Pleite und ziehen damit sämtliche Beschäftigte mit. Die Kunden, die deren Gehalt mit teuren Flugpreisen bezahlen, sind denen völlig egal und man kann nur hoffen, daß die Kunden das dann auch einmal begreifen und dann tatsächlich auf andere Fluglinien mit weniger arrogantem Flugpersonal ausweichen.

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